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Invesco-Chefvolkswirt John Greenwood: Warum 2020 ähnlich wie 2019 werden dürfte

Entgegen dem um sich greifenden Konjunkturpessimismus ist der Chefökonom von Invesco, John Greenwood, zuversichtlich, dass die schwelenden geopolitischen Krisen und sonstigen globalen Störfaktoren die Wirtschaft im kommenden Jahr nicht in die Rezession stürzen werden. Economics | 13.12.2019 10:37 Uhr
Invesco-Chefvolkswirt John Greenwood / © Invesco
Invesco-Chefvolkswirt John Greenwood / © Invesco

In seinem jährlichen Markt- und Wirtschaftsausblick für 2020 prognostiziert er für die meisten Industrieländer ein weiteres Jahr moderater Wachstums- und Inflationsraten. Damit würde sich die bereits historische Expansionsphase der US-amerikanischen Wirtschaft um ein elftes – bzw. im Juli 2020 zwölftes – Jahr verlängern. Stärkeren Gegenwind erwartet der Wirtschaftsexperte in China und Indien. Dank ihrer deutlich höheren realen Potenzialwachstumsraten rechnet Greenwood aber auch in diesen beiden Volkswirtschaften nicht mit einem absoluten Wachstumsrückgang.

Greenwood zufolge sind die Kräfte, die die aktuelle wirtschaftliche Expansion tragen, weiterhin stärker als die disruptiven Kräfte. „Dass geopolitische und andere Störfaktoren eine Rezession herbeiführen, kommt vor, allerdings nur selten“, sagt er. „Solange das monetäre Umfeld nicht über einen längeren Zeitraum sehr restriktiv ist oder es zu einer extremen Überschuldung im privaten Sektor kommt – wie es in den USA im Jahr 2008 der Fall war –, können die von derartigen Störfaktoren ausgelösten ‚Wellen‘ den ‚Gezeiten‘ des Konjunkturzyklus kaum etwas anhaben.“. 

Wie der Chefökonom von Invesco erklärt, hat sich das Wachstum der breiten Geldmenge – der wichtigste Treiber von Wachstum und Inflation – im Jahresverlauf 2019 in mehreren großen Industrieländern beschleunigt, in den Schwellenmärkten dagegen leider nicht. In den USA werde das hohe Haushalsdefizit de facto von den Geschäftsbanken finanziert. Dadurch sei das breite Geldmengenwachstum von einer Jahresrate von unter 3% am Jahresanfang bis Oktober 2019 auf 9,3% hochgeschnellt – die bislang höchste Rate im aktuellen Aufschwung. In der Eurozone habe sich das Geldmengenwachstum weniger deutlich beschleunigt und sei mit einer Jahresrate von 5,7% im September 2019 immer noch zu niedrig. In Großbritannien habe sich das Wachstum der breiten Geldmenge mit der nachlassenden Brexit-bedingten Verunsicherung wieder etwas erholt. Nur Japan sei es bislang noch nicht gelungen, den seit 2017 anhaltenden Negativtrend beim Geldmengenwachstum umzukehren.

Greenwood zufolge ist die starke Beschleunigung des Geldwachstums in den USA der Hauptgrund dafür, dass US-Aktienindizes wie der S&P 500 und der Dow Jones Industrial Average neue Rekordstände erreicht haben. „Wann immer die Geldmenge in der Vergangenheit mindestens sechs Monate in Folge schneller gewachsen ist, war dies mit steigenden Kursen an den Kapitalmärkten und einer Beschleunigung des realen BIP-Wachstums sowie im Anschluss auch der Inflation verbunden“, stellt er fest. Nach seiner Einschätzung befindet sich die US-Wirtschaft noch nicht in einer spätzyklischen, sondern eher einer mittzyklischen Phase: Der Aufschwung ist intakt, die finanzielle Verfassung des Privatsektors weiterhin gut, die Inflation niedrig und die monetären Konditionen seit einigen Monaten deutlich lockerer. Vor diesem Hintergrund prognostiziert Greenwood für 2020 ein reales BIP-Wachstum von 2,3% für die USA, bei einer Inflationsrate von 1,8%. 

In der Eurozone dagegen verläuft der Aufschwung weiterhin schleppend. Zudem ist der Schuldenabbau im privaten Sektor – und vor allem im Finanzsektor – noch nicht weit genug fortgeschritten und die Inflation immer noch zu niedrig. Greenwood führt diese Phänomene in erster Linie auf die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) zurück, die „durch das falsche Ende des Telekops“ schaue, indem sie sich ausschließlich am Zinssatz orientiere.

„Die EZB hat die Zinsen ins Minus gedrückt, weil sie glaubt, dass die Banken, wenn die Zinsen nur tief genug fallen, irgendwann auch wieder Kredite vergeben werden, so dass sich die Ausgaben insgesamt wieder normalisieren“, so Greenwood. „Aber die Banken in der Eurozone sind weiterhin risikoscheu und die Kreditvergabe ist immer noch sehr schwach. Außerdem zwingen regulatorische Auflagen die Banken dazu, ihr Kapital aufzustocken, was das Kredit- und Geldwachstum zusätzlich bremst.“ Vor diesem Hintergrund müsse die EZB in erster Linie für ein angemessenes Wachstum der breiten Geldmenge sorgen, um die Inflation anzuschieben. Dadurch würden sich dann auch die Zinsen wieder normalisieren. Greenwood rechnet in der Eurozone im Jahr 2020 mit einem marginal höheren realen BIP-Wachstum von 1,3% und einer weiterhin deutlich hinter dem Zielwert von 2% zurückbleibenden Inflationsrate von lediglich 1,2%.

In Japan hat die Regierung unter Premier Shinzo Abe ein groß angelegtes Stimulusprogramm angekündigt, nachdem die am 1. Oktober in Kraft getretene Konsumsteuererhöhung zu einem erneuten Wachstumsabschwung geführt zu haben scheint. Da die Entwicklung des nominalen BIP in Japan aber vor allem vom Wachstum der breiten Geldmenge abhängt, hält Greenwood es für sehr wahrscheinlich, dass Abes jüngstes Ausgabenpaket das gleiche Schicksal ereilen wird wie die 20 oder mehr Stimulusprogramme, die die japanische Wirtschaft in den letzten 30 Jahren nicht nennenswert in Gang gebracht haben. Um eine nachhaltige Wirkung zu entfalten, müsse das Programm durch ein schnelleres Geldwachstum im Bankensystem begleitet sein bzw. dadurch finanziert werden. Daher prognostiziert Greenwood für 2020 auch nur eine leichte und kurzfristige Beschleunigung des realen BIP-Wachstums auf 1,0% bei einer Verbraucherpreisinflation von weiterhin lediglich 0,6%.

Die britische Wirtschaft hat die Brexit-bedingte Verunsicherung relativ gut weggesteckt und die meisten Erwartungen übertroffen, was Greenwood vor allem auf das robuste Wachstum der Konsumausgaben zurückführt. Gleichzeitig wird das BIP-Wachstum aber durch ein schwächeres Investitionswachstum gebremst, da die wirtschaftspolitische Unsicherheit die Investitionsbereitschaft der Unternehmen dämpft. Sollte die Konservative Partei bei den Parlamentswahlen am 12. Dezember die erwartete Mehrheit holen, würde das nach Ansicht des Chefökonomen von Invesco auch die Brexit-bedingte Verunsicherung reduzieren und eine Rückkehr zu einem normaleren realen BIP-Wachstum ermöglichen. Für 2020 rechnet er mit einem realen BIP-Wachstum von 1,3% und einer Inflationsrate von 1,5%.

Das Wachstum in den Schwellenmärkten hat sich in den vergangenen 18 Monaten deutlich von einer Jahresrate von 7,25% auf 3,25% verlangsamt. Neben den Handelsspannungen haben die zwei großen Schwellenländer China und Indien Greenwood zufolge vor allem mit inländischen Problemen zu kämpfen. Wie die Industrieländer während der globalen Finanzkrise sehen sich beide Länder mit einer Kreditklemme konfrontiert, die ihre formalen Bankensysteme und ihre Schattenbankensysteme in Mitleidenschaft zieht. Dadurch ist es in beiden Ländern zu einer deutlichen Wachstumsverlangsamung und rückläufigen Inflation gekommen. Greenwood geht davon aus, dass sich dieser Trend auch ins Jahr 2020 hinein und vermutlich darüber hinaus fortsetzen wird. Die Konjunkturabkühlung in China und Indien wiederum werde unweigerlich Auswirkungen auf die Nachfrage nach Rohstoffen aus anderen Schwellenmärkten, die Lieferketten, in die diese Märkte eingebunden sind, und ihren Bedarf für Maschinen und Anlagen aus Industrieländern wie Japan und Deutschland haben.

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