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FERI-Chefvolkswirt über Türkei: "Erdonomics werden scheitern"

Mit der gestrigen Zinssenkung begibt sich die - formell weiterhin unabhängige - türkische Zentralbank laut Einschätzungen von FERI-Chefvolkswirt Axel D. Angermann weiter in den Dienst der "Erdonomics". In einem Gastkommentar fasst Angermann zusammen, warum dieses Konzept scheitern wird: Economics | 24.08.2016 13:47 Uhr
Axel D. Angermann, Chefvolkswirt, FERI / ©  FERI
Axel D. Angermann, Chefvolkswirt, FERI / © FERI

"Gestern hat die türkische Zentralbank auf ihrer Sitzung die Overnight Rate wie erwartet erneut gesenkt - zum fünften Mal seit dem Amtsantritt des neuen Zentralbankchefs im April. Die - formell weiterhin unabhängige - Zentralbank begibt sich damit weiter in den Dienst der "Erdonomics", eines wirtschaftspolitischen Konzepts, das Zinssenkungen als Impulsgeber für einen dynamischen Konsum und diesen wiederum als Allheilmittel für die Wirtschaft insgesamt ansieht.

Der "Erdonomics"-Ansatz wird allerdings scheitern, weil er mindestens drei zentrale ökonomische Zusammenhänge nicht berücksichtigt, denen sich auch ein mit großer politischer Macht ausgestatteter Präsident nicht einfach entziehen kann.

Steigende Verschuldung und drohende Kapitalflucht

Erstens beschleunigen Zinssenkungen die Talfahrt der türkischen Währung, die seit Mitte 2013 in der Spitze bereits knapp 40 Prozent ihres Wertes gegenüber dem US-Dollar verloren und sich gerade erst in diesem Jahr wieder etwas erholt hatte. Folge einer schwächeren Währung sind steigende Importpreise. Diese hatten seit 2013 mit einer zweistelligen Jahresrate zugelegt und werden diesen Trend wieder aufnehmen. Weil die Türkei deutlich mehr Güter und Dienstleistungen importiert als exportiert, schlägt sich dies in hoher Inflation nieder (aktuell liegt dies bereits bei über 8 Prozent) und hat damit einen spürbar negativen Effekt auf den Konsum: In der jüngeren Vergangenheit (seit 2013) lag das Wachstum des privaten Verbrauchs mit einer jährlichen Steigerungsrate von 2,4 Prozent nur noch etwas mehr als halb so hoch wie in den zehn Jahren der Erdogan-Regierung zuvor (4,5 Prozent). Zwar könnte die Zentralbank versuchen, mittels Interventionen am Devisenmarkt die Abwertung zu begrenzen. Doch nachdem die Devisenreserven des Landes in jüngerer Vergangenheit bereits deutlich rückläufig waren und die Notenbank nun noch etwa 12 Milliarden US-Dollar an eigenen Fremdwährungen hält, ist der Handlungsspielraum hier äußerst begrenzt. Aussicht auf eine rasche Änderung der Lage besteht vorerst nicht, solange der Tourismus als wichtiger Devisenbringer nicht wieder in Schwung kommt.

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Zweitens verschärft eine erneute Währungsabwertung die Verschuldung, die auf den türkischen Unternehmen lastet: Seit 2008 ist die private Verschuldung im Land auf 78 Prozent des BIP und damit um 35 Prozentpunkte gestiegen. Der Wertverlust der türkischen Lira erschwert eine Bedienung der Verbindlichkeiten und dürfte manche Unternehmen in existentielle Schwierigkeiten treiben, mit negativen Folgen für Beschäftigung und Konsum.

Drittens verwundert es entsprechend nicht, dass der politische Druck auf die Banken steigt, ihre Zinsen nicht risikoadäquat anzuheben und auf die Eintreibung fälliger Kredite zu verzichten. Dies untergräbt allerdings die Stabilität des Bankensystems und damit eine der zentralen Errungenschaften, auf denen der wirtschaftliche Boom der ersten Jahre der Erdogan-Regierung beruhte. Die Gefahr einer Bankenkrise belastet zusätzlich das ohnehin angeschlagene Vertrauen internationaler Investoren in den Standort Türkei. Ein Land, das auf Kapitalimporte zur Finanzierung seines hohen Leistungsbilanzdefizits von zuletzt 4 Prozent des BIP angewiesen ist, kann sich Kapitalflucht in größerem Umfang nicht leisten. Die Eindämmung der Kapitalflucht erforderte aber gerade Zinserhöhungen und nicht Zinssenkungen.

Im Ergebnis bedeutet dies, dass Zinssenkungen seitens der Zentralbank in eine Negativ-Spirale aus Abwertung der lokalen Währung und Kapitalflucht führen können, die durch die steigende Instabilität des Bankensystems weiter verschärft wird. Am Ende stünde eine Zahlungsbilanzkrise, deren Bewältigung ähnlich schmerzhaft wäre wie im Jahr 2001: Damals brach die türkische Wirtschaft um fast 6 Prozent ein, die Zahl der Arbeitslosen stieg innerhalb von zwei Jahren um rund 70 Prozent, und die Beschäftigten mussten reale Einkommensverluste von mehr als 20 Prozent hinnehmen. Als die von Erdogan geführte AKP im Jahr 2002 die Parlamentswahlen gewann, begann eine Phase großer wirtschaftlicher Prosperität. Die Wiederkehr einer großen Krise wie im Jahr 2001 würde auch die Machtbasis von Erdogan und seiner Partei erschüttern."

Axel D. Angermann, Chef-Volkswirt, FERI


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