- Wir erwarten, dass die EZB ihren Leitzins auf der Sitzung am 11. Juni 2026 um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent anheben wird – im Einklang mit ihrer seit März kommunizierten Strategie und der im Strategie-Update 2025 festgelegten Richtung.
- Aus unserer Sicht bleibt eine Straffung gerechtfertigt: Eine Reihe von Angebotsseitenschocks hält die Inflation über dem Ziel, und die EZB ist bestrebt, eine Wiederholung der Situation nach der Covid-Pandemie zu vermeiden, als ein zu spätes Handeln letztlich deutlich stärkere Zinserhöhungen erforderlich machte.
- EZB-Präsidentin Christine Lagarde dürfte die Tür für weitere Straffungsschritte offenhalten. In unserem Basisszenario erwarten wir eine letzte Anhebung um 25 Basispunkte im September. Voraussetzung für eine Zinserhöhung bereits im Juli wäre eine weitere deutliche Verschlechterung des Inflationsausblicks.
Aus unserer Sicht gibt es überzeugende Argumente für eine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank im Juni. Der erneute Ölpreisschock hat die Inflation im Euroraum wieder über das Zielniveau steigen lassen – im Mai lag die Teuerungsrate bei 3,2 Prozent gegenüber Vorjahr. Aktuell liegen die Ölpreise deutlich über den Annahmen, die den März-Prognosen der EZB zugrunde lagen, was zu einer Aufwärtsrevisionen der Inflationsprognosen führen dürfte. Über den gesamten Projektionszeitraum hinweg dürfte die Teuerung nun deutlich über dem Ziel liegen: 2026 bei 3 Prozent und 2027 bei rund 2,2 Prozent. Die anhaltenden Störungen in der Straße von Hormus erhöhen das Risiko, dass die Energiepreise länger auf einem erhöhten Niveau bleiben als bislang angenommen. Auch über den Energiesektor hinaus gibt es bereits erste Anzeichen einer breiteren Preisauftriebsdynamik – insbesondere bei Konsumgütern. Dies deutet darauf hin, dass sich Zweitrundeneffekte zu materialisieren beginnen.
Das aktuelle Umfeld unterscheidet sich deutlich von der Zeit nach der Covid-Pandemie, als der starke Inflationsanstieg teilweise durch einen kurzfristigen Nachholbedarf seitens der Nachfrage ausgelöst wurde, während die Lieferketten noch erheblich gestört waren. Die EZB möchte jedoch ein weiteres Zögern vermeiden. In einem Umfeld wiederholter Angebotsschocks würde ein Abwarten auf klarere Auswirkungen auf die Nachfrage das Risiko bergen, hinter der Entwicklung zurückzubleiben.
Zugegebenermaßen wird das Wachstumsumfeld fragiler. Der Konflikt um den Iran birgt Abwärtsrisiken – sowohl in Form erhöhter Unsicherheit als auch durch eine Erosion der Kaufkraft der realen Einkommen. Die Prognosen des EZB-Stabs dürften daher etwas schwächere BIP-Erwartungen beinhalten, zugleich aber betonen, dass die Wirtschaft im Euroraum weiterhin eine gewisse Widerstandsfähigkeit zeigt. Diese Resilienz verschafft der EZB Handlungsspielraum.
Sicherlich ist eine geldpolitische Straffung in ein sich abschwächendes Umfeld nicht ohne Risiken. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die Finanzierungsbedingungen und Kreditvergabe. Dem steht allerdings das größere Risiko gegenüber, steigende Inflationserwartungen zuzulassen. Vor diesem Hintergrund erscheint eine maßvolle, vorausschauende Straffung als der umsichtigere Kurs.
Mit Blick auf die nächsten Monate erwarten wir, dass EZB-Präsidentin Christine Lagarde eine flexible, datenabhängige Haltung beibehalten und zugleich implizit eine weitere monetäre Straffung unterstützen wird. Wir rechnen mit einer weiteren, letzten Zinserhöhung um 25 Basispunkte im September. Voraussetzung für einen Zinsschritt bereits im Juli wäre eine weitere deutliche Aufwärtsüberraschung bei der Inflation, insbesondere bei den Kernkomponenten. Umgekehrt wäre eine längere Zinspause wohl nur bei einer deutlichen Verschlechterung der Wachstumsdynamik oder einer klaren Abschwächung des Inflationsdrucks denkbar.
Insgesamt bleibt die EZB somit im Straffungsmodus – nicht aggressiv, aber mit klarer Tendenz. Die Juni-Entscheidung ist als Fortsetzung dieser Strategie zu verstehen: graduell, datengetrieben und konsequent auf die Wiederherstellung der Preisstabilität hin ausgerichtet. Dies steht im Gegensatz zur US-Notenbank Fed, die angesichts eines stärkeren, KI-getriebenen Wachstumsimpulses offenbar länger abwarten wird. Infolgedessen erwarten wir in Europa im Vergleich zu den USA eine schnellere Rückkehr der Inflation zum Ziel der Zentralbank sowie einen geringeren Druck zur Versteilung der Zinskurve.
Von Michael Krautzberger, CIO Public Markets bei AllianzGI