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Nachhaltigkeitsrating für Staaten

Rankings gibt es (zu) viele. Wenn es um Nachhaltigkeit geht, wird diese oft auf einige wenige Indikatoren reduziert und das Thema tendenziell simplifiziert. Um zu verstehen, welches Nachhaltigkeitsverständnis zu Grunde liegt, ist es wichtig, hinter die Kulissen derartiger Modelle zu blicken, auch um inkonsistente Schlussfolgerungen zu vermeiden. Research | 03.06.2021 10:00 Uhr

rfu Nachhaltigkeitsrating von Staaten

Seit der Entwicklung des rfu Ländermodells 2015 wurden sukzessive neue Länder analysiert. Der Fokus lag zunächst auf den wichtigsten Anleiheemittenten und wurde schrittweise um weitere Länder am oder außerhalb des Kapitalmarktes erweitert. Mittlerweile sind es 167 Länder und damit faktisch die gesamte Welt.

Drei simple Meta-Fragen liegen unserem Vergleich zu Grunde: Werden grundlegende Bedürfnisse der Menschen erfüllt? Was tragen Staat, Wirtschaft und sonstigen Institutionen dazu bei? Welche planetarischen Grenzen werden dabei in welchem Ausmaß überschritten?

Dahinter liegt ein Modell, das versucht, der Komplexität von Nachhaltigkeit gerecht zu werden. Neben einer Darstellung des Modelles und seiner Ergebnisse zeigen wir Ihnen im Folgenden die dahinter liegenden Gedanken, Fragen und Herausforderungen:

Die Philosophie des Modelles hinter den 3 Säulen: Max-Neef, Bossel und Rockstrom. 

Das rfu Nachhaltigkeitsverständnis ist Grundlage unseres Modells. Aufgrund der Anschlussfähigkeit und der besseren Verständlichkeit orientiert sich dieses in seiner thematischen Struktur am gängigen 3-Säulen-Modell. Dabei gliedert sich Nachhaltigkeit wie folgt: in Soziales, Ökonomie und Ökologie. 

Um menschliche Bedürfnisse, gesellschaftliche Zusammenhänge sowie Umwelt greifbar zu machen, bedienen wird uns ausgewählter theoretischer Konzepte. Hinsichtlich Soziales und Ökonomie sind dies die Bedürfnistheorie von Manfred Max-Neef und der systemtheoretische Ansatz von Hartmut Bossel; die ökologische Dimension orientiert sich am Konzept der Planetary Boundaries. Die Interpretation und Definition dieser drei Säulen unterscheiden sich bedeutend voneinander. 

  • Soziale Nachhaltigkeit: Die Erfüllung physischer und psychischer Bedürfnisse für alle Weltbürgerinnen und Weltbürger auf individueller Ebene sowie die potenzielle Verletzung dieser;
  • Ökonomische Nachhaltigkeit: Bindeglied zwischen der sozialen und der ökologischen Säulen in Sinne einer effizienten und vor allem effektiven Bereitstellung und gerechten Verteilung von Ressourcen zur Erreichung gesellschaftlicher Ziele;
  • Ökologische Nachhaltigkeit: Nichtüberschreitung wesentlicher Grenzen des Ökosystems;

Was fließt in die Beurteilung ein? Und was alles nicht?

Derzeit fließen rund 160 quantitative Kriterien sowie knapp 40 qualitative Aspekte in die Erhebung und Beurteilung eines Staates ein. Die verwendeten Daten stammen überwiegend aus Datenbanken internationaler Organisationen (z.B. UNO, WHO und Weltbank), NGOs (z.B. World Ressource Institute) sowie aus wissenschaftlichen Publikationen. Wenn verfügbar, fließen Themen-Indices ein (z.B. Klimaschutz Index, Freedom House). Zu jenen Themengebieten, zu denen noch Daten fehlen, gehen wir jährlich neu auf die Suche. Nachstehend ein stichwortartiger Überblick über das Modell und seine Inhalte.

Von der Indikatoren-Sammlung zum Gesamtbild

Im Unterschied zu Unternehmen sind Staaten durch Vergleichbarkeit und leichter handhabbare Systemgrenzen gekennzeichnet (z.B.: jede Erdbürgerin und jeder Erdbürger hat die gleiche Rechte inne). Dies erleichtert die Operationalisierung. 

Der Wunsch nach einem Ranking zwingt aber auch dazu, Äpfel und Birnen miteinander zu vergleichen, Menschenrechtsverletzungen mit Lebensqualität zu vergleichen, oder geschützte Territorien mit dem Umweltauswirkungen von Mobilität gegenzurechnen. Ratings und Rankings können nur eine Annäherung an die viel komplexere Wirklichkeit mit ihren schwer vergleichbaren Nuancen und Eigenheiten sein.

Die Ausprägungen werden über mehrere Ebenen zu einem Gesamtrating auf einer neunstufigen Skala von A+ bis C- aggregiert. Die Mathematik hinter dem Modell versucht vor allem zu erheben, wie weit ein Land von ökologischen und sozialen Zielsetzungen und Grenzen entfernt ist. In diesen und anderen Herangehensweise sehen wir uns denkverwandt mit dem Donut-Modell von Kate Raworth. Wie weit außerhalb des Donuts liegen die Staaten? 

Die Gewichtung wird teilweise an die Rahmenbedingungen angepasst. Westliche Industrieländer sind für einen Großteil der weltweiten Umweltauswirkungen verantwortlich, weshalb die Gewichtung für die Ökologie hier höher ist als bei Staaten mit hohen sozialen Herausforderungen.

Die Grenzen der Aussagekraft

Neben der Verfügbarkeit stellt auch die Beurteilung der Aussagekraft von Daten eine Herausforderung dar. Viele Themen lassen sich durch Kennzahlen vergleichsweise gut erfassen – wie etwa die Auswirkungen auf den Klimawandel in Form von Treibhausgasemissionen oder die Lebenserwartung als Annäherung für ein langes, gesundes Lebens.

Lebenszufriedenheit, Gerechtigkeit, Toleranz oder die Offenheit von Gesellschaften sind weit schwieriger messbar und vom jeweiligen kulturellen Kontext abhängig. Nichtsdestotrotz sind dies wesentliche Elemente eines humanistischen Nachhaltigkeitsverständnisses, welche wir – trotz Grautöne und Schattierungen – nicht außen vor lassen wollen (z. B. globale Umfragen).  

Andere Veränderungen - wie beispielsweise eine schleichende Entdemokratisierung - zeigen sich wiederum erst zeitversetzt. Deshalb wird jede Analyse mit einem holistischen Quervergleich hinterfragt und in Einzelfällen nachjustiert. 

Die Ergebnisse

Wir sind als globale Gesellschaft noch immer meilenweit von nachhaltigen Lebensweisen entfernt: Kein Staat ist nachhaltig. Nicht einmal annähernd. Das spiegelt sich auch in den Ergebnissen wider. Kein Land hat ein A+ oder A Rating. 

Schweden ist das einzige Land, welches ein A- Rating erreicht.  Die weiteren Top 10 Staaten entstammen überwiegend Nord- und Mitteleuropa. Am Ende der Skala liegen durchwegs Länder im Bürgerkrieg und ohne funktionierende staatliche Strukturen. Bei Saudi-Arabien schlägt neben der Verletzung vieler Grundwerte das sehr schlechte Umweltrating zu Buche.

Quelle:rfu

Dieses Bild, dass europäische Staaten die ersten Plätze dominieren, findet sich häufig in derartigen Ranglisten. Einerseits sind es Staaten mit sehr hoher Lebensqualität und ausgeprägtem Sozialwesen, in denen wichtige Werte – Menschenrechte, etc. - bedeutend weniger verletzt werden als in anderen Regionen. Gleichzeitig sind gerade diese Staaten, mit ihrem Energiehunger und Konsumverhalten maßgeblich für globale Herausforderungen (z. B. Klimawandel), aber auch negative Auswirkungen in anderen Ländern mitverantwortlich. Dies zeigt sich ebenso in den Bewertungen der einzelnen Sphären. Österreich liegt bei sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit im Spitzenfeld, jedoch beim Umwelt-Rating auf Platz 81, einen Platz vor Schweden.  

Die Top 10 Liste zeigt weiters, dass nicht nur westliche Industrienationen gute Ergebnisse erzielen, sondern auch Schwellenländer wie z.B. Uruguay und Costa Rica. Länder, die in Bezug auf ökologische Nachhaltigkeit die planetarischen Grenzen weit weniger verletzen und dennoch Rahmenbedingungen für ein gutes Leben liefern. 

Demgegenüber können Staaten, die planetarische Grenzen sehr weit überschreiten, dies nicht mehr durch soziale Errungenschaften kompensieren. Australien und Kanada liegen nur im Mittelfeld, die Vereinigten Staaten liegen sogar nur knapp vor China und Russland. Damit wird auch der problematischen Interpretation entgegengewirkt, dass westliche Länder den Pfad Richtung nachhaltiger Entwicklung vorgeben. 

Auf den Blickwinkel kommt es (auch) an: Produktion und Konsum-Perspektive

Nachhaltigkeit heißt vor allem auch Verantwortung übernehmen. Aber ist Brasilien tatsächlich allein verantwortlich für die massiven Rodungen im Amazonas? Oder ist es der hohe Fleischkonsum der westlichen Welt? Darüber wird oft diskutiert und beides sind legitime Sichtweisen.

In unser Modell fließen vor allem bei den ökologischen Grenzen beide Perspektiven - production und consumption-based - gleichermaßen in die Beurteilung mit ein. Bei zweiterer wird der Impact der Produktion von Rohstoffen und Produkten jenen Staaten zugerechnet, die sie verbrauchen. Dieser Blickwinkel wird oft vergessen und damit der Export von Umweltbelastung „honoriert“.

Ausblick 

Nachhaltigkeit ist kein statisches Konzept, sondern wandelt sich einhergehend mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, gesellschaftlichen, politischen und medialen Diskursen sowie technologischer Entwicklung. So spiegeln sich rapide schrumpfende Budgets zur Erreichung internationaler Klimaziele in einer dementsprechenden Anpassung von Modell und Bewertung wider. Im kommenden Update unseres Länder-Ratings werden wir den gesellschaftlichen Umgang mit der COVID-Pandemie miteinbeziehen.

Warum Investorinnen und Investoren eine relevante Rolle spielen

Trotz aller Limitierungen ist es wichtig, Nachhaltigkeit zu operationalisieren und vergleichbar zu machen, zu differenzieren, welche Länder ambitioniertere Wege einschlagen und welche Nachzügler sind. Wenn die Entscheidung, ob Geldmittel in Land X fließen sollen, auch soziale und ökologische Auswirkungen wesentlich miteinbezieht und Auswirkungen auf Konditionen der Refinanzierung hat, kann dies auch einen relevanten Steuerungseffekt haben. 

Hier können Ausschlusskriterien ein erster Schritt sein. Deren Anwendung ist eine weit verbreitete Praxis. Diese reichen im rfu-Standardmodell von militärischen Kriterien (Besitz Nuklearwaffen, überhöhtes Militärbudget) über Risikotechnologien (z.B.: Nuklearenergie) bis hin zu Verletzung fundamentalen Grundwerte, u.a. Menschenrechte & ILO-Kernnormen. 

Die Dimension macht den Wirkungskreis solcher Ausschlusskriterien deutlich: Es sind nicht einzelne Ausreißer a la Nordkorea, die diese Ausschlusskriterien erfüllen, sondern insgesamt 116 Staaten der Erde, die 87% aller Menschen beheimaten und 76% der globalen Wirtschaftsleistung erbringen. Diesen Staaten die Refinanzierung zu erschweren, wäre ein zusätzlicher Druck, der den Weg in eine zukunftsfähige Gesellschaft unterstützen würde. 

Gastautor: Christian Loy, Head of Research, rfu 

Über die rfu:
Die rfu, mit Sitz in Wien, ist Österreichs Spezialistin für Nachhaltiges Investment und Management und unterstützt institutionelle Kunden mit Nachhaltigkeits-Research und der Konzeption von Investmentprodukten. „Technologisches Herz" sind die rfu Nachhaltigkeitsmodelle für Unternehmen, Länder und Rohstoffe.

Weitere Leistungen sind u.a. die Erstellung von Prüfgutachten nach dem Österreichischen Umweltzeichen sowie Second Party Opinions zur Emission von Green und Social Bonds.

Weitere Informationen finden Sie auf www.rfu.at

Über die Artikelserie "GOING GREEN":
GOING GREEN ist eine monatliche Kolumne auf e-fundresearch.com zu Entwicklungen und Hintergründen im nachhaltigen Investment, verfasst von Reinhard Friesenbichler und seinen Kolleginnen und Kollegen aus der rfu.

Performanceergebnisse der Vergangenheit lassen keine Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung eines Investmentfonds oder Wertpapiers zu. Wert und Rendite einer Anlage in Fonds oder Wertpapieren können steigen oder fallen. Anleger können gegebenenfalls nur weniger als das investierte Kapital ausgezahlt bekommen. Auch Währungsschwankungen können das Investment beeinflussen. Beachten Sie die Vorschriften für Werbung und Angebot von Anteilen im InvFG 2011 §128 ff. Die Informationen auf www.e-fundresearch.com repräsentieren keine Empfehlungen für den Kauf, Verkauf oder das Halten von Wertpapieren, Fonds oder sonstigen Vermögensgegenständen. Die Informationen des Internetauftritts der e-fundresearch.com AG wurden sorgfältig erstellt. Dennoch kann es zu unbeabsichtigt fehlerhaften Darstellungen kommen. Eine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der zur Verfügung gestellten Informationen kann daher nicht übernommen werden. Gleiches gilt auch für alle anderen Websites, auf die mittels Hyperlink verwiesen wird. Die e-fundresearch.com AG lehnt jegliche Haftung für unmittelbare, konkrete oder sonstige Schäden ab, die im Zusammenhang mit den angebotenen oder sonstigen verfügbaren Informationen entstehen.

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