- Wir gehen davon aus, dass die EZB die Leitzinsen bei ihrer Sitzung am 30. April unverändert bei 2 % belassen wird.
- Die EZB dürfte sich die Optionen für künftige geldpolitische Straffungen offenhalten. Sofern keine neuen Impulse oder geopolitischen Schocks auftreten, dürfte sie es vorziehen, bis Juni abzuwarten, anstatt vorzeitig zu handeln.
- Da die Inflationsrisiken noch immer als temporär eingestuft werden, besteht das größere Risiko darin, in einem ohnehin fragilen Wachstumsumfeld zu stark statt zu schwach zu reagieren.
- Im Anleihenbereich bevorzugen wir derzeit eine taktische Position, die auf eine Verflachung der Zinskurve zwischen 10-jährigen und 30-jährigen deutschen Bundesanleihen setzt. Im Devisenbereich bevorzugen wir weiterhin eine strategische Short-Position des US-Dollars gegenüber einem Korb von Währungen, zu dem auch der Euro gehört.
Die EZB behält ihren restriktiven Kurs bei und bekräftigt damit ihre Priorität: die Sicherstellung der Glaubwürdigkeit ihres Inflationsmandats. Angesichts erneuter Unsicherheiten auf der Angebotsseite greift der EZB-Rat auf ein bewährtes Konzept zurück – nämlich bereit zu sein, bei Bedarf zu handeln, um ein Abdriften der Inflationserwartungen zu verhindern. Ein präventiver Straffungsschritt bei der Sitzung am 30. April kann nicht vollständig ausgeschlossen werden, doch dafür müsste es zu einer erneuten Eskalation der Konflikte in Nahost kommen, damit dies zum Basisszenario wird.
Unser Basisszenario bleibt daher eher von Geduld als von Dringlichkeit geprägt. Die vorübergehende Entspannung der geopolitischen Lage nach dem Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran sowie die Stabilisierung der Energiepreise geben der EZB Spielraum für eine Pause. Diese Pause ist kein Zeichen von Selbstzufriedenheit, sondern von Disziplin. Bis zur Vorlage neuer Prognosen im Juni werden die Entscheidungsträger über umfassendere Informationen zu Preissetzung, fiskalischer Unterstützung und Wachstumsdynamik verfügen – entscheidende Faktoren für die Beurteilung der mittelfristigen Inflationsrisiken.
In diesem Rahmen bleiben ein oder zwei Zinserhöhungen – am ehesten im Juni und September – möglich. In erster Linie wäre dies als Signal für Glaubwürdigkeit und weniger als Reaktion auf kurzfristige Daten zu werten. Ein solches Szenario entspricht weitgehend den aktuellen Markterwartungen, denen die EZB bislang nicht widersprochen hat.
Bei einer Gesamtbewertung aller Risiken spricht jedoch vieles für geringfügigere – oder möglicherweise gar keine – weiteren Zinserhöhungen. Die derzeitige Energiepreisentwicklung entspricht weitgehend den Erwartungen der jüngsten Prognosen der EZB, die bereits eine moderate und vorübergehende Überschreitung des Inflationsziels einkalkulieren. Nach den Aussagen von EZB-Präsidentin Lagarde können solche Abweichungen toleriert werden, insbesondere wenn das allgemeine makroökonomische Umfeld weiterhin fragil ist und die Kosten einer überzogenen geldpolitischen Reaktion asymmetrisch sind.
Von Michael Krautzberger, CIO Public Markets bei AllianzGI