Kreislaufwirtschaft – das Verbiegen des wirtschaftlichen Einbahnsystems

Research | 17.02.2022 17:00 Uhr

Denken Sie Wirtschaft in Kreisläufen? Das Cradle-to-Cradle-Prinzip von Michael Braungart und William McDonough ist das Konzept eines perfekten sozioökonomischen, materiellen Kreislaufs von der Wiege in die Wiege ohne Abfälle, das sich ökologische Kreisläufe zum Vorbild nimmt. Unsere derzeitigen Produktionssysteme folgen jedoch vornehmlich dem Cradle-to-Grave-Prinzip von der Wiege bis zur Bahre, wo neue Rohstoffe aus der Natur entnommen und in Produkte umgewandelt werden, die nach ihrer Nutzung als Abfälle oder Emissionen wieder in der Umwelt landen. Diese Einbahnstraße ist nicht nachhaltig, stößt mit dem nach wie vor steigendem gesellschaftlichen Ressourcenverbrauch zunehmend an planetare Grenzen und führt zu diversen ökologischen und sozialen Problemen. In Langzeitstudien wurde berechnet, dass der globale jährliche Ressourcenverbrauch von 1900 bis 2015 um das 12-fache anstieg, während die sozioökonomischen und ökologischen Recyclingraten zurückgingen. Bis 2050 wird eine weitere Verdoppelung oder sogar Verdreifachung des globalen Ressourcenverbrauchs erwartet. Eine völlige Umgestaltung der Ressourcennutzung, wie der Ausstieg aus der Nutzung von fossilen Energieträgern sowie eine Kreislaufschließung bei nicht erneuerbaren, begrenzten Rohstoffen ist dringend notwendig.

Der Bedarf einer nachhaltigen Transformation und eines grundlegenden Paradigmenwechsels wird zunehmend von politischen Entscheidungsträgern, Industrie und Wissenschaft erkannt. Das Konzept der Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) für eine nachhaltige Ressourcennutzung gewinnt dabei an Bedeutung und wird weltweit in diverse Strategien implementiert. Ein Übergang stellt sowohl Vorteile für Umwelt und Klima in Aussicht wie auch Chancen für Innovationen, Beschäftigung oder auch zur Reduktion von Abhängigkeiten von Rohstoffimporten. Die Erwartungen sind hoch, obwohl einige Zielkonflikte – beispielsweise zwischen der Dekarbonisierung und dem zusätzlichen Material- und Energieaufwand für den dafür notwendigen Umbau der Infrastruktur, insbesondere im Energie-, Verkehrs- und Gebäudesektor – zu erwarten sind.

Die Europäische Kommission präsentiert in ihren Aktionsplänen zur Kreislaufwirtschaft Vorschläge wie Umwelt- und Klimaauswirkungen durch eine nachhaltige Produktpolitik reduziert werden können. Das Ziel ist, dass nachhaltige Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle zur Norm werden. Diskussionen und Richtlinien, wie verschiedene Wirtschaftsaktivitäten einer Kreislaufwirtschaft entsprechend gestaltet werden können ohne andere Umweltziele zu verletzen, werden dieses Jahr im Zuge der Ausarbeitung und Veröffentlichung der nächsten Umweltkriterien der EU-Taxonomie erwartet. Der Gewinn aus den folgenden Verhandlungen wird mehr Transparenz sein, die Unternehmen sowie Investorinnen und Investoren im besten Fall nutzen können, um vorausschauende Entscheidungen zur Bewältigung unserer komplexen gesellschaftlichen Herausforderungen zu treffen. Dass die Interpretationen von Nachhaltigkeit und Transformationstechnologien der EU-Kommission jedoch nicht unumstritten sind, zeigte zuletzt die kontroverse Einstufung von Atomenergie und Erdgas als solche.

Schlüsselsektoren und Hindernisse der Circular Economy

Die Ausgangslage sowie die Herausforderungen und Chancen durch eine Erhöhung der Zirkularität sind in den Branchen sehr unterschiedlich. Als Schlüsselsektoren der Kreislaufwirtschaft gelten zum Beispiel Elektronik, Batterien und Fahrzeuge, Verpackungen, Plastik, Textilien, Baugewerbe und Gebäude und Nahrungsmittel. Viele Problemfelder sind komplex und nicht einfach zu lösen, wie zum Beispiel die Versorgungsengpässe kritischer mineralischer Rohstoffe und der danach wachsenden Nachfrage durch Zukunftstechnologien, wie PV-Anlagen, Windräder oder elektronische Geräte.

Seit den 1980er Jahren sind die sekundären Materialflüsse um das 20-fache gestiegen. Dennoch bleibt die soziökonomische Recyclingquote eher bescheiden, was unter anderem auf strukturelle Hindernisse zurückzuführen ist. Zum einen liegt die Menge an Materialoutputs klar unter dem immer noch steigenden Materialbedarf. Des Weiteren wird für die Energieversorgung ein hoher Anteil fossiler Brennstoffe verbrannt, der damit nicht mehr recycelbar ist. Eine andere Barriere stellen die wachsenden gesellschaftlichen Materialbestände, wie Gebäude, Infrastrukturen oder Maschinen dar, in denen Materialien dauerhaft gebunden werden. Diese Bestände haben langfristige Auswirkungen auf die damit zusammenhängenden Ressourcenflüsse und Leistungen für die Gesellschaft (z. B. Wohnen oder Mobilität) sowie die Entstehung, Übernahme oder Aufgabe von Praktiken.

Ein anderer kritischer Aspekt ist, dass die Zirkularität von Biomasse in Strategien häufig als automatisch kreisläufig angenommen wird, was sie nicht ist, wie negative Umweltauswirkungen der Landnutzung zeigen.

Es ist Zeit für Unternehmen, im Kreis zu laufen!

Auch oder gerade, weil die Herausforderungen groß sind, brauchen wir Schritte auf allen Ebenen. So auch bei den Unternehmen und ihren Geschäftsmodellen. In linearen Geschäftsmodellen liegt der Fokus auf der Schaffung von Werten für die Erstnutzung, die anschließend verloren gehen. Bei einem verantwortungsvollen Umgang mit Rohstoffen entlang der Wertschöpfungskette wird dieser kurzsichtige Blickwinkel aufgebrochen und die Perspektive von der Erstnutzung von Rohstoffen auf die Verwendung danach erweitert. Dies gelingt, indem Kreisläufe auf allen Stufen der Erzeugung, Nutzung und Entsorgung geschlossen und verbessert werden, um Werte hinzuzufügen oder zu erhalten.

Maßnahmen zur Umsetzung der Kreislaufwirtschaft wären zum Beispiel:

  • eine Erhöhung der Anteile an recycelten Rohstoffen in der Produktion;
  • Steigerung der Ressourceneffizienz;
  • die Verlängerung der Produktlebensdauer, indem sie repariert, renoviert oder umfunktioniert werden können und das Produktdesign darauf ausgerichtet wird;
  • alternative Dienstleistungsmodelle wie sharing-Angebote, welche die Nutzung von Produkten intensivieren;
  • die Verwertung von Nebenprodukten, das Sammeln nicht mehr verwendbarer Produkte und Abfälle und die Rückgewinnung recycelbarer Materialien.

Verantwortungsbewusste Unternehmen ergreifen im Zuge der Transformation zur Kreislaufwirtschaft die Chance zur Dematerialisierung und Neugestaltung von Produkten, wobei der Material- und Energieverbrauch entlang des gesamten Produktlebenswegs ins Auge gefasst wird. Lebenszyklusanalysen und andere systematische Analysen der potenziellen Klima- und Umweltauswirkungen können diesen Prozess unterstützen.

Zirkularität in Nachhaltigkeitsratings und Standards

Das breite Spektrum an Herausforderungen und Maßnahmen zur Transformation zur Kreislaufwirtschaft finden sich auch in der Nachhaltigkeitsbewertung wieder. Erste Anbieter offerieren bereits spezielle Analysen zur Messung der Zirkularität von Unternehmen und ein internationaler Standard zur Kreisläufigkeit wird vom Technical Committee on Circular Economy des ISO Standards für 2023 in Aussicht gestellt.

Bei Unternehmensanalysen der rfu finden die Prinzipien der Circular Economy Eingang in die Bewertung mehrerer Indikatoren. Grundlegend ist zuallererst die Frage, ob Kreislaufwirtschaft in der (Nachhaltigkeits-)Strategie explizit erwähnt wird und es konkrete und messbare Zielsetzungen in diese Richtung gibt. Messbare KPIs können dabei auf verschiedenen Ebenen gesetzt werden, wie zum Beispiel Anteile von:

  • sekundären oder erneuerbaren primären Rohstoffen im Materialinput;
  • Nebenprodukten und Abfällen aus der Materialverarbeitung, die eine weitere Verwendung finden;
  • Circular Innovation in der Entwicklung oder Circular Procurement in der Beschaffung;
  • Produkten und Services am Umsatz, die den Prinzipien der Circular Economy entsprechen;
  • erneuerbarer Energien oder Quoten im Wasserverbrauch oder im Abfallmanagement. 

Von Interesse ist auch, ob das Unternehmen sich bei einschlägigen Initiativen engagiert oder sich gemeinsam mit Lieferanten und Partnerinnen bemüht, die Grundlagen der Kreislaufwirtschaft zu verbessern und Kriterien bei der Auswahl zur Zusammenarbeit setzt. Bewertet wird außerdem, ob Risiken der Transformation zu einer Kreislaufwirtschaft sowie des Verbleibs in der linearen Wirtschaft im Risikomanagement berücksichtigt werden.

Die Kundenseite, und was mit den Produkten während und nach ihrer Nutzung passiert, ist für die Kreisläufigkeit ein wichtiger Aspekt. Durch diverse Serviceleistungen können Unternehmen hier entscheidende Schritte setzen, beispielsweise durch Reparatur-, Wartungs-, Rücknahme- oder Ersatzteilangebote. Buy-back oder Secondhand-Marktplätze können ebenfalls entstehen.

Ein runder Ausblick?

Um den transformativen Nachhaltigkeitsanspruch der Kreislaufwirtschaft zu erreichen, ist es notwendig über die Förderung der Wiederverwendung und des Recyclings hinauszugehen. Eine umsichtige Kreislaufstrategie braucht eine konsequente Nutzung einer großen Palette kreisläufiger Strategien, eine Eindämmung des Wachstums der gesellschaftlichen Materialbestände, nachhaltige Kriterien und Ziele der Biomasseproduktion und eine systematische Energieperspektive, um unbeabsichtigte Nebenwirkungen zu vermeiden. Die Kreislaufwirtschaft ist dabei nur als ein Teil der nachhaltigen Transformation zu verstehen, die daneben auch deutliche Reduktionsziele aller nicht-zirkulären Ressourcenflüsse benötigt. Der Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaft bleibt also weiterhin spannend und darf sich an einigen Stellen im Kreis drehen.

Gastautorin: Anna Köstinger, MSc, Analyst, rfu

Über die rfu:
Die rfu, mit Sitz in Wien, ist Österreichs Spezialistin für Nachhaltiges Investment und Management und unterstützt institutionelle Kunden mit Nachhaltigkeits-Research und der Konzeption von Investmentprodukten. „Technologisches Herz" sind die rfu Nachhaltigkeitsmodelle für Unternehmen, Länder und Rohstoffe.

Weitere Leistungen sind u.a. die Erstellung von Prüfgutachten nach dem Österreichischen Umweltzeichen sowie Second Party Opinions zur Emission von Green und Social Bonds.

Weitere Informationen finden Sie auf www.rfu.at

Über die Artikelserie "GOING GREEN":
GOING GREEN ist eine monatliche Kolumne auf e-fundresearch.com zu Entwicklungen und Hintergründen im nachhaltigen Investment, verfasst von Reinhard Friesenbichler und seinen Kolleginnen und Kollegen aus der rfu.

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