Wer heute in Emerging Markets investiert, investiert vor allem in wenige große Namen. TSMC, Samsung Electronics, SK Hynix, Tencent, Alibaba – Titel, deren Gewicht in der MSCI-EM-Benchmark durch den AI-Rally zuletzt noch einmal deutlich zugenommen hat. Allein Taiwan steht per Ende März 2026 für rund 22,5 Prozent des Index, Südkorea für 15,5 Prozent. Für Mark Hammonds, Portfoliomanager bei Guinness Global Investors, ist das weniger eine Chance als ein strukturelles Risiko.
„Wir halten eine dieser fünf Aktien im Portfolio, TSMC, und das mit einem strukturellen Untergewicht“, sagt Hammonds im Gespräch mit der e-fundresearch.com Redaktion in Wien. Der Guinness Emerging Markets Equity Income Fund sei bewusst gleichgewichtet konstruiert: 36 Titel, Einzelpositionen auf knapp 3 Prozent Neutralgewicht implementiert. „Das ist eine völlig andere Positionsgröße als in der Benchmark.“
Wenn die Benchmark zur Falle wird
Was das in der Praxis bedeutet, habe sich in den ersten Märzwochen gezeigt. Die koreanischen Tech-Mega-Caps seien innerhalb weniger Tage rund 15 Prozent gefallen. „Wir halten diese Aktien nicht.“ Korea sei im Fonds mit null Prozent gewichtet – gegenüber 15,5 Prozent im Index. Das sei kein Zufall, sondern Ergebnis des Qualitätsfilters: Memory-Unternehmen wie Samsung Electronics oder SK Hynix hätten über die vergangenen 20 Jahre die geforderte Mindestkapitalverzinsung von acht Prozent pro Jahr nur gelegentlich erreicht. „Memory ist ein zyklisches Geschäft. Preis, Nachfrage und Angebot schwanken stark, die Branche ist extrem kapitalintensiv. Das ergibt über Zyklen keine zuverlässig guten Renditen.“
Dennis Mehrtens, der bei Guinness für Business Development in Deutschland und Österreich zuständig ist, ergänzt die Perspektive: Eine Analyse der zwanzig größten aktiven EM-Fonds zeige, dass viele Manager versuchen, das Alpha über höhere Gewichtungen in genau diesen Benchmark-Schwergewichten zu generieren. „Das ist nicht, wer wir sind.“ Guinness wolle bewusst ein anderes Risikoprofil liefern: Blue-Chip-Qualität im EM-Universum, aber mit anderen Namen als im Index.
AI-Exposure – aber anders
Hammonds betont, dass es nicht darum gehe, AI-Exposure grundsätzlich zu meiden. Auch im Portfolio finde sich entsprechende Positionierung – etwa über Elite Material, einen taiwanesischen AI-Zulieferer, der im Vorjahr zum besten Performer des Fonds geworden sei. Der Unterschied liege in der Auswahl: „Unsere Kunden sehen es als attraktiven Differenzierungspunkt, dass wir im AI-Bereich investiert sind, aber nicht dieselben Titel halten wie jeder andere Fonds im Sektor.“
Insgesamt sei der Fonds im IT-Sektor mit rund 21 Prozent gewichtet, gegenüber knapp 32 Prozent in der Benchmark – ein deutliches Untergewicht, das bewusst in Kauf genommen werde. Im Gegenzug sei das Portfolio in Sektoren wie Consumer Staples, Health Care und Industrials übergewichtet: Bereiche, in denen Hammonds konsistentere Renditeprofile und höhere Preissetzungsmacht sieht.
Qualitätsfilter seit Auflage unverändert
Im Zentrum des Prozesses stehen seit Fondsauflage Ende 2016 vier Säulen: Quality, Value, Dividend, Conviction. Zentrales Einstiegskriterium ist eine Kapitalverzinsung von mindestens acht Prozent über acht aufeinanderfolgende Jahre. „Wenn ein Unternehmen diese Schwelle über acht Jahre erreicht hat, liegt die Wahrscheinlichkeit bei rund 90 Prozent, dass es das auch im folgenden Jahr tut“, so Hammonds. Das schaffe Prognosesicherheit und reduziere die Abhängigkeit von Zukunftsannahmen bei der Bewertung.
Hammonds räumt offen ein, dass Quality als Anlagestil zuletzt schwierige Phasen erlebt habe. Am Prozess ändere das nichts: „Nichts Wesentliches an der Philosophie hat sich seit Auflage verändert.“ Der Fonds liefere über Zyklen eine spürbar niedrigere Volatilität als der Markt. In Phasen mit höheren Zinsen – etwa 2022 – habe sich das Profil als relativ robust erwiesen, weil die gehaltenen Unternehmen überwiegend niedrig verschuldet seien.
Vielversprechende Alternative oder Komplementärbaustein zu EM-Index und Mainstream-Lösungen
Vertriebsseitig positioniert Guinness den Fonds genau über diese Konsistenz. „Wir sind bewusst das Gegenteil eines Star-Manager-Ansatzes“, so Mehrtens. Man springe nicht zwischen Ländern, Größenklassen oder Themen hin und her. Wer investiere, bekomme ein Blue-Chip-Risikoprofil – aber mit völlig anderen Titeln als im passiven EM-ETF. Für Investoren, die mit der Benchmark-Konzentration unglücklich seien, ohne gleich ins Frontier- oder Small-Cap-Segment zu wechseln, sei der Fonds als Komplementärbaustein konzipiert.
Hammonds beobachtet derzeit eine leise Verschiebung im Anlegerverhalten: Die Zuflüsse in EM seien zuletzt wieder spürbar geworden, aber überwiegend passiv erfolgt. „Unsere These ist, dass Investoren in einem konstruktiven EM-Umfeld irgendwann beginnen, die Marktkapitalisierungskurve hinabzuwandern und zu fragen: Wo will ich eigentlich wirklich investiert sein?“ Genau dort sieht er Nachholpotenzial für aktive, qualitätsorientierte Zweitmandate.
Der Beitrag basiert auf einem Gespräch der e-fundresearch.com Redaktion mit Mark Hammonds, CFA, Portfoliomanager, und Dennis Mehrtens, Business Development Deutschland & Österreich, bei Guinness Global Investors, im Rahmen eines Manager-Updates in Wien Mitte April 2026. Präsentationsdaten per 31.03.2026, Portfoliodaten per 31.12.2025, sofern nicht anders angegeben. Die wiedergegebenen Einschätzungen spiegeln die Sichtweise zum Zeitpunkt des Events wider und stellen keine Anlageempfehlung dar.