Energieträger aus Nachhaltigkeitssicht: Ist weniger mehr?

Research | 31.10.2022 16:00 Uhr

Rohstoffe: Energieträger aus Nachhaltigkeitssicht – ist weniger mehr? 

Fest steht: Der Energiemix ist nach wie stark von fossilen Energieträgern dominiert. Der Übergang zu einem nachhaltigen und suffizienten Energiesystem geht viel zu langsam voran und der globale Energieverbrauch ist extrem ungleich verteilt. Gute Nachrichten sind Mangelware, wenn gleich hohe Lebensqualität mit insgesamt weitaus geringerem Energieeinsatz erreichbar scheint. Wenn wir über Energie reden, meinen wir meist Strom (elektrische Energie). Dieser macht aber tatsächlich nur einen kleinen Teil des gesamten Energieverbrauchs aus - in Österreich sind es nur rund ein Fünftel. Neben Strom verwenden wir aber auch Treibstoffe (Benzin und Diesel), Erdgas, Heizöl, biogene Brennstoffe (z.B.: Holz), Kohle und andere Energieträger. 

Energie nach wie vor überwiegend aus Öl, Kohle und Gas 

2021 haben wir global beinahe 600 Exajoules (= Billiarden Megajoule) bzw. rund 75 Gigajoule (GJ) pro Person an Energie verbraucht. Der Großteil davon stammt immer noch von fossilen Energieträgern (Öl: 31%; Kohle: 27%; Gas: 24%). Der Anteil der erneuerbaren Energie – obwohl seit Jahren in aller Munde – macht nur 14 Prozent des globalen Verbrauches aus. 

Und dieser Verbrauch ist sehr ungleich verteilt. Laut jüngsten Ergebnissen der Sheffield Hallam University waren 2015 die reichsten 10 Prozent der Welt für 49% des globalen Carbon Footprint verantwortlich, welcher recht eng verknüpft mit dem Energiekonsum ist. Während in den Vereinigten Staaten 265 Gigajoule pro Person konsumiert wird, werden in Mittel- & Ost-Afrika weniger als 5 Gigajoule verbraucht. Österreich zählt mit 166 GJ pro Person ebenfalls zu jenen Ländern mit sehr hohem Energieverbrauch. Gleichzeitig haben neun Prozent der Weltbevölkerung noch immer keinen Zugang zu Elektrizität. 

Die Bereitstellung und Nutzung von Energie, vor allem von fossilen Energieträgern, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem fortschreitenden Klimawandel, mit Biodiversitätsverlust und Landverbrauch, vor allem durch Umwandlung von Ökosystemen oder intensivere Nutzung von Forst- und Agrarflächen für die Produktion biogener Energiepflanzen. Knapp drei Viertel der Treibhausgas-Emissionen können auf unseren Energiehunger zurückgeführt werden, der Großteil hiervon auf industrielle Prozesse, den Energieverbrauch in Gebäuden durch Strom und Heizen sowie Mobilität und Transport. Die Luftverschmutzung durch die Verbrennung fossiler Energieträger hat laut jüngsten Studien geschätzt mehr als 10 Millionen Tote pro Jahr zu Folge, in etwa das 20-fache als durch vorsätzliche Verbrechen. 

Technologie und Effizienzsteigerung zu stark im Fokus? 

Das Postulat „einfach nur auf Erneuerbare umzusteigen“ greift zu kurz. Abgesehen davon, dass der Umstieg auf erneuerbare Energien bislang zu langsam verläuft, werden ohne Reduktion des Gesamtenergieverbrauches die ökologischen und sozialen Auswirkungen wohl nur verschoben werden. Am Beispiel Mobilität illustriert: Wenn wir den österreichischen Treibstoffverbrauch von knapp 10 Millionen Liter Diesel und Benzin durch Biotreibstoffe ersetzen, würden wir mehr als das eineinhalbfache der gesamten österreichischen Agrarfläche benötigen. Dabei sind technologische Entwicklungen bis 2030 schon berücksichtigt. Würden wir – im Sinne globaler Gerechtigkeit - der ganzen Welt ein Ausmaß an motorisiertem Individualverkehr wie in Österreich zugestehen und dies in Form von Elektroautos, würde dies die bekannten Lithium und Cobalt-Vorkommen um ein Mehrfaches übersteigen. Bereits heute ist ihre Exploration bereits mit massiven Folgewirkungen verbunden und Elektroautos sind erst nach rund 80.000 Kilometern einem Verbrennungsmotor ökologisch überlegen. 

Aber werden wir nicht ständig effizienter? Je nach Perspektive. Schon 1865 beobachtete der britische Ökonom William Stanley Jevons, dass die Erhöhung von Energieeffizienz auch zu einer Steigerung der Nachfragen führt, unter anderem aufgrund sinkender Kosten. Dieser Rebound-Effekt lässt sich in vielen Bereichen beobachten: So verbrauchen Gebäude pro Fläche weniger Energie, aber die durchschnittliche Wohnfläche steigt. Autos werden in ihrem Treibstoffverbrauch effizienter, aber mehr Kilometer werden zurückgelegt. Produkte werden mit weniger Material und Energieverbrauch hergestellt, aber mehr Produkte verkauft. 

Der Prozess, um die für unseren Konsum notwendigen Energieträger bereit zu stellen, ist aufwendig und mit massiven Eingriffen in die Natur verbunden. Rohstoffe werden in allen Ecken dieser Welt aus der Erde geholt, teils aus sehr sensiblen Ökosystemen. Zunehmend auch aus der Tiefsee. Gleichzeitig steht die Verfügbarkeit von Energie aber auch in engem Zusammenhang mit Lebensqualität, der Erfüllung grundlegender menschlicher Bedürfnisse und Armutsreduktion. 

Gute Lebensqualität auch ohne hohen Energieverbrauch möglich 

Unterschiedliche Studien weisen aber auch darauf hin, dass ab einer gewissen Menge der Grenznutzen im Sinne von Lebensqualität durch zusätzliche Energie stark abzunehmen scheint. Der Großteil westlicher Staaten scheint diesen „extra" Energieverbrauch bereits weit überschritten zu haben und die Verfügbarkeit von mehr Energie hat kaum Auswirkungen auf die Zufriedenheit. Staaten wie beispielsweise Costa Rica schaffen mit einem Fünftel des österreichischen Energieverbrauches eine vergleichsweise hohe Lebensqualität. Trotz Einschränkungen dieser reduzierten Betrachtungsweise ist das gutes Leben mit weniger Energieverbrauch eine wichtige, bisher wenig thematisierte Stellschraube.
Auch andere Entwicklungen versprechen leise Hoffnung. Zunehmend wird das Energiebedürfnis im Rahmen regionaler Energiegemeinschaften durch in lokalem Eigentum stehende Produktions- und Speicheranlagen befriedigt. Sharing-Konzepte im Mobilitätsbereich werden immer verbreiteter und vielversprechende Technologien werden marktreif.

Rohstoffmodell: Energieträger ökologisch und sozial beurteilt 

Für Investoren mit Nachhaltigkeitsausrichtung bietet das rfu-Rohstoffmodell eine ökologische und soziale Beurteilung und beleuchtet das so bedeutende Energiesegment aus den verschiedensten Blickwinkeln: Wo und mit welchen sozialen und ökologischen Auswirkungen wird Energie zur Verfügung gestellt? Wofür verwenden wir welche Energieträger und was bedeutet diese Form der Nutzung aus Nachhaltigkeitsperspektive? Wie schneiden einzelne Energieträger im Vergleich ab? Und welche regionalen Unterschiede gibt es, z.B.: Brent Rohöl versus WTI oder EEX German Power Future im Vergleich zum globalen Durchschnittsstrom? Die Ergebnisse unserer Analysen werden wir in Zukunft hier immer wieder näher beleuchten. 

Von Christian Loy, Head of Research bei rfu

Über die rfu:
Die rfu, mit Sitz in Wien, ist Österreichs Spezialistin für Nachhaltiges Investment und Management und unterstützt institutionelle Kunden mit Nachhaltigkeits-Research und der Konzeption von Investmentprodukten. „Technologisches Herz" sind die rfu Nachhaltigkeitsmodelle für Unternehmen, Länder und Rohstoffe.

Weitere Leistungen sind u.a. die Erstellung von Prüfgutachten nach dem Österreichischen Umweltzeichen sowie Second Party Opinions zur Emission von Green und Social Bonds.

Weitere Informationen finden Sie auf www.rfu.at

Über die Artikelserie "GOING GREEN":
GOING GREEN ist eine monatliche Kolumne auf e-fundresearch.com zu Entwicklungen und Hintergründen im nachhaltigen Investment, verfasst von Reinhard Friesenbichler und seinen Kolleginnen und Kollegen aus der rfu.

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