Arne Tölsner: Anleger sollten geopolitische Risiken und KI-Chancen gemeinsam betrachten

Die globale Konjunktur bewegt sich in einem Spannungsfeld aus geopolitischen Risiken, hohen Energiepreisen, geldpolitischer Unsicherheit und strukturellem Rückenwind durch künstliche Intelligenz. Zu diesem Schluss kommt Arne Tölsner, Head of Client Group DACH bei Capital Group. Für Anleger entstehe daraus ein Marktumfeld, das weder klar defensiv noch eindeutig risikofreudig zu beurteilen sei. Capital Group | 30.06.2026 08:52 Uhr
Arne Tölsner, Head of Client Group DACH bei Capital Group / © e-fundresearch.com / Capital Group
Arne Tölsner, Head of Client Group DACH bei Capital Group / © e-fundresearch.com / Capital Group

„Anleger sollten die aktuelle Lage nicht eindimensional betrachten“, sagt Tölsner. Die Weltwirtschaft werde einerseits durch den Krieg im Iran, mögliche Störungen der Energieversorgung und anhaltende Handelskonflikte belastet. Andererseits könne der starke Investitionszyklus rund um künstliche Intelligenz das Wachstum vor allem in den USA stärker stützen, als viele Marktteilnehmer derzeit erwarten.

Künstliche Intelligenz bleibt ein zentraler Treiber

Nach Einschätzung Tölsners sei künstliche Intelligenz einer der wichtigsten Wachstumsmotoren der kommenden Jahre. Der Ausbau von Rechenzentren, digitaler Infrastruktur und neuen Anwendungen führe bereits heute zu erheblichen Investitionen. Gerade in den USA könne dieser Trend dazu beitragen, die Konjunktur zu stabilisieren, selbst wenn andere Wirtschaftsbereiche an Dynamik verlören.

Gleichzeitig sollten Anleger sorgfältig prüfen, welche Unternehmen tatsächlich langfristig von diesem Trend profitierten. Nicht jedes Geschäftsmodell, das mit künstlicher Intelligenz verbunden sei, werde automatisch nachhaltige Erträge liefern. „Künstliche Intelligenz ist ein starker Wachstumstreiber. Aber nachhaltiges Wachstum sollte nicht allein von einem Sektor abhängen“, so Tölsner.

Ölpreis als Belastungsfaktor

Der Krieg im Iran zeige, wie sensibel Märkte weiterhin auf Energiepreisrisiken reagierten. Besonders relevant sei die Straße von Hormus, da eine Störung der Transporte dort den Ölpreis deutlich erhöhen könnte. Höhere Energiepreise würden Unternehmen belasten, die Kaufkraft der Verbraucher schwächen und den Inflationsdruck wieder verstärken.

„Ölschocks können Märkte kurzfristig erheblich belasten. Entscheidend ist aber, ob daraus dauerhafte Lieferausfälle und eine breitere Inflationswelle entstehen“, sagt Tölsner. Historisch hätten Aktienmärkte geopolitische Schocks oft verarbeitet, sofern die Energieversorgung nicht dauerhaft beeinträchtigt worden sei. Für Anleger spreche dies dafür, kurzfristige Ausschläge als solche einzuordnen, ohne die Risiken zu unterschätzen.

Geldpolitik bleibt schwer berechenbar

Auch die Zinsaussichten seien aus Sicht Tölsners weniger eindeutig geworden. Die amerikanische Notenbank müsse abwägen, ob sie stärker auf Inflationsrisiken oder auf eine mögliche Wachstumsabkühlung reagiere. Steigende Energiepreise könnten die Inflation erhöhen, während schwächere Nachfrage und ein nachlassender Arbeitsmarkt für Zinssenkungen sprechen könnten.

„Die Fed bewegt sich in einem Umfeld, in dem jedes Signal von Inflation, Beschäftigung und Konsum neu gewichtet werden muss“, sagt Tölsner. Anleger sollten deshalb nicht nur auf einzelne Zinsentscheidungen achten, sondern auf die Frage, ob die Geldpolitik in den kommenden Monaten eher stabilisierend oder bremsend wirke.

Selektivität wird wichtiger

Für Portfolios bedeute dieses Umfeld, dass breite Streuung und Qualitätsorientierung wichtiger würden. In Europa könnten höhere Energiepreise und schwächeres Wachstum belasten, während fiskalische Impulse und höhere Verteidigungsausgaben einzelne Bereiche stützen könnten. In Asien bleibe das Bild gemischt, da China weiterhin unter strukturellen Herausforderungen leide und Japan anfällig für höhere Energiekosten sei.

„In diesem Umfeld ist breite Streuung wichtiger als ein einzelnes Makroszenario“, fasst Tölsner zusammen. Anleger sollten Portfolios so ausrichten, dass sie kurzfristige Volatilität aushielten, aber langfristige Wachstumsquellen nicht verpassten. Entscheidend sei, Qualität von bloßer Markteuphorie zu unterscheiden.

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