Diese Woche war ich mit e-fundresearch und vier Investmenthäusern auf Österreich-Tournee. Dienstag Vorarlberg, Mittwoch vormittags Innsbruck und nachmittags Salzburg. Da kommt man kaum einmal zum Verschnaufen. In meiner Keynote ging es darum, die aktuelle Börsensituation einzuordnen. Wir haben ja wahrlich ein turbulentes Trimester verlebt. Die Welt sah vor wenigen Monaten noch anders aus, und auch im Gespräch mit vielen Finanzberater:innen wurde schnell klar: Es ist viel passiert und es fühlt sich irgendwie nicht gut an. Beim Blick auf das Depot werden wir aber Lügen gestraft.
Als ich spätabends müde im Zug noch einen Espresso genieße, stolpere ich beim Scrollen über eine Nachricht, die mich kurz innehalten lässt. Ted Turner ist mit 87 Jahren gestorben. Er war der CNN-Gründer, Mediamagnat, einer der bemerkenswertesten Unternehmer des 20. Jahrhunderts. Ein Mann voller Visionen, der konsequent seinen Weg gegangen ist. Auch wenn er in jungen Jahren viel Kritik einstecken musste. Obwohl ihn beinahe jeder für seine Idee, Nachrichten 24 Stunden live zu produzieren, für verrückt hielt, zog er beinhart durch und baute damit ein wahres Medienimperium auf. Die Welt ist mobiler und schneller geworden. Und heute zählt für uns Konsumenten Aktualität mehr denn je.
Und jetzt scheinen wir mitten in einer Trendwende zu stecken. Im Gegensatz zu Ted Turner wird KI von niemandem mehr belächelt. Gefürchtet trifft es für viele wohl eher. Die Angst um den eigenen Arbeitsplatz. Die Angst vor einer schleichenden Machtübernahme durch Algorithmen. Und die vielleicht grundlegendste Frage von allen: ob wir als Menschen künftig in der zweiten Reihe stehen werden. Der führende Protagonist OpenAI geht mit ChatGPT ins Rennen, der Herausforderer Anthropic mit Claude. Und zwischen den beiden CEOs ist mittlerweile ein erbitterter Machtkampf entstanden. Hinter diesem Duell steckt auch eine persönliche Geschichte. Dario Amodei, heute CEO von Anthropic, war bis 2021 Vice President of Research bei OpenAI. Gemeinsam mit seiner Schwester Daniela und einer Gruppe von Forschern verließ er das Unternehmen, weil man sich in grundlegenden Sicherheitsfragen nicht einig wurde. Was damals als kleiner interner Streit begann, ist heute ein globaler Kampf um ein Milliardengeschäft geworden. Und dieser Wettbewerb bekommt bald eine neue Bühne: Sowohl OpenAI als auch Anthropic scheinen einen Börsengang zu planen. Sollte das Realität werden, würden zwei der am höchsten bewerteten Privatunternehmen der Welt in Kürze börsennotiert sein. Wird vielleicht einer der beiden bereits beim IPO als erstes Unternehmen der Geschichte die Billionen-Dollar-Schwelle überschreiten können? Und wenn ja, Sam oder Dario?
An der Börse werden Erwartungen gehandelt. Das betrifft den KI-Bereich, aber auch den deutschen Aktienmarkt. Während der DAX nahe dem Höchststand notiert, haben in den letzten zwölf Monaten nahezu 200.000 Unternehmen in Westeuropa Insolvenz anmelden müssen. In den aktuellen Börsenkursen ist schon sehr viel Positives eingepreist. Die Realwirtschaft muss aber noch nachziehen.
Dario und Claude oder doch Sam und ChatGPT? Das ist die Frage, die uns in den nächsten Wochen wohl noch öfter beschäftigen wird. Ich persönlich liebe meinen Espresso vom Italiener meines Vertrauens. Auch Dario hat italienische Wurzeln. In den letzten Wochen ist Claude zu meiner Lieblings-KI gereift. Und der Hype hat nicht nur mich erfasst. Aber ChatGPT ist ein schwankender Gigant. Wer, glauben Sie, ist mein persönlicher Favorit?
Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH & e-fundresearch.com Gastkolumnist
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Josef Obergantschnig ist Unternehmer und Gründer von „Börse kannst auch du“. Über zehn Jahre war er Chief Investment Officer mit Investmentverantwortung im Milliardenbereich und entwickelte Strategien für Banken, Versicherungen und Pensionskassen; außerdem Chief Impact Officer bei NIXDORF Kapital (Deutschland). Obergantschnig lehrt seit mehr als 15 Jahren an Universitäten und Fachhochschulen und hat als Buch- und Studienautor über 500 Fachartikel, Kolumnen und Videos veröffentlicht.
Sein neuer Doppelband „Börse kannst auch du“ macht Finanzbildung verständlich und sofort umsetzbar. Sein Antrieb: Finanzbildung in die Breite – für Freiheit und Selbstbestimmung. Im „Logbuch eines Börsianers“ berichtet er wöchentlich und zieht Bilanz.
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