Die geldpolitischen Entscheidungsträger der Europäischen Zentralbank (EZB) treten mit einer gewissen Zuversicht und Einigkeit beim diesjährigen EZB-Forum im portugiesischen Sintra auf. Die Gesamtinflationsrate liegt zwar weiterhin bei rund 3 % gg. Vj. und die Kerninflation bleibt über dem Zielwert, doch die gesunkenen Energiepreise und eine weitere Zinserhöhung weisen einen klaren Weg zurück Richtung Preisstabilität. Die Aktualisierung der EZB-Strategie im Jahr 2025 hat bislang ihren Zweck erfüllt: Sie hat die Erwartungen verankert, eine geringe Toleranz gegenüber anhaltenden Zielverfehlungen signalisiert und die Reaktionsfunktion transparenter gemacht.
Die schwierigere Frage ist, ob diese Einigkeit auch die nächste Phase überstehen wird. „Falken“ im EZB-Rat wie Isabel Schnabel plädieren für dauerhaft höhere Zinsen. Sie verweisen auf wiederholte Angebotsschocks, hartnäckige Inflationserwartungen und einen möglicherweise höheren neutralen Zinssatz. Das schwache Wachstum wird auf strukturelle Probleme zurückgeführt, die die Regierungen angehen müssen.
Doch die seit der Pandemie schwache Wirtschaftsleistung des Euroraums und die steigende Arbeitslosigkeit in Frankreich und Deutschland könnten auch auf eine zu straffe Geldpolitik hindeuten. Der nachlassende Teuerungsauftrieb könnte genutzt werden, um die Zinsen erneut zu senken und die Nachfrage anzukurbeln. In Sintra wird sich zeigen, ob der Konsens so fest ist, wie er scheint – oder ob neuere Stimmen wie die des Franzosen Emmanuel Moulin oder des Portugiesen Álvaro Santos Pereira beginnen, den „hawkischen“ Schwerpunkt in Frage zu stellen.
Der Auftritt des neuen Fed-Chefs Kevin Warsh fügt eine weitere Dimension hinzu. In seiner ersten Pressekonferenz legte Warsh mehr Gewicht auf die Inflation als auf die Beschäftigung und rückte damit rhetorisch näher an das Einzel-Mandat der EZB heran. Ein Austausch mit einer „hawkischen“ EZB-Fraktion könnte diese Tendenz verstärken.
Der Einfluss könnte aber auch beidseitig sein. Warshs Skepsis gegenüber unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen, insbesondere gegenüber der umfangreichen Bilanzausweitung der Zentralbanken, könnte in Frankfurt auf Resonanz stoßen, wo die EZB ihren künftigen Liquiditätsrahmen und ein etwaiges strukturelles Anleiheportfolio noch festlegen muss. Das könnte die „Falken“ in der EZB stärken, die sich für ein kleineres Portfolio mit kürzerer Laufzeit aussprechen. In diesem Sinne geht es in Sintra vielleicht weniger um den jüngsten Energieschock als vielmehr um die künftige Architektur der Geldpolitik auf beiden Seiten des Atlantiks.
Von Dr. Christian Schulz, Chefvolkswirt bei Allianz Global Investors