AllianzGI Die Woche Voraus | Biegen, ohne zu brechen

Geopolitische Spannungen, steigende Ölpreise und neue Zollrisiken prägen das Marktumfeld. Warum sich die Weltwirtschaft trotz wachsender Belastungen bislang stabil zeigt, welche Risiken für Inflation und Geldpolitik bestehen und worauf Anleger in der kommenden Woche achten sollten. Allianz Global Investors | 10.05.2026 08:03 Uhr
Dr. Hans-Jörg Naumer, Director Global Capital Markets & Thematic Research, Allianz Global Investors / © e-fundresearch.com / Allianz Global Investors
Dr. Hans-Jörg Naumer, Director Global Capital Markets & Thematic Research, Allianz Global Investors / © e-fundresearch.com / Allianz Global Investors

Liebe Leserinnen & Leser,

die Kapitalmärkte wirken derzeit wie ein Drahtseilakt: Auf der einen Seite steht eine bemerkenswerte Widerstandskraft der Weltwirtschaft, auf der anderen Seite nehmen die Belastungen (Stichwort: Ölpreis) sichtbar zu. Anleger bewegen sich in einem Umfeld, das gleichermaßen von Zuversicht und Vorsicht geprägt ist – und genau darin liegt die eigentliche Herausforderung der kommenden Wochen.

Das zentrale Thema bleibt der anhaltende Konflikt im Iran. Die Märkte haben gelernt, mit geopolitischen Spannungen zu leben, doch damit sind sie nicht vom Tisch. Im Gegenteil. Die jüngsten Entwicklungen zeigen, dass der Waffenstillstand mehr als brüchig und ein Ende der Krise kaum absehbar ist. Vor allem die Risiken rund um den Energiemarkt bleiben bestehen. Die Blockade der Straße von Hormus bringt einen merklichen Risikoaufschlag auf die Ölpreise mit sich. Das wiederum beeinflusst die Inflation – und damit letztlich auch die Geldpolitik und die Bewertung an den Kapitalmärkten.

Tatsächlich zeigt sich die Inflation in den USA als hartnäckiger als noch vor einigen Monaten erwartet. Die Energiepreise sorgen unverändert für Preisdruck. Das Wachstum zeigt sich in diesem Umfeld als belastbar, wenn die Folgen des Iran-Kriegs auch nicht spurlos an ihm vorübergehen. In den USA hat sich das Wachstum kaum verlangsamt. Im Euroraum hat sich das Bruttoinlandsproduktes-Wachstum (BIP) zwar abgeschwächt, aber nur in geringem Maße. „Biegen, ohne zu brechen“ – mit diesem Paradigma lässt sich die Weltwirtschaft unverändert beschreiben (siehe dazu auch unseren aktualisierten → „House View“)

Ein wesentlicher Stabilisierungsfaktor bleibt der Investitionszyklus in Zukunftstechnologien. Insbesondere in den Vereinigten Staaten treiben hohe Ausgaben für Infrastruktur und neue Technologien die wirtschaftliche Aktivität an. Gleichzeitig mehren sich dort jedoch Anzeichen einer Abkühlung am Arbeitsmarkt. Diese Entwicklung verdient besondere Aufmerksamkeit, denn historisch hat der Arbeitsmarkt häufig frühzeitig konjunkturelle Wendepunkte angezeigt.

In Europa zeigt sich ein differenziertes Bild. Die Binnenwirtschaft wird durch staatliche Ausgaben und steigende Investitionen gestützt, während politische Unsicherheiten – etwa mit Blick auf Haushaltsfragen einzelner Mitgliedstaaten – weiter bestehen. China wiederum befindet sich in einem Balanceakt: Nach einer kurzen Erholung mehren sich erneut die Anzeichen einer Abschwächung, der mit gezielten Maßnahmen der Regierung begegnet wird.

Auch die Geldpolitik hat sich in diesem Umfeld verändert. Die Phase klarer Zinssenkungserwartungen scheint vorerst vorbei. Notenbanken agieren vorsichtiger, beobachten die Entwicklung genau und vermeiden eine klare Festlegung. Für die Märkte bedeutet das: Die Unterstützung durch eine lockere Geldpolitik ist weniger selbstverständlich geworden.

Hinzu kommen neue handelspolitische Spannungen. USPräsident Trump kündigte an, die Zölle auf EU-Autoexporte in die USA auf 25% anzuheben. Begründet wird dies mit der aus Sicht Washingtons unzureichenden Umsetzung des letztjährigen Turnberry-Handelsdeals. Die Maßnahme soll auf die nationale Sicherheitsklausel nach Section 232 gestützt werden und wäre damit nicht von dem Urteil des US Supreme Court betroffen, das Anfang des Jahres IEEPA-Zölle kassierte. Schon seit Einführung eines 15%- Zolls im April des Vorjahres sind EU-Autoausfuhren in die USA um etwa ein Drittel gesunken, auf rund 25 Mrd. € annualisiert (ca. 0,1% des EU-BIP). Besonders betroffen wäre Deutschland, das etwa zwei Drittel der EU-Autoexporte in die USA stellt, was einem Anteil von ca. 0,4% des BIPs Deutschlands entspricht (vgl. Grafik der Woche). Die ökonomischen Risiken könnten durch mögliche EU-Gegenmaßnahmen steigen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich das aktuelle Marktumfeld treffend beschreiben: Es ist ein Zustand des „Biegens, ohne zu brechen“. Die Widerstandskraft ist da – doch sie wird zunehmend auf die Probe gestellt.

Die Woche voraus

So auch in der kommenden Woche, weshalb der Blick auf makroökonomische Datenlage bedeutsam bleibt. Die neue Woche beginnt mit einem Blick nach Japan. Dort stehen Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung im dritten Quartal im Fokus. Nach einer zuvor positiven Entwicklung richtet sich das Augenmerk nun darauf, ob sich erste Anzeichen einer Abschwächung bestätigen.

Zur Wochenmitte rückt die Eurozone in den Mittelpunkt. Die Veröffentlichung der finalen Verbraucherpreise gibt Aufschluss darüber, wie sich der zuletzt beobachtete Preisdruck weiterentwickelt hat und ob sich eine Stabilisierung abzeichnet.

Am Donnerstag folgen aus den Vereinigten Staaten die wöchentlichen Anträge auf Arbeitslosenunterstützung. Sie liefern wichtige Hinweise auf die Lage am Arbeitsmarkt und werden von den Märkten traditionell genau beobachtet.

Neben neuen Preisdaten sollte die Kapazitätsauslastung der US-Wirtschaft im Fokus stehen. Damit bleibt die zentrale Frage bestehen: Hält die Widerstandskraft der Wirtschaft an – oder nehmen die Belastungen überhand? 

Spannkraft wünscht Ihnen,

Dr. Hans-Jörg Naumer.

Lesen Sie mehr in der neuesten „Die Woche Voraus“.

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