Konjunktur aktuell: KI in Europa und die Auswirkungen auf die Produktivität

Capital-Group-Volkswirte Beth Beckett und Tryggvi Gudmundsson sehen für Europa erhebliches Potenzial durch Künstliche Intelligenz. Entscheidend für Produktivitätsgewinne sind jedoch nicht nur KI-Investitionen, sondern auch Unternehmensführung, Reformen und eine stärkere Verbreitung der Technologie. Capital Group | 27.08.2026 08:06 Uhr
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Die amerikanischen Hyperscaler forcieren den KI-Boom. An Europa ging die Begeisterung für die neue Technologie bislang aber weitgehend vorbei. Aber aus früheren technologischen Revolutionen haben wir einiges gelernt. Ob eine neue Technologie am Ende die Produktivität fördert, hängt nicht davon ab, wo sie entwickelt wurde. Entscheidend ist, ob man sie effizient nutzt.

Bis jetzt halten sich die Produktivitätsgewinne in Grenzen. In den USA ist die Produktion je Arbeitsstunde 2025 um über 2% gestiegen, im Euroraum und im Vereinigten Königreich hingegen kaum. Die Ausgangslage ist in Europa jedoch sehr viel besser als oft angenommen. Die USA stehen auf Platz 1, aber mehrere europäische Länder könnten von KI ebenfalls stark profitieren.

Arbeitsproduktivität in % z.Vj. (2025)

Stand 23. Juni 2026. Quelle: Datastream

Nach OECD-Schätzungen1 könnte die Arbeitsproduktivität in den USA und im Vereinigten Königreich jährlich um 1 bis 1,25 Prozentpunkte steigen, dicht gefolgt von Deutschland und Frankreich mit 0,7 bis 1,1 Prozentpunkten. Damit würde sich das durchschnittliche Produktivitätswachstum seit 2010 im Vereinigten Königreich und Frankreich verdreifachen und in Deutschland verdoppeln.

Allmählich nutzen auch europäische Unternehmen mehr KI. Nach EU-Angaben waren es 20% im Jahr 2025, 6,5 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Nach einer Ad-hoc-Umfrage der Europäischen Kommission im Februar und März 2026 verwendet über die Hälfte der Europäer Künstliche Intelligenz, und einer von vier bei der Arbeit.

Trotz des Anstiegs ist KI in Europa aber immer noch nicht so verbreitet wie in den USA. Gerade erst sprach EZB-Chefvolkswirt Philip Lane von strukturellen Faktoren, die die KI-Nutzung in Europa bremsen. Dazu zählen etwa der kleinteiligere Unternehmenssektor, weniger Technologieunternehmen und die oft unberechenbare und lästige Regulierung. Nach einer aktuellen Studie des Brookings Institute zur KI-Nutzung in Europa und in den USA erklären diese Faktoren aber nur etwa die Hälfte der Lücke. Der Rest entfiele auf die Qualität der Unternehmensführung.

Das ist kein neues Ergebnis. Studien zufolge ist die Produktivität in den USA während der IT-Revolution in den 1990ern und 2000ern stärker gestiegen als in Europa. Die besser geführten US-Unternehmen haben die Produktion angesichts der neuen Technologie effizienter neu organisiert.2

Ermutigend ist aber, dass jetzt auch einige europäische Länder reagieren. Weil Mitarbeiter in Europa nicht so leicht entlassen werden können und die Vergütung oft strenger geregelt ist, fallen Veränderungen und Leistungsanreize europäischen Unternehmen schwerer. Deutschland hat aber gerade erst Reformen verabschiedet, die Neueinstellungen und Entlassungen erleichtern. Auch können Mitarbeiter jetzt leichter mit Aktienoptionen entlohnt werden.

Solange man sich aber nicht intensiver um die Vollendung des Binnenmarktes bemüht oder weniger Vorbehalte gegen grenzüberschreitende Fusionen und Übernahmen hat, dürften viele europäische Unternehmen kaum die nötige Größe für umfangreiche KI-Investitionen erreichen. KI dürfte sich daher in Europa nicht so schnell ausbreiten. Deshalb und wegen der geringeren Veränderungsbereitschaft europäischer Unternehmen könnten sich die Produktivitätsgewinne hier weiter in Grenzen halten.

Von Beth Beckett und Tryggvi Gudmundsson, Volkswirte bei Capital Group

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1 Quelle: OECD, Macroeconomics productivity gains from AI in G7 economies, Juni 2025

2 Quelle: American Economic Review, Americans Do IT Better: US Multinationals and the Productivity Miracle

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