Börsenbarometer | Ferragosto in Jackson Hole

Woche für Woche nimmt e-fundresearch.com Gastkolumnist & Kapitalmarktexperte Dr. Josef Obergantschnig das Börsengeschehen unter die Lupe – aus erfrischend neuen Blickwinkeln. Markets | 21.08.2026 13:30 Uhr
Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH / © e-fundresearch.com / Obergantschnig Management GmbH (Foto: Vicky Posch)
Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH / © e-fundresearch.com / Obergantschnig Management GmbH (Foto: Vicky Posch)

Mitten im Ferragosto verbringe ich seit Jahren meinen morgendlichen Espresso in einem kleinen Tal in den USA. Ich bin zwar nicht physisch dort, aber als Börsianer kommt man daran nicht vorbei. Die Federal Reserve Bank of Kansas City organisiert seit 1982 jedes Jahr im August ihr wirtschaftspolitisches Symposium in Jackson Hole, einem Tal in den Rocky Mountains im US-Bundesstaat Wyoming. Führende Notenbanker, Ökonomen und Finanzexperten diskutieren dort über die globalen wirtschaftlichen Herausforderungen. Die Aussagen der Fed-Vorsitzenden am Freitag bewegen regelmäßig die Aktien-, Anleihe- und Währungsmärkte.

Dieses Jahr hält Kevin Warsh am Freitag, 28. August, seine erste Rede in Jackson Hole als neuer Fed-Chair. Er gilt als geldpolitischer Falke, im Notenbank-Jargon: hawkisch. Das bedeutet straffe Linie und Präferenz für höhere Zinsen. Der Gegenpol heißt dovish. In der Juli-Sitzung war Warsh allerdings derjenige, der den Zielkorridor bei 3,50 bis 3,75 % hielt. Drei von zwölf FOMC-Mitgliedern stimmten dagegen und wollten anheben. Der Markt hat inzwischen umgestellt: Die CME-FedWatch-Wahrscheinlichkeit für eine Zinsanhebung im September ist von über 60 % auf 30,6 % gefallen, den niedrigsten Stand seit Mitte Juni. Für Dezember erwartet die Mehrheit weiterhin steigende Zinsen. Die 30-jährige US-Rendite steht bei 5,31 %, dem höchsten Stand seit 2007. Die Welt wird an den Lippen von Kevin Warsh kleben. Und im Nachgang wird über die Rede und deren Bedeutung noch viel diskutiert werden.

Die Schulden eilen von einem Rekordniveau zum nächsten und haben mittlerweile schon astronomische Ausmaße angenommen. In den USA ist die Staatsverschuldung am Dienstag erstmals über die Marke von 40 Billionen US-Dollar geklettert. Ein großer Teil davon ist kurzfristig refinanziert, jede Zinsanhebung schlägt damit rasch auf die Zinslast des Bundeshaushalts durch. Der US-Ökonom Ed Yardeni hat für diese Konstellation schon vor Jahrzehnten einen Namen geprägt: „Bond Vigilantes", eine Art selbsternannte Bürgerwehr des Anleihemarkts, die sichtbar höhere Zinsen verlangt, wenn Regierungen ihre Ausgaben nicht mehr im Griff haben. Und das wiederum erhöht den Reformdruck. Genau dieses Muster sehen wir derzeit auf beiden Seiten des Atlantiks.

Deutschland spürt diese Verschiebung schon jetzt im eigenen Haushalt. Die Zinsausgaben des Bundes springen von rund 30,3 Milliarden Euro im laufenden Jahr auf 41,9 Milliarden im kommenden, und der Finanzplan sieht bis 2030 einen Anstieg auf 80,7 Milliarden vor. Zum Vergleich: Der Bund veranschlagt 2027 rund 22 Milliarden Euro für Forschung, Technologie und Raumfahrt und rund 15,5 Milliarden für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Zusammen rund 37 Milliarden. Der Zinsdienst allein liegt darüber. Die zehnjährige Bundesanleihe rentiert bei 3,27 %, dem höchsten Stand seit 15 Jahren. Auch in Österreich sind die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen deutlich auf aktuell 3,47 % gestiegen. In Europa erleben wir einen Zeitenwechsel, die Zinshierarchie hat sich auf den Kopf gestellt: Dänemark refinanziert sich mit 3,06 % günstiger als Deutschland. Frankreich zahlt mit 4,11 % mehr als Italien mit 4,07 % oder Griechenland mit 3,95 %. Wer die Eurokrise 2011 miterlebt hat, reibt sich die Augen. Das Rating ist nach wie vor eine wichtige Bewertungsgröße. Andere Parameter gewinnen aber zunehmend an Bedeutung: Haushaltsdisziplin, Wirtschaftswachstum, wie schnell die Schulden refinanziert werden müssen, und das Volumen an neuen Anleihen. Und genau das könnte für Deutschland teuer werden. Der Bund muss 2026 die Rekordsumme von 512 Milliarden Euro über Anleihe-Auktionen einsammeln, nach 380 Milliarden im Vorjahr. Und das zu deutlich höheren Zinsen. Genau das wird sich unmittelbar auf das Haushaltsbudget und damit auch auf den Handlungsspielraum der Regierung auswirken.

Im August sind auch Technologie-Aktien und KI-Unternehmen gehörig unter Druck gekommen. Nach den rasanten Kursanstiegen der letzten Monate ist das vermutlich auch nicht verwunderlich. Aber die Schar der Kritiker häuft sich, trotz des bisher überzeugenden Gewinnwachstums. Nvidia mobilisiert gemeinsam mit sechs großen Finanzhäusern mehr als 500 Milliarden US-Dollar an Drittkapital für neue KI-Rechenzentren. CEO Jensen Huang sagte, Nvidia könne bis zu 25 % je Finanzierungs-Projekt selbst absichern. Die Marktkapitalisierung liegt inzwischen bei rund 5,3 Billionen US-Dollar, weit vor Apple und Microsoft. Das ist gut, meinen Sie nicht auch? Aber es lohnt sich, hier auch ein bisschen tiefer zu graben: 54 % des jüngsten Quartalsumsatzes stammen aus nur drei Direktkunden. Und die Beteiligungen wachsen. Nvidia investiert in Cloud-Anbieter und KI-Labore wie Coreweave, Nebius oder Safe Superintelligence, die im Gegenzug Nvidia-Chips kaufen. Laut Bloomberg-Berichten liegt das Volumen solcher Kreislaufdeals inzwischen bei über 750 Milliarden US-Dollar. Zusätzlich wird berichtet, dass Nvidia eine Finanzierungs-Bürgschaft von bis zu 250 Milliarden für ein OpenAI-Rechenzentrum absichern könnte. Wie heißt es so schön: „Eine Hand wäscht die andere." Ein Teil des Nachfrage-Wachstums kommt damit aus Nvidias eigenem Umfeld, nicht von unabhängigen Kunden. Das ist zwar definitiv kein Beweis für eine Blase. Aber diese Entwicklungen im Auge zu behalten, kann vermutlich nicht schaden.

Für mich geht es jetzt auf die Terrasse in die Morgensonne. Aber vorher hole ich mir noch einen Espresso. Nächste Woche kommen die Nvidia-Zahlen. Ich bin schon gespannt, ob der Chiphersteller wieder abliefert. In den nächsten Wochen werden mich wohl noch häufiger Kevin Warsh, die Schulden- und Zinsthematik sowie das Vertrauen der Investoren begleiten. Das Vertrauen ist bekanntlich schwer aufzubauen. Oft dauert es Jahre und kann über Nacht wieder zerstört werden. Solange der Markt weiter Vertrauen hat, können wir uns entspannt zurücklehnen. Wenn das Vertrauen aber kippt, steht uns wohl ein stürmischer Herbst bevor.

Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH & e-fundresearch.com Gastkolumnist

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Josef Obergantschnig ist Unternehmer und Gründer von „Börse kannst auch du“. Über zehn Jahre war er Chief Investment Officer mit Investmentverantwortung im Milliardenbereich und entwickelte Strategien für Banken, Versicherungen und Pensionskassen; außerdem Chief Impact Officer bei NIXDORF Kapital (Deutschland). Obergantschnig lehrt seit mehr als 15 Jahren an Universitäten und Fachhochschulen und hat als Buch- und Studienautor über 500 Fachartikel, Kolumnen und Videos veröffentlicht.

Sein neuer Doppelband „Börse kannst auch du“ macht Finanzbildung verständlich und sofort umsetzbar. Sein Antrieb: Finanzbildung in die Breite – für Freiheit und Selbstbestimmung. Im „Logbuch eines Börsianers“ berichtet er wöchentlich und zieht Bilanz.

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