Durch die Verknüpfung von Zöllen mit dem Grönland-Streit haben die USA eine diplomatische Meinungsverschiedenheit in eine potenziell erhebliche wirtschaftliche Bedrohung verwandelt. Es steigt das Risiko, dass sich eine gezielte Maßnahme schnell zu einem systemischen Schock ausweitet.
Sollte die EU mit Vergeltungsmaßnahmen reagieren, könnte sich der Konflikt von einem begrenzten Zollstreit zwischen den USA und Europa zu einem umfassenden globalen Handelskrieg ausweiten. Dies würde einen stark stagflationären Schock auslösen, der unserer Einschätzung nach gleichzeitig das Wachstum und die Inflation beeinträchtigen und die politischen Überlegungen der Zentralbanken verändern würde.
Entscheidend werden nun die Reaktionen der Finanzmärkte sein. Bleiben die Märkte optimistisch und rechnen mit einem Einlenken Europas, könnten die wirtschaftlichen Kosten für die USA begrenzt bleiben, zumal diese Zölle im Gegensatz zu den gegenseitigen Maßnahmen des letzten Jahres „nur” für Europa und nicht weltweit gelten.
Umgekehrt könnte eine negativere Marktreaktion die US-Regierung unter Druck setzen, ihre Haltung zu mildern. Die Europäer könnten auch Verbündete im US-Kongress finden, die versuchen, das Vorgehen des Präsidenten einzuschränken und die Spannungen zu deeskalieren. Ein Urteil des Obersten Gerichtshofs gegen die Anwendung des IEEPA könnte vorübergehend Entlastung bringen, obwohl die Regierung wahrscheinlich nach alternativen rechtlichen Wegen suchen würde.
Implikationen für die Märkte: Wo ist jetzt der sichere Hafen?
Wenngleich verschiedene Szenarien denkbar sind, scheint das Risiko einer Eskalation des Handelskriegs zwischen den größten Volkswirtschaften der Welt derzeit deutlich höher zu sein als nach dem Liberation Day. Dies würde wahrscheinlich einen starken Druck auf risikobehaftete Anlagen ausüben – insbesondere auf europäische Industrieunternehmen, die gegenüber den USA exponiert sind, und auf US-Dienstleistungsunternehmen, die von den europäischen Märkten abhängig sind.
Der Euro könnte profitieren, wenn europäische Investoren Kapital aus den USA zurückführen. Dies könnte US-Staatsanleihen schaden und damit auch den Druck auf die US-Regierung erhöhen. Ebenso könnte der Euro gewinnen, wenn es zu einer gemeinsamen europäischen Kreditaufnahme käme.
Allerdings würden in diesem Szenario weder der Dollar noch der Euro als verlässliche sichere Häfen fungieren. Vielmehr wären Edelmetalle – und möglicherweise der Yen – die Hauptnutznießer.
Von Dr. Christian Schulz, Chefvolkswirt bei Allianz Global Investors
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