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Gemeinsamkeit von NSA-Skandal und Inequality

PSC #12/13: Was haben Marktversagen durch Spionage und Inequality gemein? Lesen Sie über Deleveraging, finanzielle Repression und das Oil-Fraud- Phenomenon. Economics | 13.11.2013 00:44 Uhr
Mag. Markus Schuller, MBA, MScFE, Panthera Solutions
Mag. Markus Schuller, MBA, MScFE, Panthera Solutions

Manche Leser-Reaktionen  auf  die  letzten  beiden  PSCs  (#10 - Asset  Allocation  Implikationen  des  NSA  Skandals  und  #11 - OECD  Roundtable  Reflexion),  zeigen,  dass  beide  Themen  als  Nebenschauplätze wahrgenommen  werden. 
 

Ich will  in  diesem  PSC  #12  deren  Tragweite  nochmals  aufzeigen,  um  die  Notwendigkeit  deren  umgehender  Bearbeitung  zu  unterstreichen. 
 
Nach  Eintreten  der  Great  Recession  begannen  die  entwickelten  Volkswirtschaften  mit  ihrem  Deleveraging.  Manche  schneller  (USA),  viele  erst  kürzlich  (FRA).  Manche  Marktteilnehmer  haben  ihren Entschuldungsprozess nahezu abgeschlossen  (US  Konsument),  andere  noch  nicht  einmal  damit  begonnen  (kanadischer  Konsument).  Alle  haben  gemein,  dass  sich  deren  politische  Repräsentanten  auf  Ebene  der  G20  in  den  Jahren  2008  und  2009  darauf  einigten,  die  Krise  als  Einladung  für  Strukturreformen  und  nicht  für  Systemumstellungen  zu  verstehen.  Seitdem  wird  national  und  supra-­‐national  an  den  Strukturen  gearbeitet.  Beispielhaft  sei  die  im  PSC  #11/13  angesprochene  Re-­Regulierungswelle  am  Finanzmarkt  angeführt. 
 
Den entwickelten  Volkswirtschaften  ist  zudem  gemein,  dass  deren  Regierungen  und  Notenbanken  einen  Zugriff  auf  die Sparguthaben  der Mittelschicht  via  Finanzieller  Repression  zumindest  geschehen  lassen,  um  einen  Notenbanker  zu  zitieren. 
 
Systemfragen wie  zum  Beispiel  der  Aufbau  unseres  Geldsystems  (Fiat  Money  System,  Zinseszins,  etc.)  wurden  nicht  gestellt,  obwohl  die  gewählten  Geldsystem-Parameter  starken  Anteil  an  langfristigen  Kreditzyklen  haben  (Ray  Dalio,  2013). 
 
Nun sind  strukturelle  Anpassungsprozesse  in  Phasen  der  Entschuldung durchaus  angebracht,  doch  nicht  ausreichend,  um  eine  möglichst  kontinuierliche  volkswirtschaftliche  Entwicklung  in  interdependenten  System  zu  erreichen.  Die  Arbeit  an  Systemfragen  lässt  sich  aber  nur  schwer  erzwingen. 
 
Derzeit ist  hierzu  keine  Bereitschaft  auf  Seiten  der  politischen  Repräsentanten  erkennbar.  Jörg  Asmussen,  deutscher  EZB  Direktor,  vor  zwei  Wochen  auf der  IIF  Jahrestagung  in  Washington: „More  recently,  however,  the  G20  seems  to  have  lost  its  earlier  momentum.“  Er  schlägt  ein  permanentes  G20  Sekretariat,  eine  fokussiertere  Agenda  und 
 
Zielvorgaben vor.  Für  sich  genommen  würden  seine  Ideen  die  G20  Plattform  durchaus  stärken.  Der  fehlenden  demokratischen  Legitimation  wäre  damit  jedoch  kein  Ende  gesetzt. 
 
Nun zurück  zu  den  Systemfragen.  Asmussen  zeigte  deutlich  auf,  wie  schwach  die  Motivation  der  nationalen  Repräsentanten  ausgeprägt  ist,  sich  mit  grundlegenderen  Fragen  unserer Wirtschaftsordnung zu  beschäftigen.  Das jeweilige Elektorat  drängt  sie  auch  wahrlich  nicht  dazu.  Hierfür  scheinen  die  Kühlschränke  noch  zu  gut  gefüllt  zu  sein.
 
SYSTEMFRAGEN

Welche Faktoren  könnten  nun  in  absehbarer Zukunft  die  Sprengkraft  besitzen,  den  Fokus  während  der  Deleveraging-Phase  nochmals  auf  eine  Reflexion  der  Systemannahmen  eskalieren  zu  lassen? 
 
#  Inequality 
 
# Marktversagen  durch  Spionage 
 
Alle anderen  kritischen  Punkte,  wie  beispielsweise  Government  oder  Bank  Defaults,  lassen  sich  durch  bestehende  oder  im  Auf-/Ausbau  befindliche  Strukturen  bei  professioneller  Umsetzung  und  intaktem  Code  of  Law  abarbeiten,  ohne  an  den  Systemannahmen  operieren  zu  müssen.  Beispielhaft  sei  Griechenland  genannt,  dessen  Schuldentragfähigkeit trotz  diesjährig  erzieltem  Primärüber-­‐ schuss  nicht  gegeben  ist.  Deshalb  wird  es  auch  zu  einem  Schuldenschnitt  in  einer  Form  kommen,  die  Deutschland  nicht  als  Schuldenschnitt  benennen  muss.  Wohl  wird  man  sich  auf  eine  Laufzeitverlängerung und  einer  weiteren  Kürzung der  Coupons,  also  der  laufenden  Zinslast,  einigen.  Das  Institut  für  Weltwirtschaft  errechnete,  dass  eine  Laufzeitverlängerung  auf  50  Jahre  einen  Barwertverlust  für  die  Kreditgeber  zwischen  7,5  und 13,5 Milliarden  Euro  ergibt,  je  nach  Annahmen  über  die  Entwicklung  des  Zinsspreads.  Viel  Geld.  No  doubt.  Aber  keine  Range,  die  die  europäischen  Partner  und  der  IWF  nicht  darstellen  könnten. 
 
Zudem  sind  die  großen  Notenbanken  in  der  Zwischenzeit  ausreichend  eng  an  die  politischen  Entscheidungsprozesse  herangeführt,  sodass  sie  bei  ähnlichen,  aus  der  Great  Recession  bekannten  Situationen  ihr nun  ausgebautes  Repertoire  an  Interventionsmöglichkeiten  (QE,  LTRO,  etc.)  wieder  zum  Einsatz  bringen  werden.  Sie  nahmen  die  Rolle  an,  nun  müssen  sie  liefern.  
 
Gehen  wir  auf die beiden  Faktoren näher  ein.
 
#  Inequality 

Die Sprengkraft  ist  gegeben,  weil  im  Zuge  des  Deleveragings  das  sich  Öffnen  der  Arm-Reich  Schere  sogar  noch  beschleunigte.  Sowohl  die  durch  Notenbank-Interventionen  direkt,  wie  indirekt  ausgelöste  Asset  Price  InFlation  (siehe  neue  Höchststände  an  den  Aktienmärkten),  als  auch  die  Finanzielle  Repression  tragen  dazu  bei.
 
Erstaunlich nun,  welch  geringe  Rolle  die  ungleiche  Verteilung  von Einkommen  und  Vermögen  in  Deutschland  und  Österreich  im  Laufe  der  Nationalratswahlkämpfe  eingenommen  hat.  Zwar  spielen  SPD,  SPÖ  und  Grüne  das  Thema  in  ihren  Parteiprogrammen.  Doch  sind  die  genannten  Maßnahmen  wie  Anhebung  des  Spitzensteuersatzes  (SPD)  oder  Einführung  einer  Vermögenssteuer  light  (SPÖ)  zu  kurz  gegriffen,  um  den  seit  2008  sich  in  seiner  Dynamik  nochmals  verschärfenden  Trend  in  Richtung historische  Normalität  umkehren  zu  können.
 
Persönliche Note.  Als  liberaler  Agnostiker  schätze  ich  Freiheit, Eigenverantwortung  und Marktprinzip.  Zugleich erschließen  sich  mir  die  Vorteile  der  Vergemeinschaftung  von  großen  Lebensrisiken.  Dieses  Gleichgewicht  einer  sozialen  Marktwirtschaft, eingebettet  in  eine demokratische  Grundordnung,  ist diffizil zu  halten  und  dementsprechend  fragil.  Mein  persönlicher  Exkurs  soll  zeigen,  dass  mein  Hinweis  auf  die  Sprengkraft  von  Inequality  keine  Frage  einer  politischen  Ausrichtungen  ist,  sondern  Ausdruck  meiner  Sorge  über  einen  großen blinden Fleck in  unseren  Gesellschaften. 
 
Selbst der  IWF  wacht  langsam  auf.  Der  Fonds  ist  als  eindeutig wirtschaftsliberal  in  seiner  Ausrichtung  bekannt.  Deshalb  kommt  seine  Studie  von  Mitte  Oktober  einer  kleinen  Revolution  gleich.  Die  Botschaft  lautet:  „Besteuert  die  Reichen!“.  Im  Original:  „In  many  countries  it  might  indeed  be  possible  to  raise  more  from  those  with  the  highest  incomes.“  Abschließend  stellt  der  IWF  fest,  dass  die  gegenwärtigen  Steuersysteme  der  entwickelten  Volkswirtschaften  die  Reichen  mehr  schont  als  früher. 
 
Ich griff  das  Thema  Inequality  auf  Basis  empirischer  Daten  bereits  ab  2010  in  den  PSCs  #18/10  und #12/11 auf.  Sollte  ein  Leser  Interesse  am  empirischen  Unterbau  haben,  empfehle  ich  als  Einstieg  diese Linksammlung  zum  Thema. 
 
Oil  Fraud  Phenomenon 

Noch  einen  letzten  Punkt  zu  Inequality.  Die  Frage bleibt,  weshalb  das  Elektorat  keinen  ausreichenden 
 
Darunter versteht  man  die  Schwierigkeit,  langsame,  graduell  ablaufende  Veränderungen  wahrzunehmen.  Selbst  deren  ultimative  Wirkung  ist  demnach  schwierig  auszumachen.  Inequality  und  Finanzielle  Repression  entsprechen  diesem  Phänomen. 
 
Das  Ergebnis  dieses  schleichenden  Prozesses  der  steigenden  Einkommens- und  Vermögensverteilung  ist  eine  sinkende soziale  Mobilität,  also  einer  steigenden  Undurchlässigkeit sozialer  Schichten.  Diese  mündet  in  einer  Situation,  in  der  nicht  Fertigkeiten,  sondern  Netzwerke  den  Weg  nach  oben  ermöglichen.  So  wandelt  sich  eine  meritokratische  Plutokratie  zu  einer  nepotistischen Plutokratie.  Keineswegs  erstrebenswert  und  trotzdem  bereits  heute  beobachtbar. 
 
Wer sich  die  historischen  Wurzeln  der  Entkoppelung  von Produktivitätsgewinnen  und  Einkommen  auf  Erwerbsarbeit  näher  ansehen  will,  dem  sei  der TED-Talk  von  Chrystia  Freeland  empfohlen  (in  EN). 
 
# Marktversagen  durch  Spionage 

Die  Sprengkraft  ist  gegeben,  weil  Wettbewerbsvorteile  nicht  durch  Marktkräfte,  sondern  durch  Insider-­‐Informationen  im  großen  Stil  verschoben  werden.  Hier  wird  der  originäre  Gedanke  eines  freien  Marktes  ad  absurdum  geführt. 
 
Wolfgang Matejka  griff  Mitte  Oktober  in  einem  FONDSexklusiv  Interview  („Achtung,  Feind  liest  mit“)  NSA  Implikationen  für  den  Finanzmarkt  auf.  Erfreulich,  dass ich  nicht  der  einzige  Marktteilnehmer  in  D-A-CH  bin,  der  sich  öffentlich  über  negative  Markt-Implikationen  des  NSA/GCHQ  Skandals  Gedanken  macht. 
 
Ergänzend zu  meinen  Ausführungen  im  PSC  #10-13,  streiche  ich  heute  heraus,  wie  Fundamentalanalyse  und  technische  Analyse  grundsätzlich  anfällig  für  Marktmanipulationen  sind.  Wir  wissen  heute,  dass  zumindest  NSA  und  GCHQ  Marktsensible  Daten  abfangen.  Wir  wissen  aber  nicht,  in  welcher  Form  sie  diese  verwenden.  Wir  können  folglich  die  Dimension  nicht  einschätzen. 
 
Fundamentalanalyse

Eine auf  Fundamentaldaten  basierende  Marktanalyse  lebt  davon,  Risikofaktoren  approximativ  einschätzen  zu  können.  In  diesem  Fall  fehlt  diese  Möglichkeit  zur  Gänze,  obwohl  potenziell  Kurs-beeinlussend  =  Chance  eines  signifikant  großen  blinden  Flecks. 
 
Technische Analyse 

Eine auf Charttechnik  basierende  Marktanalyse  ist  auf  Muster  als  Signal-gebende  Quellen  angewiesen.  Sollten  diese  Muster  manipuliert  sein,  unterstützt   der  Chartist  den  Manipulator  trendverstärkend  in  seiner  Arbeit.  Dies  muss  zumindest  Performanceseitig für  den  Chartisten  kein  Problem  sein.  Das  folgende  aber  schon:  wenn  sich technische Muster  verschieben,  müssen  Algorithmen/Signalpunkte  angepasst  werden.  Ein  Algorithmus  lebt  von  seinen  Input-­‐Annahmen.  Der  Chartist  kann  den  EinFlussfaktor  „NSA“  aber  nicht  in  seinen  Input-­Annahmen abbilden,  weil  hierzu  Info  vollständig  fehlt  =  auch  hier  ist  also  die  Chance  eines  signifikant  großen  blinden  Flecks  gegeben. 
 
Conclusio

Inequality und Marktversagen  durch  Spionage  besitzen  die  Sprengkraft  in  absehbarer Zukunft  den  Fokus  während  der  Deleveraging-Phase  nochmals  auf  eine  Reflexion  der  Systemannahmen  eskalieren  zu  lassen. 
 
Es  bleibt viel zu  tun.


Mag. Markus Schuller, MBA, MScFE
Managing Director

Panthera Solutions

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