e-fundresearch.com: Herr Becker, manche Unternehmensanleihen gelten inzwischen als die „besseren Staatsanleihen“. Teilen Sie diese Sicht – auch angesichts jüngster Herabstufungen von Staaten?
Peter Becker: Das ist aktuell ein sehr relevantes Thema und steht in nahezu jedem Investorengespräch ganz oben auf der Agenda. Viele fragen sich, wie sie mit ihren Staatsanleihepositionen umgehen sollen – vor allem vor dem Hintergrund steigender politischer Unsicherheiten und wachsender fiskalischer Defizite. Die Schuldenstände vieler Länder sind deutlich gestiegen, und eigentlich müsste der Markt hierfür eine höhere Risikoprämie verlangen. Dennoch handelndie Renditen – etwa bei zehnjährigen US-Treasuries – zur Zeit am unteren Ende der Bandbreite von etwa 4 bis 5 Prozent, in der sie sich in den letzten 12 Monaten bewegt haben. Wenn man sich langfristige Daten ansieht, zeigt sich: Über weite Zeiträume produzieren Unternehmensanleihen häufig bessere Gesamtrenditen als Staatsanleihen und schneiden nur in kürzeren und selteneren „Risk-Off“-Perioden schlechter ab. Zudem bieten sie eine breitere Emittentenbasis und weniger Klumpenrisiken. Für Anleger bedeutet das, dass sich eine Reduzierung des Staatsanleihenrisikos über die Zeit durchaus lohnen kann.
e-fundresearch.com: Was spricht für Unternehmensanleihen als Kernbaustein im Portfolio?
Peter Becker: Globale Unternehmensanleihen sind mittlerweile ein sehr vielfältiges Anlageuniversum. Mit rund 3.000 Emittenten ist es deutlich breiter als das Staatsanleihensegment. Dazu kommt, dass Anleihen mit hoher Bonität zwei Funktionen erfüllen: Sie bieten stabile, qualitativ hochwertige Erträge und bringen Duration ins Portfolio. In Phasen erhöhter Marktunsicherheit können sie sich daher wie ein Stabilitätsanker verhalten. Über längere Anlagezeiträume können sie so eine sinnvolle Alternative oder Ergänzung zu Staatsanleihen darstellen.
e-fundresearch.com: Welche Frühindikatoren nutzen Sie, um erhöhte Kreditrisiken frühzeitig zu erkennen?
Peter Becker: Besonders wichtig ist für uns die Liquiditätssituation der Unternehmen: Wie viel Liquidität ist vorhanden? Nimmt sie zu oder ab? Daneben betrachten wir die Cashflows und deren Entwicklung: Wird Liquidität generiert oder aufgezehrt? Hinzu kommen Finanzierungskosten und sektorale Faktoren. Wenn beispielsweise neue Kapazitäten entstehen, kann das den Preisdruck erhöhen. Aktuell wirken viele fundamentale Kennzahlen robust. Die Verschuldungsgrade sind überschaubar, Margen stabil und die Zahl der Rating-Herabstufungen ist gering. Gleichzeitig sind die Ausfallraten immer noch relativ niedrig, und die Nachfrage von Investoren nach Rendite bleibt hoch. Technisch gesehen ist das Umfeld also solide, auch weil die Nettoemissionen trotz vieler Neuemissionen moderat geblieben sind.
e-fundresearch.com: Welche Entwicklungen könnten Spreads künftig wieder ausweiten?
Peter Becker: Ein Indikator, auf den wir genau achten, ist die Dispersion im Markt – also wie stark sich Kreditrisiken in der Bewertung unterscheiden. Zurzeit ist die Dispersion gering, was bedeutet, dass der Markt wenig differenziert. Das ist meist ein Zeichen dafür, dass man vorsichtiger agieren sollte. Irgendwann kommt es wieder zu einer Neubewertung, und dann werden Qualitätsunterschiede stärker berücksichtigt. Auf Makroebene wären vor allem eine deutliche Wachstumsverlangsamung oder ein stärkerer politischer Einfluss auf die Geldpolitik potenzielle Auslöser für Spread-Ausweitungen. Momentan sehen wir aber keine akuten Rezessionssignale. Die globale Wirtschaft kühlt sich zwar etwas ab, bleibt aber insgesamt solide.
e-fundresearch.com: Wie verändert der stark gewachsene Private-Credit-Sektor die Marktmechanismen?
Peter Becker: Der Markt für Private Credit ist in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren stark gewachsen – insbesondere seit der globalen Finanzkrise. Damals haben Banken ihre Kreditvergabe eingeschränkt, und Private Credit ist in diese Lücke vorgestoßen. Dadurch hat sich ein eigenständiges Segment etabliert, das mittlerweile in direktem Wettbewerb zu öffentlichen Kreditmärkten steht. Die Folge ist, dass Kapital reichlich vorhanden ist, was die Risikoprämien insgesamt gedrückt hat. Eine gewisse Vorsicht ist daher angebracht, denn mit starkem Wachstum steigt immer auch das Risiko von Ungleichgewichten. Systemisch sehen wir derzeit aber keine Gefahren. Regulierer beobachten die Entwicklung genau, da Transparenz und Vergleichbarkeit im privaten Markt geringer sind.
e-fundresearch.com: Welche Segmente bieten derzeit überzeugendes Renditepotenzial – und wo ist Vorsicht geboten?
Peter Becker: Grundsätzlich sind die Renditen im historischen Vergleich weiterhin attraktiv. Zwischen Investment Grade und High Yield bevorzugen wir derzeit Qualität, weil die Spreads bei Hochzinsanleihen sehr eng sind. Innerhalb von Investment Grade gibt es nach wie vor interessante Nischen – etwa im Pharmasektor, im Versorgerbereich oder bei ausgewählten Banken, insbesondere in Europa. Diese Segmente sind weniger zyklisch und qualitativ solide aufgestellt. Vorsichtiger sind wir dagegen in stark konjunkturabhängigen Bereichen wie Konsum oder Industrie. Laufzeitseitig halten wir mittlere Durationen für interessant, also etwa fünf bis sieben Jahre. Das lange Ende birgt mehr Zinsänderungsrisiken und könnte bei einer weiteren Versteilerung der Zinskurve – wovon wir insbesondere in den USA ausgehen – unterperformen.
e-fundresearch.com: Die Unabhängigkeit der Notenbanken, insbesondere der Fed, wird derzeit verstärkt diskutiert. Wie bewerten Sie das?
Peter Becker: Eine mögliche politische Einflussnahme auf die Geldpolitik ist ein Thema, das wir sehr aufmerksam verfolgen. In den USA gibt es immer wieder Diskussionen über personelle Veränderungen im Umfeld der Fed. Sollte die Wahrnehmung entstehen, dass geldpolitische Entscheidungen stärker politisch motiviert sind, würde das die Glaubwürdigkeit der Zentralbank beeinträchtigen. Wir gehen davon aus, dass die Fed ihren Zinssenkungszyklus fortsetzt, die Renditen am langen Ende der Kurve aber weniger stark nachgeben. Das dürfte zu einer Versteilerung der Zinskurve führen. Sollte die politische Einflussnahme zunehmen, wäre das ein Volatilitätsfaktor für alle Risikoanlagen – auch für Unternehmensanleihen. Noch sehen wir die Situation als kontrolliert an, aber das Thema verdient ganz klar Aufmerksamkeit.
e-fundresearch.com: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Becker!
Kurzbiografie – Peter Becker
Peter Becker ist Investment Director bei Capital Group. Er verfügt über 27 Jahre Branchenerfahrung und ist seit sieben Jahren im Unternehmen. Vor seinem Wechsel zu Capital Group war er Managing Director im Fixed-Income-Produktmanagement-Team bei Wellington Management, davor Portfoliomanager bei Aberdeen Asset Management tätig. Er hat einen Master-Abschluss von der WFI – Ingolstadt School of Management und ist Chartered Financial Analyst® (CFA).
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