Kapitalmärkte weiter zwischen Hoffen und Bangen

Für Andreas Utermann, Global CIO bei Allianz GI, kommt die Rallye nicht unerwartet: „Die positiven Konjunkturdaten aus den USA und die 3-Jahrestender der EZB haben den Boden bereitet, auf dem eine gewisse „Krisenermüdung“ und ein steigender Bedarf an Risikoassets seitens der Investoren die Börsen in Frühlingstimmung versetzt.“ Allianz Global Investors | 16.03.2012 13:24 Uhr
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Kapitalmärkte weiter zwischen Hoffen und Bangen

Für Andreas Utermann, Global Chief Investment Officer (CIO) bei Allianz Global Investors, kommt die Rallye seit Jahresanfang nicht unerwartet: „Die positiven Konjunkturdaten aus den USA und die Drei-Jahrestender der EZB haben den Boden bereitet, auf dem eine gewisse „Krisenermüdung“ und ein steigender Bedarf an Risikoassets seitens der Investoren die Börsen in Frühlingstimmung versetzt.“ Trotzdem glaubt er, dass kurzfristige Ereignisse immer wieder Schatten auf aufkeimende Erfolge werfen werden. In seinem Basisszenario geht er jedoch weiterhin davon aus, dass eine weltweite Rezession vermieden werden kann.

Kernaussagen:

x Trotz positiver Stimmung an den Märkten keine Korrektur des Basisszenarios
x Wahlen 2012 bleiben Unsicherheitsfaktor für die Märkte
x Rettung Griechenlands als Mitglied der Euro-Zone muss Priorität bleiben

Auch wenn sich der Blick auf die globale Konjunkturlage zuletzt aufgehellt hat, bleibt Utermann bei seiner langfristigen Einschätzung: „Der erfolgreiche Verschuldungsabbau weltweit bleibt die Voraussetzung für eine nachhaltige Beruhigung an den Märkten.“ Bis dahin sei mit geringerem Trendwachstum als vor der Krise 2007 und mit Begleiterscheinungen wie niedrigen Leitzinsen sowie weiteren Anleiheankaufprogrammen zu rechnen. Die restriktive Fiskalpolitik in vielen Industrieländern und das stetig sinkende Vertrauen in die Eurozone seien wesentliche Ursachen für die Anspannung im Finanzsystem.

Dennoch sieht Utermann verschiedene Faktoren, mit denen eine globale Rezession abgewendet werden kann. Als Motor für die Weltwirtschaft dürften sich neben den niedrigen Realzinsen auch private Investitionen aus Barmittelüberschüssen sowie der Konsum auswirken. Gleichzeitig führe das Auslaufen der geldpolitischen Straffungsmaßnahmen in den Schwellenländern zu solidem Wachstum, während in den Industrieländern, speziell in der Euro-Zone, weiterhin mit unkonventionellen geldpolitischen Stabilisierungsentscheidungen der Zentralbanken gerechnet werden müsse. Die unterschiedlichen Entwicklungen in den Regionen könnten sich insgesamt auf ein schwaches Wachstumsplus aufaddieren, sofern keine unvorhersehbaren Ereignisse die vorsichtige Ausbalancierung der globalen Konjunktur beinträchtigen.

Zu den größten latenten Risikofaktoren zählt Utermann neben der Lage einiger Peripherieländer der Eurozone inklusive der Griechenlands den steigenden Ölpreis im Umfeld des Iran-Konfliktes, aber auch die instabile konjunkturelle Situation in den USA und in China. Insgesamt dürften aber auch die politischen Komponenten eine maßgebliche Unsicherheitsgröße bleiben: „Wir haben bereits Mitte letzten Jahres unsere Sorge über die wachsende Gefahr politischer Fehlentscheidungen formuliert. Es ist nicht auszuschließen, dass diese kaum zu kalkulierende Größe wichtige Beruhigungsphasen zur Umsetzung beschlossener Maßnahmen auch zukünftig immer wieder unterbrechen wird.“ Unsicherheit im Vorfeld der anstehenden Wahlen wird sich seines Erachtens deswegen auch in den kommenden Wochen an den Märkten widerspiegeln. Zunächst im Umfeld der Parlamentswahlen in Griechenland, dann in Frankreich und später im zweiten Halbjahr bei den US-Präsidentschaftswahlen.

Griechenland bleibt Unsicherheitsfaktor im Euroraum

Das Wachstum in der Eurozone befindet sich momentan in einer milden Rezessionsphase, die sich unter Umständen in der zweiten Hälfte des Jahres verbessern kann, meint Utermann. Die Entwicklungen der Länder im Zentrum und der Peripherie verlaufen auf ebenso unterschiedlichen Niveaus wie zwischen Ländern im Norden um im Süden.

Im Zentrum der Problematik steht nach wie vor Griechenland, wo es vor der Parlamentswahl im April noch viele Unsicherheitsfaktoren gebe: „Nach der Wahl könnte sowohl eine Regierung aus dem extrem linken als auch aus dem extrem rechten Flügel das Sagen im Land haben. Die Zusage der politischen Maßnahmen als Teils des Rettungspaketes könnten in Zweifel gezogen werden und weitere soziale Unruhen sind nicht ausgeschlossen.“ Allerdings warnt er vor der Gefahr, dass sich vor diesem Hintergrund eine Marktmeinung etabliert, die einen Austritt Griechenlands in Kauf nehmen und sogar positiv bewerten würde. Das bewertet Utermann als gefährlich: „Einen Austritt Griechenlands halte ich nach wie vor für ein unkalkulierbares Risiko - sowohl für das Land selbst und auch für die EU.“

Dass auch die privaten Gläubiger der Überzeugung sind, dass die Kosten zu Rettung des Landes in keinem Verhältnis zu einem Austrittsszenario stehen, haben sie in der vergangenen Woche durch die mehrheitliche Zustimmung zum Schuldenschnitt demonstriert. Mit dem kürzlich verabschiedeten Hilfspaket über 130 Milliarden Euro können erste strukturelle und fiskalische Anpassungen umgesetzt werden. Utermann schließt sich jedoch auch der überwiegenden Marktmeinung an, dass das Problem damit nicht behoben ist und möglicherweise weitere Rettungspakete bzw. weitere Maßnahmen notwendig sein werden, um den eingeschlagenen Kurs zu halten. „Der Weg zur wirtschaftlichen Autonomie Griechenlands innerhalb der Eurozone ist lang und es werden noch einige Hürden zu überwinden sein.“, meint der Anlagechef von Allianz Global Investors.

Verschuldungssituation belastet USA trotz guter Konjunkturdaten

Die Konjunkturdaten deuten auf eine Stabilisierung der amerikanischen Wirtschaft hin. Die Entspannung auf dem Arbeitsmarkt wirke sich positiv auf den Konsum aus und auch auf dem Immobilienmarkt komme es zu einer leichten Belebung. Von einer nachhaltigen Erholung könne nach Meinung der AllianzGI Experten jedoch noch nicht die Rede sein. Auch in den USA bleibt das Verschuldungsthema virulent und vor den US-Präsidentschaftswahlen im November werden sich wahrscheinlich keine konkreten Lösungen abzeichnen. Deswegen dürften die Schwankungen der Aktienkurse vor dem Hintergrund der Unsicherheit zunächst anhalten. Ein Festhalten an der angekündigten Nullzinspolitik seitens der FED bleibt deswegen wahrscheinlich.

Wachstumsländer weiter auf Kurs mit geldpolitischen Regulierungsmöglichkeiten

Verglichen mit den entwickelten Märkten sind die Zinsen in den Schwellenländern noch expansiver. Der wichtigste Grund dafür sind die Währungsregimes, welche die jeweilige inländische Währung zu einem Korb von G3-Währungen fixieren. Wachstumsländer importieren somit das niedrige Zinsumfeld der Industrieländer. Zinssätze sind dabei allerdings nur ein geldpolitisches Mittel. Reserveanforderungen, Kapitalverkehrskontrollen sowie Wechselkursanpassungen werden ebenfalls genutzt.

Um einer Verlangsamung des Wachstums entgegenzuwirken, können Zinssenkungen vor dem Hintergrund des nachlassenden Preisdruck vorgenommen werden. Das ist beispielsweise in China der Fall, wo sich die Wachstumsdynamik weiter abzuschwächen droht. Hier sind Maßnahmen wie die Ausweitung der Kreditvergabe oder die Senkung der Mindestreservesätze wahrscheinlich.

Im Niedrigzinsumfeld wird Inflation langfristig ein Thema

Nach Ansicht Utermanns werden sich die Zentralbankzinsen wie angekündigt länger auf niedrigem Niveau bewegen. Inflationsraten sollten aufgrund von Basiseffekten zunächst sinken. Langfristig erwarte er jedoch strukturell erhöhte Inflationsraten aufgrund der expansiven Geldpolitik weltweit. Dabei tragen Inflationsraten, die stetig moderat über den Erwartungen liegen, zum staatlichen Verschuldungsabbau bei. Der momentan starke Anstieg von Rohstoffpreisen könne auf die aggressive Geldpolitik in den Industrieländern zurück zu führen sein.

Bei steigendem Risikoappetit ist Selektion entscheidend im Aktiensegment

Die Aktienmärkte dürften weiter sensibel auf Makro-Daten reagieren. Die günstigen US-Daten wirken sich momentan zwar positiv aus, jedoch erwarten die Experten von Allianz Global Investors keine deutlichen Ausweitung der Kurs-Gewinn-Verhältnisse. In diesem Umfeld dürften vor allem Dividendentitel ihre Stärken ausspielen. Mit nachhaltig hohen Dividendenrenditen können sie sich sowohl im inflationären als auch deflationären Umfeld stabilisierend im Portfolio auswirken.

Staatsanleihen von Wachstumsländern und hochverzinsliche Unternehmensanleihen als neue Sicherheitsanker

Für die nächsten Monate erwarten die Experten von Allianz Global Investors, dass die Zentralbanken entsprechend des Bedarfs weiterhin Liquidität bereitstellen werden. Dies dürfte die Verspannungen im Finanzsystem weiter mildern und den Gegenwind für Wirtschaftswachstum abschwächen und sich unterstützend für riskante Vermögensklassen auswirken.

Als attraktiv werden die Zinsaufschläge von Staatsanleihen von Wachstumsländer bewertet. Sie spiegeln das Ausfallrisiko dieser Länder wider und bewegen sich derzeit auf historisch niedrigem Niveau. Die fundamentale Situation hat sich in der Mehrzahl der Wachstumsländer deutlich verbessert, während das Verschuldungsniveau in den vergangenen zehn Jahren erheblich gesunken ist. Auch hochverzinsliche Unternehmensanleihen profitieren von der gesunkene Bonität zahlreicher Eurostaaten, deren Anleihen bis dato als „risikolos“ galten. Die Renditeaufschläge liegen aktuell noch etwas höher als zu Beginn 2011.

Renminbi bleibt Währungsalternative mit Aufwertungspotenzial

Auf Sicht von zwölf Monate hält sich das fundamentale Bild für beide Regionen, Dollar- und Euroraum, die Waage. Beide Zentralbanken werden aufgrund der jeweiligen Fiskalprobleme expansiv bleiben. Die USA haben zwar zusätzlich ein Zahlungsbilanzdefizit, dafür ist EUR/USD allerdings gemäß Kaufkraftparität bei 1,30 leicht überbewertet.

Tendenziell überbewertet ist auch der Schweizer Franken, der allerdings von den Glaubwürdigkeitsverlusten von Dollar oder Euro profitieren sollte. Bei steigendem Yen sind Interventionen möglich. Strukturelles Aufwertungspotenzial sehen die Experten von Allianz Global Investors für Schwellenländerwährungen. China plant die Währungsreformen zu Wechselkurspolitik weiterzuverfolgen. Eine Aufwertung des Renminbi sowie ein internationaler Zugang zur chinesischen Währung wäre die Folge.

Resümee für Investoren

Für Anleger zeichnet sich eine Erkenntnis immer deutlicher ab: „Trendmärkte, wie wir sie bis 2007 gesehen haben, wird es vorerst nicht mehr geben. Vor der Lehman-Krise wurden die Märkte durch die Sektoren getrieben. Anleger brauchten ihnen nur solange folgen, bis der Herdentrieb gedreht hat. Diese Anlagepolitik funktioniert nicht mehr“, meint Utermann. Vor diesem Hintergrund rät er mehr denn je prozyklisches Handeln zu vermeiden und zu diesem Zweck individuelle Sicherheitsmechanismen einzubauen. Das kann über strikte Regelwerke funktionieren, die ein Handeln gegen den Trend unterstützen, oder durch verschiedene Risikoabsicherungsinstrumente in einem breit gestreuten Portfolio.

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