Was Anleger über Microcaps wissen sollten: Chancen und Risiken der kleinsten Börsenunternehmen

Microcaps sind die kleinsten börsennotierten Unternehmen - oft übersehen, aber mit großem Potenzial. Im Interview erklärt Augustin Lecoq, Aktienmanager bei Mandarine Gestion, warum sie als eigenständige Anlageklasse gelten, welche Chancen und Risiken sie bieten und wie Anleger davon profitieren können. Managers | 28.10.2025 12:43 Uhr
Augustin Lecoq, Aktienmanager bei Mandarine Gestion / © e-fundresearch.com / Mandarine Gestion
Augustin Lecoq, Aktienmanager bei Mandarine Gestion / © e-fundresearch.com / Mandarine Gestion

e-fundresearch.com: Viele Investoren kennen den Begriff Small Cap, aber nicht unbedingt Micro Cap. Wie definieren Sie das Universum und was macht Microcaps als eigene Anlageklasse aus?

Augustin Lecoq: Microcaps sind die kleinsten börsennotierten Unternehmen, die allerdings gemäß ihrer Anzahl die Hälfte sämtlicher börsennotierter Unternehmen darstellen.

Als Faustregel lässt sich sagen, dass Microcaps eine Börsenkapitalisierung von zwischen €50M bis €500M haben, jedoch schwankt die Definition je nach Datenanbieter oder KVG: So gibt der Indexanbieter MSCI die Höchstgrenze für europäische Microcaps mit €793M an, für globale Microcaps sind dies €1 Mrd.

Microcaps sind gekennzeichnet durch

  • ihr reichhaltiges Anlageuniversum aufgrund ihrer schieren Anzahl,
  • ihre häufige Nischenpositionierung,
  • die Abwesenheit von ETFs auf Microcap-Indizes
  • ihre breitere regionale Diversifizierung als bei Large Caps, die sehr durch die USA dominiert sind (je ein Viertel der Microcaps sind in Europa, den USA und Japan anzutreffen, der Rest in anderen entwickelten Ländern),
  • und ihre nur schwache Abdeckung durch Sell-side Analysten.

Darüber hinaus weisen sie auf Sicht ein doppelt so hohes erwartetes GPA-Wachstum auf, was auf lange Sicht auch zu ihrer höheren Wertentwicklung führt.

e-fundresearch.com: Welche Rolle spielen Microcaps im globalen Kapitalmarkt und warum lohnt es sich aus Ihrer Sicht, diesen Unternehmen besondere Aufmerksamkeit zu widmen?

Augustin Lecoq: Am globalen Kapitalmarkt machen Microcaps lediglich 1 – 2% der gesamten Börsenkapitalisierung aus, trotz ihres hohen Anteils an der Zahl aller gelisteten Unternehmen.

Sie sind aus Fondsmanagersicht, und hier insbesondere aus der Sicht aktiver Fondsmanager, besonders interessant, weil sie aufgrund ihrer häufigen Nischenpositionierung eine sehr geringe Korrelation untereinander aufweisen und damit als Portfolio bestehend aus vielen Einzelwerten kein höheres Risiko darstellen als Large Caps. Entgegen der weitverbreiteten Ansicht sind Microcaps als Anlageuniversum auch nicht volatiler als Large Caps. Zudem gibt es keine ETFs zu Microcap-Indizes.

Fast am interessantesten für aktive Fondsmanager ist jedoch die Performance-Verteilung von Microcaps: So weisen sie – im Gegensatz zu Large Caps – „fat tails“ auf, was bedeutet, dass es mehr Microcap-Werte mit sehr niedriger aber auch sehr hoher Wertentwicklung gibt als im Universum der Large Caps.

Die Börsenkurse dieser kleinsten börsennotierten Unternehmen schwanken zudem im Wesentlichen mit ihrem eigenen Newsflow.

e-fundresearch.com: Welche besonderen Chancen, aber auch Herausforderungen sehen Sie beim Investieren in Microcaps im Vergleich zu größeren börsennotierten Unternehmen aber auch zu Small- und Mid-Cap-Strategien?

Augustin Lecoq: Die Chancen dieses Anlageuniversums liegen, wie bereits erwähnt, in ihrem höheren Ertragspotenzial und damit einer höheren Performance-Erwartung, verbunden mit einer sehr weit reichenden Diversifizierung der Geschäftsmodelle.

Bedingt durch den geringeren Abdeckungsgrad durch Finanzanalysten und die geringere Aufmerksamkeit der Marktteilnehmer für diese Anlageklasse gibt es bei Microcaps höhere Marktineffizienzen und damit bessere Gelegenheiten der Outperformance durch eine entsprechende Einzeltitelauswahl (stock picking) im Vergleich zu Large oder Small- und Mid-Caps.

Im Zusammenhang mit der derzeitigen geopolitischen Lage haben Microcaps zudem den Vorteil, eine höhere Binnenausrichtung zu haben, was bedeutet, dass sie weniger abhängig von Exportmärkten sind. 

Herausforderungen stellen die höhere Volatilität auf Einzeltitelbasis (nicht auf Portfolioebene!) dar sowie die höhere Wahrscheinlichkeit von „Börsenunfällen“ (Stichwort fat tails), beides Themen, denen ein hoher Stellenwert in unserem Anlageprozess beigemessen wird.

e-fundresearch.com: Wie identifizieren Sie aussichtsreiche Microcap-Titel für Ihr Portfolio und welche Kriterien sind für Ihre Titelauswahl entscheidend?

Augustin Lecoq: Microcap-Titel, die in unsere Portfolios Eingang finden, müssen mehrere Filter durchlaufen:

So benötigen wir ein tägliches Mindesthandelsvolumen von €100k für europäische bzw. €250k für globale Microcaps. Im Einklang mit den Anforderungen des französischen SRI-Labels, mit dem unser Mandarine Europe als erster Microcap-Fonds in Frankreich ausgezeichnet wurde, werden darüber hinaus die 25% der am schlechtesten bewerteten Titel aussortiert.

Weitere Filter sind ein quantitatives Screening, das Finanzindikatoren aus den 5 Bereichen Wachstum, Bewertung, Momentum, Qualität und Sentiment beinhaltet sowie eine fundamentale Unternehmensanalyse, zu der natürlich auch direkte Unternehmenskontakte gehören (ca. 400 pro Jahr).

e-fundresearch.com: Für welche Art von Investor:innen kann ein Microcap-Fonds interessant sein und welche Rolle könnte er in einer breiteren Asset Allocation spielen?

Augustin Lecoq: Microcap-Fonds sind prinzipiell für alle Investorenarten interessant, als Beimischung in der Aktienallokation von institutionellen Investoren hin zu privaten Investor:innen, die innovative und lokale Arbeitsplätze schaffende Unternehmen unterstützen möchten, und dies besonders im Rahmen eines Aktiensparplans mit regelmäßigen Einzahlungen.

Generell richten sich Microcap-Fonds an alle Anleger:innen, die ihr Aktienportfolio diversifizieren möchten, da Microcap-Fonds nur ganz geringe Overlaps mit anderen Aktienfonds aufweisen.

e-fundresearch.com: Vielen Dank für das Gespräch & weiterhin viel Erfolg, Herr Lecoq!

Über Augustin Lecoq

Augustin Lecoq ist seit 2019 als Aktienmanager bei Mandarine Gestion tätig, wo er sich auf europäische und globale Micro-Cap-Unternehmen spezialisiert hat. Er kam 2016 als Micro-Cap-Analyst zu Mandarine Gestion, bevor er 2018 zum Co-Manager und anschließend zum Aktienmanager aufstieg. Zuvor sammelte er erste Erfahrungen als Buy-Side-Analyst und Assistant Fund Manager bei CM-CIC Gestion (Praktikum, 2016) sowie als Analyst und Assistant Fund Manager bei NOVAXIA AM (Praktikum, 2015).

Augustin Lecoq ist Absolvent der ESDES Lyon Business School und hat ebenfalls ein Austauschsemester an der Hanyang University in Seoul verbracht. Außerdem hat er die Stufe II des CFA-Programms absolviert.

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