„Globale Anleihen bieten heute wieder einen Renditepuffer, den Investoren lange vermisst haben“, sagt Peter Becker, Fixed Income Investment Director bei Capital Group. „Höhere laufende Erträge, attraktivere Anfangsrenditen und mehr Spielraum für aktive Steuerung schaffen ein Umfeld, in dem Anleihen wieder stärker zur Stabilität und zum Gesamtertrag eines Portfolios beitragen können.“
Höhere Renditen, mehr Flexibilität
In den Jahren extrem niedriger Zinsen seien Anleger für die Übernahme von Duration- und Kreditrisiken nur begrenzt kompensiert worden. Heute sehe das anders aus. Die Renditen hochwertiger Anleihen lägen deutlich über dem Niveau von Anfang 2022, während die Zinssensitivität in Teilen des Marktes zurückgegangen sei. Gleichzeitig habe insbesondere die Fed wieder mehr Spielraum, um auf eine stärkere Wachstumsabkühlung zu reagieren.
„Das ist ein entscheidender Unterschied zu früheren Jahren“, erklärt Becker. „Anleihen bieten wieder laufende Erträge, ohne dass Anleger zwangsläufig weit in riskantere Segmente ausweichen müssen. Gerade in einem Umfeld erhöhter Unsicherheit ist das ein wichtiger Vorteil.“
Auch Duration werde dadurch wieder relevanter. Die Renditeanstiege der vergangenen Monate hätten in vielen hochwertigen Anleihemärkten attraktivere Einstiegsniveaus geschaffen. Zugleich könne Duration als Absicherung dienen, falls sich die Wachstumsaussichten weiter eintrübten.
„Wenn Märkte stark auf mögliche Zinserhöhungen fokussiert sind, entstehen häufig interessante Einstiegspunkte für Duration“, so Becker. „Es geht nicht darum, jede Zinsbewegung exakt vorherzusagen. Entscheidend ist, ob Anleger für das eingegangene Zinsrisiko wieder angemessen kompensiert werden.“
Credit: Qualität und Selektivität entscheiden
Im Kreditbereich sieht Becker weiterhin Chancen, allerdings nicht mehr breit und undifferenziert. Viele Credit-Spreads seien eng, doch die Gesamtrenditen blieben attraktiv. Zudem seien die Fundamentaldaten vieler Unternehmen robust, die Bilanzen solide und die Kapitalallokation disziplinierter als in früheren späten Zyklusphasen.
„Das Argument für Unternehmensanleihen ist heute weniger eine Geschichte weiterer Spread-Kompression“, sagt Becker. „Es geht vielmehr darum, laufende Erträge von fundamental soliden Emittenten in einem Umfeld erhöhter Zinsen zu erzielen.“
Breite Indexexponierung sei in einem solchen Markt weniger attraktiv. Die Unterschiede zwischen Sektoren, Ratingsegmenten und einzelnen Emittenten nähmen zu. Genau diese Streuung eröffne aktiven Investoren Chancen, gezielt dort zu investieren, wo Rendite, Bewertung und Fundamentaldaten zusammenpassen.
KI ist auch ein Anleihethema
Ein zusätzlicher Faktor sei der Ausbau künstlicher Intelligenz. Große Technologieunternehmen und andere finanzstarke Emittenten benötigten erhebliche Mittel für Rechenzentren und digitale Infrastruktur. KI-bezogene Anleiheemissionen könnten 2026 auf mehr als 500 Milliarden US-Dollar steigen.
„KI ist nicht nur ein Thema für Aktieninvestoren“, betont Becker. „Der Infrastrukturaufbau erfordert enorme Finanzierungsmittel. Für Anleiheinvestoren entstehen daraus neue Chancen – aber auch neue Analyseanforderungen.“ Entscheidend sei, sorgfältig zu prüfen, ob Investitionspläne, Cashflows und Verschuldung langfristig tragfähig seien.
Auch High-Yield- und Schwellenländeranleihen könnten selektiv interessant bleiben. Im High-Yield-Markt wirkten Spreads auf Indexebene zwar eng, doch die Qualität des Marktes habe sich verbessert. Viele Emittenten verfügten über solide Liquiditätsbestände, stabile Zinsdeckungsgrade und nur moderat gestiegene Verschuldung. Bei Schwellenländeranleihen komme es stärker denn je auf Differenzierung an. Einige Länder böten hohe Realrenditen bei vergleichsweise moderaten Schuldenständen, insbesondere dort, wo glaubwürdige Geldpolitik und robuste Fundamentaldaten zusammenkämen.
„High Yield und Schwellenländeranleihen sind keine Märkte für pauschale Positionierung“, sagt Becker. „Anleger müssen verstehen, welche Risiken sie übernehmen und ob sie dafür angemessen bezahlt werden.“
Fazit: Einkommen und Stabilität in einem unsicheren Umfeld
Für Becker ist die zentrale Botschaft klar: Der Ausblick für globale Anleihen habe sich verbessert, auch wenn die Risiken nicht verschwunden seien. Erhöhte Anfangsrenditen schafften einen günstigeren Einstiegspunkt, Duration könne wieder als Absicherung gegen Wachstumsschwäche dienen, und in Credit entstünden Chancen dort, wo Qualität, Cashflows und Bewertungen zusammenpassten.
Entscheidend sei, Portfolios flexibel und risikobewusst zu steuern. In einem Umfeld, in dem geopolitische Unsicherheit, Energiepreise, Konsumentenstärke und Notenbankpolitik immer wieder neu bewertet würden, könne aktives Management einen wichtigen Unterschied machen.
„Globale Anleihen können wieder Einkommen und Stabilität bieten“, resümiert Becker. „Sollten sich die wirtschaftlichen Bedingungen verschlechtern, können sie ihre klassische Rolle als Diversifikator wieder stärker ausspielen. Bleiben die Zinsen erhöht, profitieren Anleger vom laufenden Ertrag. Genau dieser doppelte Nutzen macht Anleihen für die zweite Jahreshälfte so interessant.“
Von Peter Becker, Fixed Income Investment Director bei Capital Group
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