- Wir gehen davon aus, dass die Fed die Zinsen im Juli unverändert lassen und gleichzeitig ihren restriktiven Kurs in Bezug auf die Inflation beibehalten wird.
- Trotz einer gewissen Entspannung bei der Inflation sind die Entscheidungsträger weiterhin besorgt über anhaltenden Preisdruck und Aufwärtsrisiken.
- Wir rechnen weiterhin mit einer Straffung um 50 Basispunkte bis zum Jahresende.
Die jüngsten Daten haben der Fed etwas Zeit verschafft, ohne den geldpolitischen Ausblick wesentlich zu verändern. Die Verbraucherpreise haben sich im Juni abgeschwächt, während die Verbesserung am Arbeitsmarkt an Dynamik verloren hat. Vor diesem Hintergrund erwarten wir, dass der Offenmarktausschuss der US-Notenbank (FOMC) auf seiner Sitzung am 28. und 29. Juli den Zielkorridor für die Federal Funds Rate unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent belassen wird.
Nach dem restriktiveren Signal im Juni erwarten wir nicht, dass Fed-Präsident Warsh konkrete Hinweise auf den nächsten Zinsschritt geben wird. Vielmehr dürfte er die erhöhte Wachsamkeit des Ausschusses nach mehr als fünf Jahren mit Inflation oberhalb des Zielwerts betonen und sich größtmögliche Flexibilität mit Blick auf die September-Sitzung bewahren. Angesichts einer widerstandsfähigen Konjunktur, einer Kern-PCE-Inflation von weiterhin über 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr sowie fortbestehender Aufwärtsrisiken durch wieder steigende Ölpreise, KI-bedingte Engpässe und breitere Angebotsbeschränkungen dürften die Währungshüter aus einem einzelnen günstigen Inflationsbericht kaum allzu viel Zuversicht schöpfen. Bei seinen Anhörungen vor dem US-Kongress im Juli hat Warsh verdeutlicht, dass der FOMC anhaltend erhöhte Inflation nicht tolerieren wird. Dies spricht dafür, dass der Ausschuss der Preisstabilität wieder größeres Gewicht beimisst. Die Beweislast liegt damit klar bei den Inflationsdaten: Nur eine breitere und nachhaltige Abschwächung des Preisdrucks dürfte eine weitere Straffung der Geldpolitik verhindern.
Wir betrachten Kevin Warsh zwar als klassischen Inflationsfalken, zugleich ist er aber ein überzeugter Befürworter einer durch KI und Produktivität getriebenen Disinflation. Bevor die Fed ein solches optimistischeres Angebotsnarrativ glaubwürdig aufgreifen kann, muss sie zunächst ihre Glaubwürdigkeit im Kampf gegen die Inflation wiederherstellen. Würde sie eine über dem Ziel liegende Inflation hinnehmen und zugleich argumentieren, künftige Produktivitätsgewinne würden das Problem lösen, könnte dies diese Glaubwürdigkeit weiter schwächen. Daher erwarten wir von Warsh einen „first things first“-Ansatz: Die Geldpolitik dürfte so lange ausreichend restriktiv bleiben, bis die Inflation klarere Anzeichen einer Abschwächung zeigt. Erst wenn die Fed ihre Anti-Inflations-Glaubwürdigkeit gestärkt hat, dürfte die erwartete Beschleunigung der strukturellen Produktivität in den geldpolitischen Beratungen größeres Gewicht erhalten. Zwar dürfte der FOMC im Juli zunächst abwarten, wir erwarten jedoch weiterhin eine zusätzliche Straffung um 50 Basispunkte bis zum Jahresende.
Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet dies aus unserer Sicht, dass Portfolios auf ein „higher-for-longer“-Zinsumfeld ausgerichtet sein sollten. Attraktive Gesamtrenditen machen robuste Erträge im Fixed-Income-Bereich wieder zum dominierenden Anlageziel. Seit Beginn des US-Iran-Konflikts haben wir unsere Positionierung auf eine steilere US-Zinskurve deutlich reduziert; die zuletzt restriktivere Kommunikation der Fed hat diese Anpassung unserer Einschätzung zur US-Zinskurve zusätzlich bestätigt. Gleichzeitig haben Marktverwerfungen selektive Möglichkeiten geschaffen, taktisch Duration aufzubauen und Relative-Value-Positionen über globale Zinsmärkte hinweg einzugehen.
Von Jenny Zeng, CIO Fixed Income bei AllianzGI
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