Die Nächte in Zeiten der Fussball-WM sind vermutlich nicht nur für mich kürzer. Der Sieg Österreichs war für mich etwas Besonderes. Anstelle von Bier gab es zu frühmorgendlicher Stunde den gewohnten Espresso. Und der stammt vom Italiener meines Vertrauens und damit auch aus dem Land, in dem Österreich das letzte Mal einen WM-Sieg erreichen konnte. Das war 1990 und liegt damit schon viele, viele Jahre zurück. Den ATX Total Return Index, der auch die Dividendenzahlungen beinhaltet, gab es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Er wurde am 2. Jänner 1991 mit 1.000 Punkten gestartet. Zum Zeitpunkt des jetzigen WM-Sieges hat der Index bei 16.144 Punkten in den Tag gestartet. Seit damals hat sich der Wert damit um mehr als das 16fache erhöht. Chapeau liebes Nationalteam und Chapeau liebe Wiener Börse.
Das bestimmende Thema der letzten Wochen war die Emission von SpaceX, die alle Rekorde sprengt. Letzten Freitag war es dann so weit. Nach dem offiziellen Börsenstart sind die Kurse weiter ordentlich gestiegen. Die Euphorie war groß und ist nach wie vor aufrecht. Allein am Montag dieser Woche konnte Elon Musks Vermögen um 160 Milliarden Dollar zulegen. An einem einzigen Handelstag damit mehr, als der nicht ganz unbekannte Microsoft-Gründer Bill Gates gegenwärtig sein Eigen nennt. Die Konzentration der Techgiganten nimmt weiter zu. SpaceX ist mittlerweile mit 2,7 Billionen Dollar bewertet und damit auf Rang 5 der wertvollsten Unternehmen der Welt. Nur mehr Nvidia, Alphabet (Google), Apple und Microsoft weisen aktuell eine höhere Marktkapitalisierung auf.
Der liebe Elon wird sich vermutlich freudestrahlend die Hände reiben. Musks Privatvermögen liegt aktuell bei 1,32 Billionen Dollar. Zum Vergleich: Auf Rang 2 und 3 der Bloomberg-Milliardärsliste folgen Larry Page und Sergey Brin von Google mit 317 und 295 Milliarden Dollar. Jeff Bezos liegt bei 268 Milliarden. Elon Musk ist auch hier in eine andere Liga vorgestoßen und der erste Mensch, der die Billionen-Dollar-Schallmauer gesprengt hat.
Wenn man Musks Aufstieg einordnen möchte, lohnt ein Blick in die Geschichte der Vermögens-Schallmauern. Der erste Dollar-Millionär war John Jacob Astor, ein deutscher Auswanderer, der mit Fellhandel und Manhattan-Immobilien bis zu seinem Tod 1848 ein Vermögen von rund 20 Millionen Dollar anhäufte. Knapp 70 Jahre später war es John D. Rockefeller, der 1916 als erster Mensch die Milliarden-Dollar-Marke knackte. Auf die nächste Stufe mussten wir dann sehr lange warten. Erst 1999, auf dem Höhepunkt der Dot-Com-Euphorie, überschritt ausgerechnet Bill Gates als erster Mensch die Schwelle von 100 Milliarden Dollar. Und nun, knapp 27 Jahre später, sprengt mit Elon Musk der erste Mensch die Billionen-Dollar-Schallmauer. Vier Stufen, fast 200 Jahre Geschichte. Und die Sprünge werden schneller. Von Rockefeller zu Gates waren es noch 83 Jahre. Von Gates zu Musk gerade einmal 27. Es wird schneller, das scheint klar. Und die Dimensionen werden auch anders. Allein 2026 hat Musks Vermögen um 696 Milliarden Dollar zugelegt. Das ist mehr als das gesamte österreichische Bruttoinlandsprodukt, das bei 580 Milliarden Dollar liegt. Ein Mann hat in einem Jahr mehr Wert gewonnen, als unsere Volkswirtschaft im selben Jahr erwirtschaftet.
Die Stimmung am Börsenparkett ist trotz der geopolitischen Unsicherheiten euphorisch. Allein in den letzten 12 Monaten konnte der S&P 500 um 25 % zulegen, der technologielastige Nasdaq sogar um 35 %. Der deutsche DAX hinkt mit 6 % deutlich hinterher. Der eigentliche Ausreißer kommt aber aus Wien. Der ATX hat in einem Jahr knapp 50 % gewonnen, weit mehr als jeder US-Index und weit mehr als der gesamte deutsche Leitindex. Es ist aber nicht so, dass wir hierzulande keine wirtschaftlichen Herausforderungen haben. Der Aktienmarkt profitiert von der billigen Bewertung der heimischen Unternehmen und auch von der Branchenstruktur. Im ATX sind Banken und Versicherungen besonders stark gewichtet.
Wie sehen es aber die Fondsmanager dieser Welt? Die monatliche Umfrage der Bank of America unter 172 internationalen Portfoliomanagern, die zusammen 465 Milliarden Dollar verwalten, zeigt eine interessante Entwicklung. Hier scheint für manch einen der Zeitpunkt gekommen zu sein, Gewinne mitzunehmen und die Aktienquote zu reduzieren. Fakt aber ist auch, dass Aktien nach wie vor übergewichtet werden.
Euphorie ist auch an der Wall Street angesagt. Durch die Kursentwicklung hat der amerikanische Leitindex schon jetzt viele Jahresziele erreicht. Ein Grund, die Prognosen deutlich anzuheben. Ed Yardeni beispielsweise hat sein Jahresendziel für den S&P 500 von 7.700 auf 8.250 Punkte gehoben. Goldman Sachs ist von 7.600 auf 8.000 nachgezogen, Citi von 7.700 auf 8.100. Yardeni hat seinem Argument sogar einen eigenen Namen gegeben: FEMO, Fabulous Earnings Momentum. Nicht die Angst, etwas zu verpassen, treibe diesen Markt, sondern die Breite der fabelhaften Unternehmensgewinne. Auf Deutsch klingt FEMO wie ein Fabelwesen. Vielleicht ist es das auch. Irgendwo zwischen Phönix und Einhorn, schön und mächtig, solange man fest daran glaubt.
Diese Woche hatte auch der neue US-Notenbankpräsident Kevin Warsh seinen ersten großen Auftritt. Und schon im Vorfeld hat sich deutlich Druck aufgebaut. Und das gleich von zwei Seiten. Donald Trump pocht immer wieder lautstark nach Zinssenkungen, während die Märkte seit Wochen eine Zinserhöhung und damit das absolute Gegenteil einpreisen. Der liebe Kevin hat die Leitzinsen zwar nicht erhöht, aber immerhin unverändert gelassen und sich damit vermutlich den Unmut des US-Präsidenten zugezogen. Für mich persönlich ist das ein Signal, dass dem neuen Fed-Chef die Unabhängigkeit der Notenbank wichtig ist und er diese auch verteidigt. Selbst dann, wenn Präsident Donald Trump wütend und lautstark durch das Weiße Haus poltern sollte.
Das bestimmende Thema ist die Inflation. In der Vorwoche hat die EZB die Zinsen erhöht. Diese Woche auch die Bank of Japan. In Japan sind die Zinsen damit auf den höchsten Stand seit 31 Jahren gestiegen. Und das wiederum kann bei einer Schuldenquote von über 250 % des Bruttoinlandsproduktes noch eine ernste Belastungsprobe werden.
Für das österreichische Team geht es nächste Woche mit Argentinien weiter. Ein Land, das wirtschaftlich seit vielen Jahren angeschlagen ist. Aber auch ein Land, das mit Lionel Messi vermutlich den besten Fussballer aller Zeiten und mit der Nationalmannschaft den regierenden Weltmeister stellt. Keine leichte Aufgabe, die uns bevorsteht. Und damit meine ich nicht nur unser Team, sondern auch die Börsen dieser Welt.
Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH & e-fundresearch.com Gastkolumnist
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Josef Obergantschnig ist Unternehmer und Gründer von „Börse kannst auch du“. Über zehn Jahre war er Chief Investment Officer mit Investmentverantwortung im Milliardenbereich und entwickelte Strategien für Banken, Versicherungen und Pensionskassen; außerdem Chief Impact Officer bei NIXDORF Kapital (Deutschland). Obergantschnig lehrt seit mehr als 15 Jahren an Universitäten und Fachhochschulen und hat als Buch- und Studienautor über 500 Fachartikel, Kolumnen und Videos veröffentlicht.
Sein neuer Doppelband „Börse kannst auch du“ macht Finanzbildung verständlich und sofort umsetzbar. Sein Antrieb: Finanzbildung in die Breite – für Freiheit und Selbstbestimmung. Im „Logbuch eines Börsianers“ berichtet er wöchentlich und zieht Bilanz.
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