4,1 Prozent Tagesschwankung: Wie gehebelte ETFs den Kospi aus der Bahn werfen

LFDE-Stratege Enguerrand Artaz analysiert, warum Südkoreas Leitindex seit Anfang Juli täglich im Schnitt 4,1 Prozent schwankt, wie gehebelte Single-Stock-ETFs auf Samsung Electronics und SK Hynix zeitweise fast 40 Prozent des koreanischen ETF-Handels auf sich zogen und wie die Aufsicht dem nun einen Riegel vorschiebt. Managers | 21.07.2026 14:01 Uhr
Enguerrand Artaz,Makroökonomie und Märkte bei der Pariser Fondsgesellschaft La Financière de l'Échiquier / © e-fundresearch.com / Makroökonomie und Märkte bei der Pariser Fondsgesellschaft La Financière de l'Échiquier
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Seit Anfang Juli schwankt der koreanische Leitindex Kospi im Schnitt um 4,1 Prozent pro Tag, ein Vielfaches des langjährigen Durchschnitts globaler Aktienindizes von rund 0,6 Prozent. Verantwortlich sind laut LFDE-Stratege Enguerrand Artaz nicht fundamentale Verwerfungen, sondern der explosionsartig gewachsene Handel mit gehebelten Single-Stock-ETFs auf Samsung Electronics und SK Hynix. Seit ihrer Zulassung im Mai 2026 zogen diese Produkte zeitweise fast 40 Prozent des gesamten koreanischen ETF-Volumens auf sich, die implizite Volatilität des Kospi 200 überschritt Ende Juni die Marke von 90. Nachdem gehebelte ETFs kumulierte Buchverluste von rund 2,7 Billionen Won (etwa 1,6 Milliarden Euro) angehäuft hatten, kündigte die Aufsicht am 16. Juli höhere Mindesteinlagen, größere Handelseinheiten, einen Stopp neuer Notierungen und ein Werbeverbot an.

Die Rekordschwankungen an der südkoreanischen Börse in den vergangenen Wochen haben international Aufsehen erregt. Enguerrand Artaz, Stratege für Makroökonomie und Märkte bei La Financière de l'Échiquier, ordnet in seiner aktuellen Marktanalyse ein, was hinter der Volatilität steckt: kein fundamentaler Bruch bei den Aussichten für Halbleiter, sondern ein regulatorisches Experiment mit gehebelten Einzelaktien-ETFs, das rasch außer Kontrolle geriet. Die folgende Einordnung fasst Artaz’ Analyse zusammen.

Ein außergewöhnlicher Volatilitätsschub

Die durchschnittliche tägliche Schwankung, nach oben wie nach unten, des Kospi liegt seit Anfang Juli bei 4,1 Prozent. Zum Vergleich: Ein globaler Aktienindex schwankt über lange Zeiträume im Schnitt lediglich um rund 0,6 Prozent pro Tag, gemessen am MSCI World seit dem 31. Dezember 1990. Die Instabilität des koreanischen Index geht laut Artaz größtenteils auf die extreme Volatilität seiner beiden Halbleiter-Schwergewichte SK Hynix und Samsung Electronics zurück. Hinter den unberechenbaren Ausschlägen stehe jedoch keine grundlegende Umwälzung, auch wenn zuletzt Zweifel an der künftigen Chipnachfrage aufgekommen seien. Verantwortlich sei stattdessen der inzwischen unkontrollierte Einsatz gehebelter ETFs, ein Produkttyp, der weltweit nicht neu ist, in Südkorea zuletzt aber eine besondere Dimension angenommen hat.

Konkret handelt es sich um ETFs beziehungsweise ETNs, die auf einer einzelnen Aktie und nicht auf einem diversifizierten Index basieren und die tägliche Kursschwankung des Basiswerts mit dem Faktor 2 nach oben oder unten hebeln, das in Südkorea zulässige Maximum. Zugelassen wurden diese Instrumente im Zuge einer Reform, die am 28. April 2026 in Kraft trat, notiert werden sie seit dem 27. Mai. Da nur Samsung Electronics und SK Hynix die Kriterien bei Marktkapitalisierung, Liquidität und Tiefe des Derivatemarktes gleichzeitig erfüllen, sind sie die einzigen zulässigen Basiswerte, ein Umstand, dessen Erfolg die Erwartungen der koreanischen Behörden deutlich übertroffen hat. Ursprünglich zielte die Reform vor allem auf die Wettbewerbsfähigkeit des heimischen Marktes: Koreanische Anleger konnten bereits zuvor gehebelte ausländische Produkte auf Einzelaktien erwerben, während die koreanischen Vorschriften bis dahin einen Basiswert aus mindestens zehn Titeln und eine maximale Einzelgewichtung von 30 Prozent vorschrieben.

Neue Produkte treffen auf spekulative Nachfrage

Die Deregulierung erfolgte zu einem Zeitpunkt, an dem die Spekulation am koreanischen Markt, getrieben von der globalen Nachfrage nach Halbleitern, bereits in vollem Gange war und die Handelsvolumina in die Höhe schossen. Der Bestand der gehebelten Produkte stieg zwischen Ende Mai und Mitte Juli um den Faktor 2,7, auf dem Höhepunkt Ende Juni sogar um fast den Faktor 4. Zeitweise konzentrierten diese Single-Stock-ETFs fast 40 Prozent des gesamten Handelsvolumens aller koreanischen ETFs auf sich, eine Dynamik, die die Marktbewegungen laut Artaz erheblich verstärkte.

Der implizite Volatilitätsindex des Kospi 200 überschritt Ende Juni die Marke von 90, während der Markt zugleich weiter stieg. Ein Niveau, das selbst auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 und der Pandemie 2020 nicht erreicht worden war. Als SK Hynix und Samsung Electronics seit Ende Juni zugleich deutliche Kursverluste verzeichneten, türmten sich bei den gehebelten ETFs kumulierte Buchverluste von fast 2,7 Billionen Won (rund 1,6 Milliarden Euro) auf. Angesichts dieser Konstellation entschieden die koreanischen Behörden, einzugreifen.

Die Aufsicht zieht die Reißleine

Am 16. Juli kündigte die Finanzaufsicht ein Maßnahmenpaket an, das den Einsatz dieser Instrumente deutlich einschränken soll. Vorgesehen sind eine deutliche Anhebung des Mindesthandelsvolumens, um Transaktionen mit geringen Beträgen und hoher Frequenz zurückzudrängen, eine Verdreifachung der erforderlichen Mindesteinlage, die künftig ausschließlich aus Barmitteln bestehen muss, sowie eine Erhöhung der Mindestanzahl der Anteile pro Transaktion von 1 auf 20. Zusätzlich wurden eine vorübergehende Aussetzung aller neuen Notierungen sowie ein sofortiges Werbeverbot für diese Produkte angekündigt.

Ein Lehrstück über Spekulation und Marktdisziplin

Die Maßnahmen dürften laut Artaz zu einer Beruhigung der Marktdynamik der vergangenen Wochen führen. Der Spekulationswelle rund um Samsung Electronics und SK Hynix, die bereits lange vor der Zulassung der gehebelten Instrumente begonnen hatte, setzen sie hingegen kein Ende. Die Episode sei vor allem ein Lehrbeispiel für Anleger: Selbst solide Fundamentaldaten, wie sie bei den führenden koreanischen Halbleiterherstellern vorliegen, könnten durch übermäßigen Hebeleinsatz, aufgeheizte Spekulation und unkontrollierte Volatilität stark unter Druck geraten. Eine Warnung, die zum jetzigen Zeitpunkt noch wenig koste, so Artaz, aber daran erinnere, die Lehren vergangener Phasen bedeutender technologischer Umwälzungen nicht zu vergessen.


Zum Autor

Enguerrand Artaz ist Stratege für Makroökonomie und Märkte bei La Financière de l'Échiquier in Paris. Er startete seine Karriere 2010 bei BNP Paribas Wealth Management in Luxemburg im vermögensverwaltenden Mandatsgeschäft und wechselte 2014 zu LFDE, wo er zunächst in der Vermögensverwaltung mit Fokus auf Fondsanalyse und Makroökonomie tätig war. Seit 2017 verantwortet er die Auswahl externer Fonds, seit 2018 ist er zusätzlich Manager von Fonds- und Vermögensallokationsmandaten.

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