Anleihen Outlook 2026: Übergang statt Umbruch, Chancen durch Disziplin

In diesem Jahr dürfte sich das Wachstum der Weltwirtschaft zwar abschwächen, eine Rezession ist aber nach heutigem Stand nicht das wahrscheinlichste Szenario. Zu diesem Schluss kommt Peter Becker, Fixed Income Investment Director bei Capital Group. Die Weltwirtschaft befinde sich vielmehr in einem komplexen Übergangsprozess, in dem sich Wachstumsraten zwischen Regionen tendenziell angleichen könnten. Becker verweist insbesondere drauf, dass Europa im Zeitverlauf zu den USA aufschließen könne, auch wenn die Entwicklung von Daten, Politik und Stimmungslage geprägt bleibe. Capital Group | 29.01.2026 12:04 Uhr
Peter Becker, Investment Director bei Capital Group / © e-fundresearch.com / Capital Group
Peter Becker, Investment Director bei Capital Group / © e-fundresearch.com / Capital Group

Geldpolitik: Der Fokus verschiebt sich, Zinssenkungen als neuer Referenzpunkt

„Die Geldpolitik bleibt der zentrale Faktor für die Richtung von Renditen und Risikoaufschlägen“, erläutert Becker. „Die US-Notenbank hat einen Zinssenkungszyklus eingeleitet, weil schwächere Arbeitsmarktdaten aus ihrer Perspektive stärker ins Gewicht fallen als die Inflation.“ Daraus lasse sich ableiten, dass sich die Marktdebatte zunehmend um das Tempo und die Größe weiterer Schritte dreht. Für Anleiheninvestoren entstehe damit ein Umfeld, in dem die Reaktionsfunktion der Notenbank wieder stärker in den Vordergrund rücke, weil einzelne Datenpunkte zu Wachstum und Arbeitsmarkt größere Auswirkungen auf die Zinskurve haben könnten als in der Phase stabil steigender Leitzinsen.

Bewertungen: Anspruchsvoll, aber nicht losgelöst von Fundamentaldaten und Technik

„Die Bewertungslage im langfristigen Vergleich ist weiterhin hoch“, betont der Experte. „Zeitgleich ist es wichtig zu erkennen, dass Fundamentaldaten und technisches Marktumfeld durch Politik und Wachstum unterstützt werden.“ Entscheidend sei, dass Bewertungen allein nur begrenzt erklären könnten, wie sich Märkte in den kommenden Quartalen entwickelten. „Daher steht für uns nicht eine pauschale Risikoaversion im Vordergrund, sondern eine konsequente Ausrichtung auf Widerstandsfähigkeit und Ausgewogenheit in der Portfolioallokation“, so Becker. Gerade wenn Spreads wenig Puffer böten, werde die Differenzierung zwischen Emittenten, Branchen und Strukturen wichtiger, weil sich Qualität und Refinanzierungsfähigkeit stärker in der Bepreisung niederschlagen könnten.

Zinsstrukturkurve: Vorbereitung auf eine weitere Versteilung

Becker betont, dass Portfolios auf eine weitere Versteilung der US-Zinsstrukturkurve vorbereitet würden. Die Implikation sei, dass das Zinsrisiko nicht nur als defensiver Baustein verstanden werden solle, sondern als aktiver Hebel, der sauber auf das erwartete Zusammenspiel aus Konjunkturabkühlung, geldpolitischer Lockerung und langfristigen Renditetreibern ausgerichtet werden müsse. „In einem solchen Umfeld kann die Balance zwischen Laufzeiten zu einer zentralen Quelle für Stabilität und Ertrag werden“ erklärt Becker. „Insbesondere dann, wenn sich die kurzfristigen Zinsen schneller bewegten als die langfristigen Renditen.“

Ertrag: Hohe Anfangsrenditen als Puffer gegen kurzfristige Volatilität

Ein wesentlicher Punkt sei, dass die Anfangsrenditen weiterhin hoch seien und damit einen erheblichen Teil der kurzfristigen Volatilität abfedern könnten. Das verändere die Ausgangslage gegenüber den Jahren mit sehr niedrigen Zinsen, weil der laufende Ertrag wieder einen größeren Anteil an der Gesamtrendite habe. „Investoren werden das Thema Carry wieder strategischer betrachten können, nicht als kurzfristige Opportunität, sondern als strukturelle Komponente zur Stabilisierung von Portfolios“, so der Experte. Diese Logik könne auch helfen, in Phasen von Spreadausweitungen handlungsfähig zu bleiben, weil der laufende Kupon mehr Spielraum für Geduld und selektives Rebalancing gebe.

Portfolioansatz: Resilienz und Balance als Leitplanken für 2026

In der Summe würde man den Nutzen von Resilienz und Balance stärker betonen als spektakuläre Einzelszenarien. „Das Umfeld ist geprägt von Übergängen, nicht von klaren Einbahnstraßen“, resümiert Becker. „Deshalb kommt es darauf an, Zinsrisiko, Kreditrisiko und Liquiditätsaspekte gemeinsam zu steuern und die Portfolios so zu konstruieren, dass sie sowohl bei moderater Abkühlung als auch bei unerwarteten Stressphasen belastbar blieben.“ Vor diesem Hintergrund hätten qualitativ robuste Segmente und eine disziplinierte Titelselektion aus seiner Sicht einen hohen Stellenwert, weil sich in einem Markt mit erhöhten Bewertungen Fehler schneller rächen könnten, während saubere Fundamentalarbeit Chancen eröffne.

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