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Die "halbe Rezession"

Die meisten erwarten derzeit für den weiteren Verlauf des Jahres eine Belebung der Konjunktur. Der Optimismus lässt sich aber nur durch „soft facts“ begründen. Nach wie vor gibt es eine Reihe von guten Argumenten, dass sich die Phase geringen Wachstums noch eine Weile hinzieht. Was macht uns eigentlich so sicher, dass es von nun an wieder aufwärts geht? Economics | 20.12.2012 14:10 Uhr
Dr. Martin Hüfner, volkswirtschaftlicher Berater, direktanlage.at / © direktanlage.at
Dr. Martin Hüfner, volkswirtschaftlicher Berater, direktanlage.at / © direktanlage.at
"Ich habe mich gewundert, wie wenig die schlechten Konjunkturzahlen beachtet wurden, die letzte Woche für das vierte Quartal 2012 veröffentlicht wurden."

In Deutschland ist die reale Wirtschaftsleistung mit einer Jahresrate von 2,3% zurückgegangen, in Euroland insgesamt in gleichem Tempo (Österreich „nur“ minus 0,8%). Das ist der schlechteste Wert seit dem großen Einbruch nach der Finanzkrise 2009. Euroland insgesamt befindet sich in einer Rezession, Deutschland und Österreich sind in einer „halben Rezession“. Wenn es in diesen Monaten noch ein „Minusquartal“ gibt, dann haben auch diese Länder eine ganze Rezession.

Trotzdem war niemand so richtig erschreckt über diese Zahlen. Überall hieß es, das sei Vergangenheit. Es sage nichts über die Zukunft aus. Der Tiefpunkt des Zyklus liege hinter uns. Ab jetzt gehe es wieder aufwärts. Das erinnert sehr an den verzweifelten Song der Beatles in den sechziger Jahren „I’ve got to admit it’s getting better, it’s a little better all the time (it can’t get no worse)“, den der Chefvolkswirt des Institutes für International Finance, Phil Suttle, in einem Kommentar zu den Zahlen zitierte.


Was macht uns eigentlich so sicher, dass es von nun an wieder aufwärts geht? Zwei Gründe werden angeführt. Einmal die Ergebnisse der Befragungen. Sowohl in den USA (ISM) als auch in China (PMI) und Deutschland (ifo) zeigen die Indikatoren schon seit einigen Monaten nach oben. Die Stimmung wird besser. Zum anderen die freundlichen Aktienkurse. Sie deuten nicht auf einen Konjunkturabschwung hin.

Beides sind aber „soft facts“, auf die man nicht zu sehr bauen sollte. Stimmungen können stark schwanken. Aktienkurse haben eigene Gesetze. Ausgerechnet im vierten Quartal, als es mit der Wirtschaft so stark nach unten ging, sind die Aktienkurse besonders kräftig gestiegen.

Im Übrigen gibt es eine Reihe von Indizien, die an der Theorie eines bevorstehenden Aufschwungs Zweifel aufkommen lassen. Das erste Quartal wird schon aus Witterungsgründen vermutlich nicht besonders gut. Im Januar war die Temperatur durchwachsen. Im Februar war sie zumindest in Deutschland für den Bau schlecht. Da müsste der März schon außerordentlich warm sein, um das herauszureißen.

Die Weltwirtschaft ist nach wie vor lahm. Der Baltic Dry Index, der die Frachtraten misst, bewegt sich nach dem Absturz im Dezember auf niedrigem Niveau seitwärts. In den USA sind im Januar kräftige Steuererhöhungen in Kraft getreten (payroll tax). Im März drohen Ausgabenkürzungen (sequester). Dann folgen die Verhandlungen über die Anhebung der Obergrenze für die Schulden. Von der öffentlichen Hand gehen also keine positiven Impulse aus. Die Unternehmen, die sich mit ihren Investitionen im Hinblick auf den „fiscal cliff“ zurückgehalten hatten, werden jetzt kaum erleichtert aufatmen.

Über die chinesische Konjunktur wissen wir nicht viel, außer den Einkaufsmanagerindices (die dort aber besonders wenig aussagen). Die neue Parteiführung, die Ende 2012 gewählt wurde, tritt ihre Staatsämter erst im März an. Bis dahin dürfte nicht allzu viel passieren. In Asien sind nur in Japan die Zeichen eindeutig auf Wachstum gestellt. Es ist aber zu klein, um die ganze Region nach oben zu ziehen.

In Euroland ist die Stimmung zwar nach wie vor entspannt. Es drohen aber Unsicherheiten von den italienischen Wahlen und von den Verhandlungen mit Zypern. Frankreich ist auch in diesem Jahr nicht in der Lage, seinen Haushalt in Ordnung zu bringen. Die Niederlande sind schon seit zwei Quartalen in der Rezession. Es ist bereits die Rede von einer neuen Ländergruppierung, die die GIPS ablöst: die FINS (Frankreich, Italien, die Niederlande und Spanien).

Damit sind die Perspektiven des Exports zumindest für Deutschland weiterhin verhalten. Unsicher sind auch die Aussichten für die Investitionen. Die Ausgaben für Maschinen und Ausrüstungen sind in der Bundesrepublik in den letzten fünf Quartalen real zurückgegangen. Warum sie sich ausgerechnet jetzt wieder erholen sollten, ist schwer zu verstehen. Dies insbesondere im Hinblick auf die bevorstehenden Bundestagswahlen. Da gibt es zwar Wahlgeschenke (Betreuungsgeld, Abschaffung des Praxisgelds, etc.). Das wirkt sich positiv auf den privaten Verbrauch und die öffentlichen Ausgaben aus. Andererseits ist es nicht geeignet, die Zuversicht der Unternehmen zu stärken.

Manche setzen die Hoffnung auf den Lagerzyklus, der die Nachfrage im vierten Quartal gedämpft haben könnte, im ersten Quartal aber wieder belebend wirken wird. Bisher ist davon aber nichts zu sehen. Aus den Unternehmen (zum Beispiel beim Stahl und in der Chemie) gibt es bisher keine Anzeichen für einen lagerzyklisch bedingten Aufschwung.

Für den Anleger: Setzen Sie nicht zu viel Hoffnung auf positive Konjunkturdaten zur Untermauerung der guten Aktienentwicklung. Ich gehöre hier eher zu den Skeptikern. Ich kann den für den weiteren Jahresverlauf erwarteten Aufschwung noch nicht verlässlich ausmachen. Wir stehen jetzt zwar vor der Saison mit Hauptversammlungen und der Ausschüttung von Dividenden. Das stützt die Märkte. Andererseits sind die Ausblicke der Unternehmen immer noch verhalten. Für die Aktienmärkte muss dies aber kein Schaden sein. Sie leben derzeit ohnehin vor allem von der hohen Liquidität und von der Hoffnung, dass der Höhepunkt der Eurokrise hinter uns liegt.
Dr. Martin Hüfner
Volkswirtschaftlicher Berater
direktanlage.at


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