- Wir gehen davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen im Juli unverändert lassen wird und dabei weiterhin einen streng datenabhängigen, von Sitzung zu Sitzung orientierten Ansatz verfolgt.
- Auch wenn die Kerninflation Anzeichen einer Abschwächung zeigt, sorgen erneute Schwankungen bei den Energiepreisen für anhaltende Unsicherheit und sprechen gegen eine baldige Abkehr vom geldpolitischen Straffungskurs.
- Wir halten eine weitere Zinserhöhung nach dem Sommer weiterhin für den wahrscheinlichsten nächsten Schritt, der aber an den Märkten noch nicht vollständig eingepreist ist.
- Wir erwarten nicht, dass diese kommende Sitzung einen großen Einfluss auf die Märkte haben wird; kurzfristig werden andere Schlagzeilen im Vordergrund stehen.
Die EZB-Sitzung im Juli dürfte keine geldpolitischen Überraschungen bringen. Wir gehen davon aus, dass der EZB-Rat die Zinsen im Juli unverändert belassen und seinen datenabhängigen Ansatz, bei dem von Sitzung zu Sitzung entschieden wird, bekräftigen wird. Auch wenn der starke Rückgang der Ölpreise Ende Juni zu einer gewissen Mäßigung in der Kommunikation der EZB geführt hat, erwarten wir, dass nach der Entscheidung und der Pressekonferenz kaum Zweifel daran bestehen werden, dass der EZB-Rat weiterhin eine restriktive Ausrichtung beibehält. Unser Basisszenario sieht weiterhin eine Zinserhöhung im September vor und – sollte die Fed wie von uns erwartet ebenfalls Zinserhöhungen einleiten – eine weitere Anhebung der EZB-Zinsen auf 2,75 % noch vor Jahresende. Derzeit preist der Markt ein Risiko von rund 2 Basispunkten für eine Zinserhöhung im Juli (also eine geringe Risikoprämie) und eine kumulierte Straffung von 52 Basispunkten bis Mitte 2027 ein.
Seit der Juni-Sitzung ist das wirtschaftliche Bild weiterhin durchwachsen. Die Konjunkturumfragen zeigten eine leichte Verbesserung, die Kerninflation war zuletzt moderat, doch das Scheitern des Waffenstillstandsabkommens zwischen den USA und dem Iran hat einen anhaltenden Anstieg der Ölpreise ausgelöst, der den Markterwartungen hinsichtlich einer Straffung durch die EZB neuen Auftrieb gegeben hat. Die EZB dürfte erneut betonen, dass die anhaltende Volatilität der Lage im Nahen Osten die Vorhersehbarkeit der Geldpolitik einschränkt und dass sowohl die Aufwärtsrisiken für die Inflation als auch die Abwärtsrisiken für das Wachstum weiterhin erheblich sind. Für die EZB scheint es keinen Grund zu geben, von ihrem vorsichtigen Ansatz – insbesondere ihrer Betonung der Szenarioanalyse – abzuweichen, und auch für EZB-Präsidentin Christine Lagarde gibt es keinen Anlass, ihren Fokus auf die Bedeutung des Inflationsziels zu lockern. Sie folgt damit dem Beispiel des neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh, der in seiner ersten Ansprache vor dem Kongress ebenfalls die Bedeutung des Inflationsziels hervorgehoben hat.
Da es keine Zinsentscheidung und keine neuen Prognosen der Experten gibt, könnte sich die Aufmerksamkeit auf die allgemeinen geldpolitischen Rahmenbedingungen der EZB richten. Einem aktuellen Bericht von Reuters zufolge erwägt die EZB, die nicht verzinsliche Mindestreservepflicht von 1 % auf 2 % der zulässigen Bankeinlagen anzuheben, was dem Eurosystem jährlich rund 4 Mrd. € an Zinszahlungen einsparen würde. Darüber hinaus hat die EZB bislang noch keine Klarheit darüber geschaffen, welche Mischung aus langfristigen Refinanzierungsgeschäften und einem strukturellen Anleiheportfolio als Quellen der Liquiditätsversorgung bevorzugt wird, ebenso wenig wie über die Zusammensetzung des letztgenannten Portfolios. Wir gehen davon aus, dass diese Themen während der Pressekonferenz zur Sprache kommen werden, auch wenn endgültige Antworten möglicherweise noch ausbleiben.
Insgesamt erwarten wir, dass die EZB signalisieren wird, mögliche neue Inflationsrisiken aufmerksam zu beobachten, und darauf hinweisen wird, dass in einem von hoher geopolitischer Unsicherheit geprägten Umfeld die Aufrechterhaltung der geldpolitischen Flexibilität weiterhin der bevorzugte Kurs des EZB-Rats ist.
Wir glauben nicht, dass diese Sitzung den Markt wesentlich beeinflussen wird, und andere Schlagzeilen werden kurzfristig im Vordergrund stehen. Wir bevorzugen weiterhin die europäischen Rentenmärkte gegenüber den US-amerikanischen, wo wir inflationsgeschützte Anleihen präferieren. Darüber hinaus setzen wir in unseren Portfolios auf eine steilere Zinsstrukturkurve.
Von Michael Krautzberger, CIO Public Markets bei AllianzGI
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