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Neue Dynamik im Handel mit Amerika

Der Plan eines Freihandelsabkommens zwischen den USA und Europa ist politisch ein wichtiges Zeichen, wird wirtschaftlich jedoch überschätzt.: "Ich zweifle, dass der Plan realisiert wird. Wenn doch, werden die Wirkungen begrenzt sein.", so Dr. Martin Hüfner, volkswirtschaftlicher Berater, direktanlage.at Economics | 27.12.2012 14:10 Uhr
"Für die aktuelle Diskussion wichtiger ist die spektakuläre Ausweitung des deutsch-amerikanischen Handels in den letzten eineinhalb Jahren.", so Hüfner weiter.
Die Nachricht kommt zum richtigen Zeitpunkt: Gerade als sich der deutschamerikanische Handel so stark belebt wie schon lange nicht mehr, geben Amerikaner und Europäer bekannt, dass sie ein Freihandelsabkommen anstreben.

Die deutschen Ausfuhren in die Vereinigten Staaten sind im letzten Jahr um 17,7% gestiegen (Gesamtexporte plus 3,4%, Exporte nach China plus 2,7%). Deutsche Unternehmen profitieren ganz offenbar von dem spektakulären Aufschwung in der amerikanischen Industrie seit Mitte 2011. Die USA sind inzwischen wieder unbestrittene Nummer 2 unter den deutschen Exportkunden. Könnte eine Öffnung der Grenzen für den Handel zwischen EU und USA dem einen weiteren Schub geben?

Vor allem die Deutschen sind von der Perspektive eines Freihandelsabkommens mit den USA angetan. Einmal weil für sie Freihandel natürlich besonders bedeutsam ist. Zum anderen weil für sie eine engere Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten auch politisch wichtig ist. Die Bereitschaft der Amerikaner, darüber zu verhandeln, zeigt, dass sie nicht nur nach Asien schauen. Sie nehmen auch den alten Kontinent wieder ernst. Frankreich ist wegen seines Agrarmarkts etwas zurückhaltender.

Ich möchte hier ein bisschen Wasser in den Wein gießen. Ich halte die Euphorie hinsichtlich eines Freihandelsabkommens so nicht für gerechtfertigt.

Zunächst grundsätzlich: Freihandelsabkommen sind zwar nach dem Scheitern der Doha-Runde sehr en vogue. Sie haben aber immer den Geruch eines verkappten Protektionismus. Der freie Welthandel beruht auf dem Prinzip der „Meistbegünstigung“. Das bedeutet, dass ein Land alle Erleichterungen, die es einem Handelspartner einräumt, automatisch auch allen anderen gewährt. Bei Freihandelsabkommen ist genau das nicht der Fall. Hier wird der Handel zwischen den betroffenen Partnern notfalls auch zu Lasten des Handels mit Drittstaaten ausgeweitet. Es kommt nicht nur zu einer (wachstumsfördernden) Handelsausweitung, sondern auch zu einer (wachstumsschädlichen) Handelsumlenkung. Ich vermute, dass China und Japan, aber auch Kanada und Lateinamerika ein solches Abkommen zwischen den USA und Europa nicht so gerne sehen würden.

Technisch ist ein transatlantisches Freihandelsabkommen außerordentlich schwer zu realisieren. Es ist in der Vergangenheit schon häufiger in Angriff genommen worden, scheiterte aber immer wieder an unterschiedlichen Interessen. Dies vor allem deshalb, weil es hier nicht in erster Linie um Zölle geht. Sie spielen zwischen den USA und Europa keine große Rolle mehr. Entscheidend sind die administrativen Handelshemmnisse. Sie sind besonders schwer abzubauen, weil hier jedes Produkt beziehungsweise jede Produktgruppe für sich verhandelt werden muss.

Man muss hier nicht nur an die Landwirtschaft denken, wo Europäer beispielsweise nur schwer für Gen-Produkte aus den USA zu begeistern sind. Die Amerikaner haben in vielen Fällen andere Sicherheitsstandards. Wenn die Industrie wirklich wollte, könnte sie manche Handelshemmnisse auch ohne den Rückenwind eines Abkommens abbauen (zum Beispiel die unterschiedlichen Steckdosen). Besonders schwierig ist eine Öffnung der Märkte bei öffentlichen Ausschreibungen, weil hier häufig regionale Arbeitsmärkte betroffen sind.

Wer auf diesen Gebieten Fortschritte erzielen will, braucht eine starke Entschlossenheit. Ich bin mir nicht sicher, ob diese beim amerikanischen Präsidenten in dem Maße vorhanden ist. Er hat auch noch andere wichtige Projekte, die er in seiner Amtszeit voranbringen muss. Seine demokratische Partei ist nicht als besonders handelsfreundlich bekannt. Das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA ist nicht übermäßig erfolgreich. Im übrigen hat Obama realistisch gerechnet gerade einmal 2 ½ Jahre Zeit, so etwas zu verhandeln. Experten halten es für ausgeschlossen, dass das reicht.

In Europa gibt es zum Thema Freihandel mit den USA erhebliche Interessenunterschiede. Selbst in der deutschen Industrie ist, wenn ich es recht sehe, keine überragende Begeisterung für ein Freihandelsabkommen mit den USA zu erkennen. Niemand ist dagegen. Aber wenige sind bereit, dafür größere Opfer in Kauf zu nehmen. Die Firmen setzen im Augenblick stark auf Direktinvestitionen. Sie streben damit einen besseren Zugang zum US-Markt an und wollen von Wechselkursschwankungen unabhängiger werden. Selbst ein so europäisches Urgestein wie EADS überlegt, Teile der Fertigung in die USA zu verlegen.

Im übrigen halte ich die Wachstumswirkungen einer Freihandelszone für viel zu optimistisch. Es wird gesagt, sie beliefen sich mindestens auf einen halben Prozentpunkt der Wirtschaftsleistung. Das wäre für Deutschland beim gegenwärtigen Niveau ein Plus von 13 Mrd Euro pro Jahr. Wie will man eine solche Summe bei einem Gesamtvolumen von 86 Mrd Euro Exporten in die USA und 50 Mrd Importen aus den USA „herausquetschen“? Ein Mittel zur Überwindung der aktuellen Wachstumsschwäche ist die Freihandelszone sicher nicht.

Für den Anleger: Ein europäischamerikanisches Freihandelsabkommen ist ein politisches Projekt. Als solches ist es wichtig. Es ist aber nichts, was die Phantasie der Kapitalmärkte besonders beflügeln sollte. Es wird lange dauern, bis es kommt, wenn überhaupt. Es wird nur begrenzte Wirkungen haben. Für Drittstaaten könnte es negativ sein. Wichtiger für den Anleger ist die derzeitige Dynamik im deutschamerikanischen Handel. Hier wird Geld verdient. Schauen Sie sich vor allem Firmen an, die davon profitieren (insbesondere im Autobereich, in der Chemieindustrie und im Maschinenbau).

 

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Dr. Martin Hüfner
Volkswirtschaftlicher Berater
direktanlage.at


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