Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich muss mich erst daran gewöhnen, dass wir bereits mehr als die Hälfte des Jahres 2026 hinter uns haben. Während das Mahlwerk meiner Espresso-Maschine lautstark die Bohnen zermahlt, lasse ich die letzten Monate Revue passieren. Wir haben viel erlebt, und irgendwie fühlt es sich nicht wirklich gut an. Und doch, die Finanzmärkte haben geliefert. Der japanische Nikkei hat das stärkste Quartal aller Zeiten erlebt und notiert erstmals über 70.000 Punkten, mit einem Plus von rund 20 % im ersten Halbjahr. Der SpaceX-Börsengang sprengte alle Rekorde und machte Elon Musk zum ersten Billionär der Menschheitsgeschichte. Der breite US-Index Russell 2000 liegt deutlich im Plus und verzeichnete das beste Halbjahr seit 1991. Und die Unternehmen haben ordentliche Ergebnisse abgeliefert.
Während es rundherum gar nicht so schlecht aussieht, ziehen in Europa dunkle Wolken auf. Die Wirtschaft steht im Gegensatz zu anderen Regionen seit vielen Jahren in einer Stagnation, und der eine oder andere ehemalige Branchenprimus kam gehörig unter die Räder. Nehmen wir zum Beispiel den Volkswagenkonzern. Chinesische Modelle haben dem deutschen Paradeunternehmen kräftig zugesetzt und vermutlich in manchen Bereichen bereits den Rang abgelaufen. Allein beim VW-Konzern müssen aktuell bis zu 100.000 Menschen um ihren Arbeitsplatz bangen. Das entspricht in etwa einem Drittel der Einwohner von Graz oder nahezu aller Einwohner Klagenfurts.
Aber warum ist das so? Der Grund dafür ist nicht konjunkturbedingt. Wir erleben einen strukturellen Umbruch, den man in der Konzernzentrale in Wolfsburg verschlafen zu haben scheint. Die Entwicklung chinesischer Modelle ist um 40 bis 50 % günstiger als in Deutschland. Und das Institut der deutschen Wirtschaft veröffentlichte eine Studie, wonach zwischen 2019 und 2025 rund 400.000 Industriejobs in Deutschland verloren gingen, hauptsächlich wegen chinesischer Wettbewerber. Das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl von Bochum. Zu lange hat man sich auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausgeruht. Jetzt scheint der Moment gekommen zu sein, an dem die Zeche bezahlt werden muss. Und es würde mich nicht wundern, wenn schon bald auf dem einen oder anderen Band der VW-Werke in Deutschland kein Golf oder Passat mehr vom Band rollt, sondern für einen der großen chinesischen Autobauer produziert wird. BYD hat bereits seine Fühler ausgestreckt, und die Prüfverfahren dazu laufen bereits.
Aufmerksam geworden bin ich auch bei einer Nachricht des weltweit größten Vermögensverwalters Blackrock, der vor einer Gewichtungskonzentration in den USA warnte. Im Grunde ist das nichts Neues, aber die Warnung stammt von einem US-Finanzinstitut und einem der größten ETF-Anbieter der Welt. Ein MSCI-World-ETF hat aktuell einen USA-Anteil von 72 %. Und hier werden vor allem die großen Techgiganten stark gewichtet. Die Top-5-Titel alleine machen mittlerweile 18 % des Index aus. Auf die restlichen rund 1.300 Titel entfallen demnach „nur" 82 %. Ein MSCI-World-ETF ist zwar global ausgelegt, allerdings ist der US- und Tech-Anteil mittlerweile sehr dominant. Spannend finde ich auch, dass Blackrock europäische Staatsanleihen als attraktive Alternative ansieht. Als Beimischung stimme ich da auch zu. Fakt ist aber auch, dass es hier nach Kosten und Steuern schwierig werden wird, den realen Geldwerterhalt zu sichern. Und das ist wohl der Grundgedanke des Sparens.
Prinzipiell teile ich die Ansicht der hohen US- und Tech-Gewichtung in den globalen Indizes. Aber eines möchte ich als Gegenargument dennoch ins Feld führen. Was ist eigentlich ein amerikanisches Unternehmen im Jahr 2026? Nehmen wir zum Beispiel Apple. Der Konzern hat seinen Sitz in Cupertino, verkauft die Geräte aber in Wien, Berlin, Zürich, Sao Paulo oder auch in Neu-Delhi. Google finden Sie überall dort, wo eine Suchanfrage getippt wird. Eine Flasche Coca-Cola und ein Big Mac von McDonald's kann man in nahezu allen Ländern dieser Welt kaufen. Die klassische Ländergewichtung sagt uns damit nur, in welchem Land der Hauptsitz der Firma liegt und nicht, in welchen Ländern das jeweilige Unternehmen seine Umsätze erwirtschaftet. Das Klumpenrisiko und die Konzentration bei den Tech-Werten sind zweifelsohne da. Aber unter diesem Blickwinkel ist es vermutlich nicht mehr ganz so dramatisch. Bevor ich jetzt noch einen Espresso trinke, muss ich die Kaffeebohnen vom Italiener meines Vertrauens nachfüllen. Firmensitz Italien, Lebensstil Italien, Konsum und Umsatz aber bei mir in der Steiermark. Das nenne ich mal Globalisierung in den frühen Morgenstunden.
Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH & e-fundresearch.com Gastkolumnist
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Josef Obergantschnig ist Unternehmer und Gründer von „Börse kannst auch du“. Über zehn Jahre war er Chief Investment Officer mit Investmentverantwortung im Milliardenbereich und entwickelte Strategien für Banken, Versicherungen und Pensionskassen; außerdem Chief Impact Officer bei NIXDORF Kapital (Deutschland). Obergantschnig lehrt seit mehr als 15 Jahren an Universitäten und Fachhochschulen und hat als Buch- und Studienautor über 500 Fachartikel, Kolumnen und Videos veröffentlicht.
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