Börsenbarometer | Ein letzter Espresso mit dem Maestro

Woche für Woche nimmt e-fundresearch.com Gastkolumnist & Kapitalmarktexperte Dr. Josef Obergantschnig das Börsengeschehen unter die Lupe – aus erfrischend neuen Blickwinkeln. Markets | 26.06.2026 13:30 Uhr
Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH / © e-fundresearch.com / Obergantschnig Management GmbH (Foto: Vicky Posch)
Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH / © e-fundresearch.com / Obergantschnig Management GmbH (Foto: Vicky Posch)

Heute hat mich vermutlich ein letztes Mal Alan Greenspan mit seinem Nachruf bei meinem morgendlichen Espresso begleitet. Völlig unerwartet kann man im Alter von 100 Jahren wohl nicht sagen, aber nichtsdestotrotz beschäftigt mich diese Nachricht. Der „Maestro" hat gerade in meinen jungen Jahren als Fondsmanager häufig an meinem Frühstückstisch Platz genommen. Er war von 1987 bis 2006 Präsident der amerikanischen Notenbank und damit vermutlich einer der mächtigsten Männer der Welt.

Alan Greenspan hat mich immer wieder beeindruckt. Er war ein Mann, der mit spitzen Kommentaren gezielt die Börsen dieser Welt beeinflussen konnte. Wenig überraschend, dass viele Investoren an seinen Lippen hingen. Jedes seiner Wort wurde auf die Waagschale gelegt. Greenspan zeichnete sich auch dadurch aus, dass er in seiner Amtszeit bewusst vermied, klare und eindeutige Aussagen zu treffen. Damit ist er vermutlich der Urvater des „Fedspeak", der Kunstsprache der Notenbanker. Als Notenbankpräsident hatte Greenspan einen sehr, sehr langen Atem. Er diente unter vier Präsidenten und sieben Finanzministern und war damit die stabile Größe der amerikanischen Wirtschaftspolitik.

Greenspans Amtszeit war die zweitlängste in der Geschichte der Fed. Und sie war geprägt von einer Grundüberzeugung, die in diesen Jahren als weitverbreitete Doktrin galt: dass freie Märkte sich selbst regulieren und staatliche Eingriffe mehr schaden als nützen. Darüber hinaus ging Greenspan davon aus, dass Finanzinstitute im eigenen Interesse ihr Eigenkapital schützen würden.

2008 saß Greenspan vor dem Kongress der Vereinigten Staaten. Die Bank Lehman Brothers war insolvent. Das Finanzsystem stand am Rand des Zusammenbruchs. Und er sagte Sätze, die ich seither nicht vergessen habe. „Diejenigen von uns, die darauf vertraut haben, dass Kreditinstitute im eigenen Interesse das Eigenkapital schützen würden, mich eingeschlossen, sind in einem Zustand schockierter Ungläubigkeit." Er erklärte, er habe in 70 % der Fälle richtig gelegen, in 30 % der Fälle aber falsch. Heute stellt sich vermutlich manch einer die kritische Frage, ob eine Trefferquote von 70 % für einen Notenbankpräsidenten hoch genug sei. Was mich bei Greenspan fasziniert und beeindruckt ist, dass ein damals 82-Jähriger sein Weltbild öffentlich infrage stellt.

Der Name Greenspan wird definitiv nicht in Bedeutungslosigkeit verschwinden. Der Greenspan-Put ist ein gängiger Begriff. Gemeint ist die Erwartung der Märkte, dass die Fed bei jedem größeren Rückschlag die Zinsen senken und die Konjunktur stützen würde. Greenspan hat das nie so formuliert. Aber er hat es immer geliefert. Und ich bin davon überzeugt, dass der Name Greenspan durch den Begriff des Greenspan-Puts auch in Zukunft eng mit der US-Notenbank verbunden bleiben wird.

Ein zweites Thema hat diese Woche meine Aufmerksamkeit erregt. Die US-Aufsichtsbehörde FINRA hat verlautbart, dass in den Vereinigten Staaten Wertpapierkredite die Schwelle von 1,4 Billionen Dollar überschritten haben. Im Vorjahr waren wir noch bei 910 Milliarden, 2024 sogar bei „nur" 800 Milliarden Dollar. In der Historie gab es nur drei Phasen, in denen die sogenannte "Margin Debt" im Jahresvergleich um 60 % gestiegen ist: Ende 1999 bis März 2000, kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase; Juni bis Juli 2007, kurz vor der Finanzkrise; März bis April 2021, vor der Korrektur des Jahres 2022. In allen drei Fällen folgte mit einigen Monaten Verzögerung eine deutliche Korrektur. Aktuell liegt der Anstieg bei rund 54 % im Jahresvergleich. Die Schwelle von 60 % ist noch nicht erreicht. Aber die Richtung ist eindeutig. Für mich ist das ein starkes Signal: Das Risikoverhalten an den Märkten hat ein Niveau erreicht, das wir zuletzt in zwei der größten Marktkrisen der letzten 25 Jahre beobachtet haben. Steigende Kurse ziehen bekanntlich Käufer an, und, wie wir gerade sehen, auch Kreditnehmer. Zu verlockend ist es, mit geliehenem Geld auch nach Zinsen ordentliche Erträge einzufahren. Das ist ein Beschleuniger nach oben, aber auch nach unten. Das bedeutet nicht zwingend, dass wir uns auf einen Crash vorbereiten müssen. Für mich persönlich ist und bleibt es definitiv ein absolutes No-Go, mit geliehenem Geld an der Börse zu investieren. Der Kredit wird schließlich nicht umsonst als siamesischer Zwilling der Spekulation bezeichnet.

Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH & e-fundresearch.com Gastkolumnist

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Josef Obergantschnig ist Unternehmer und Gründer von „Börse kannst auch du“. Über zehn Jahre war er Chief Investment Officer mit Investmentverantwortung im Milliardenbereich und entwickelte Strategien für Banken, Versicherungen und Pensionskassen; außerdem Chief Impact Officer bei NIXDORF Kapital (Deutschland). Obergantschnig lehrt seit mehr als 15 Jahren an Universitäten und Fachhochschulen und hat als Buch- und Studienautor über 500 Fachartikel, Kolumnen und Videos veröffentlicht.

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