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Beim Euro auf einem Auge blind

"Kaum einer kann sich heute vorstellen, dass die Eurokrise einmal zu Ende ist und dass dann manches besser sein könnte", meint im folgenden Gastkommentar Dr. Martin Hüfner, volkswirtschaftlicher Berater der direktanlage.at: Funds | 29.03.2012 15:45 Uhr
  • Kaum einer kann sich heute vorstellen, dass die Eurokrise einmal zu Ende ist und dass dann manches besser sein könnte.
  • Dabei unternehmen die südeuropäischen Peripherieländer derzeit Reformen, wie sie noch bis vor kurzem unvorstellbar gewesen wären.
  • Anleger und unternehmerische Investoren sollten sich überlegen, ob es nicht auch Chancen in der Krise geben könnte.
  In der letzten Woche wurde ich eingeladen, auf einer Konferenz in London zur Eurokrise zu sprechen.

Thema: „Muddling Through, Greek Departure or Meltdown?“. Das sind die üblichen drei Alternativen, mit denen heute überall die Zukunft des Euro beschrieben wird: Entweder Durchwursteln so wie bisher, oder Griechenland scheidet aus dem Euro aus oder die Währungsunion bricht zusammen. Etwas anderes gibt es nicht. Ich glaube, das ist eine zu enge Betrachtungsweise. Es fehlt die Alternative, dass das Ganze auch gut ausgehen kann. Alle Krisen gehen einmal zu Ende, selbst wenn sich die Betroffenen das meist nicht vorstellen konnten. Manche haben schlecht geendet und die Probleme wurden nur verschoben, nicht gelöst. Manche sind aber auch gut ausgegangen. Wer nur das Negative sieht, verpasst Chancen. Wenn alles immer nur schlecht enden würde, dürften wir nicht in ein Flugzeug steigen.

Natürlich ist es schwer, in der derzeitigen Situation an einen guten Ausgang zu denken. Die Staatsschulden sind unglaublich hoch. Die meisten Politiker haben weder die Kompetenz noch die Tatkraft zu, die Situation zu drehen. Dass Deutschland mit seiner Stabilitätskultur zusammen mit den Peripherieländern unter einem „Währungsdach“ existieren kann, erscheint den meisten unwahrscheinlich.

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Zudem: die einzige Möglichkeit, wie die Krisenländer nach Ansicht der Ökonomen wieder auf die Beine kommen können, nämlich die Abwertung, gibt es in Europa nicht mehr. Daher hinken alle Vergleiche mit Argentinien oder Brasilien, die nach der Lateinamerika-Krise wieder zu blühenden Ländern wurden (jedenfalls Brasilien).

Auch nach der deutschen Wiedervereinigung gab es nicht den von manchen Optimisten erwarteten Aufschwung. Damals wurde massiv Geld in die Neuen Länder gepumpt (relativ mehr als heute in die Peripherieländer). Aber noch heute, über zwanzig Jahre später, hinken die Regionen in mancher Hinsicht noch hinterher.

Es gibt also gute Gründe, das Szenario der Chancen der Eurokrise außen vor zu lassen. Trotzdem ist es aus meiner Sicht falsch. Drei Gründe dafür. Erstens: Alles was heute zur Bereinigung der Krise getan wird, ist richtig und verbessert die Lage der Länder. Ich habe noch keinen getroffen, der die Maßnahmen für grundsätzlich falsch hält. Das gilt sowohl für die Verringerung der Staatsverschuldung als auch für die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit. Allenfalls wird gesagt, dass die Reformen zu einseitig auf Konsolidierung ausgerichtet sind und zu wenig die Wachstumsnotwendigkeiten berücksichtigen. Auch kann man daran zweifeln, ob sie nachhaltig sein werden. Aber zunächst gibt es eine Besserung.

Zweitens: In keiner Region der Welt gibt es derzeit so viele grundlegende Reformen wie in Europa. In Amerika herrscht wegen der Wahlen völliger Stillstand der Politik. Es wäre merkwürdig, wenn sich daher nicht wenigstens die relative Attraktivität des Euroraums verbessern würde. Aus China hört man, dass die dortigen Unternehmen noch nie so viel in Europa investiert haben wie derzeit. 2011 sollen es 10 Mrd Euro gewesen sein. In diesem Jahr eher mehr. Die Chinesen nutzen offenbar die vergleichsweise niedrigen Preise von Firmen auf dem Kontinent. Sie wollen sich allerdings nicht an den Rettungsschirmen beteiligen (wofür ich Verständnis habe).

Drittens: Es ist eine alte Weisheit, dass man nicht weiter fallen kann, wenn man einmal den Boden erreicht hat. Noch weiß freilich niemand, wie weit die Länder noch vom Boden entfernt sind. In Griechenland, Portugal und Spanien sollte man noch nicht so schnell auf eine Besserung hoffen. In Irland haben manche im vorigen Jahr schon etwas zu früh das Ende der Krise ausgerufen. Aber irgendwann kommt auch für diese Staaten der turning point. Die Besserung sehe ich bisher allerdings nur für einzelne Länder und Volkswirtschaften. Für die Stabilität der Währungsunion insgesamt ist bisher noch nicht viel getan worden. Der Nationalismus feiert nach wie vor fröhliche Urständ. Insofern ist der Euro auch noch nicht in trockenen Tüchern. Hier sind die Probleme nur durch Liquidität „ertränkt“ worden. Wenn die Gemeinschaftswährung gerettet werden – und die Eurokrise nachhaltig zu Ende sein – soll, dann erfordert dies, dass die Finanz- und Wirtschaftspolitik europäisch wird und dass die einzelnen Länder Kompetenzen an Brüssel abgeben. Davon ist noch nichts zu sehen.

Für den Anleger: Mit all dem möchte ich nicht sagen, dass die Krise in jedem Fall gut ausgehen wird. Ich möchte nur der Verengung der Betrachtung auf die Krisenaspekte widersprechen. Schauen Sie sich in der Graphik an, wie sich der DAX und der italienische FTSE MIB seit Beginn der Eurokrise Anfang 2010 auseinander entwickelt haben. Der DAX ist heute 70% höher als vor zehn Jahren, der italienische Aktienindex 40% niedriger. Das ist in der augenblicklich schwierigen Situation verständlich. Wenn die Regierung Monti die versprochenen Reformen aber wie versprochen durchführt, muss der Abstand geringer werden. Auch früher haben sich die italienischen Aktien nicht so viel anders entwickelt wie die deutschen. In Spanien und in Frankreich ist die Situation nicht ganz so krass. Der jeweiligen Kursindizes liegen in etwa in der Mitte zwischen den italienischen und den deutschen. Aber auch auf diesen Märkten ergeben sich Investitionschancen. Ich habe zuletzt italienische Aktien gekauft.

Dr. Martin HüfnerVolkswirtschaftlicher Beraterdirektanlage.at

 


 

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