Börsenbarometer | Bohnen nachfüllen und die Ernte im Herbst

Woche für Woche nimmt e-fundresearch.com Gastkolumnist & Kapitalmarktexperte Dr. Josef Obergantschnig das Börsengeschehen unter die Lupe – aus erfrischend neuen Blickwinkeln. Markets | 04.09.2026 13:30 Uhr
Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH / © e-fundresearch.com / Obergantschnig Management GmbH (Foto: Vicky Posch)
Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH / © e-fundresearch.com / Obergantschnig Management GmbH (Foto: Vicky Posch)

Es ist Herbst, die Erntezeit ist angebrochen. Bei meiner Kaffeemaschine leuchtet das rote Lämpchen. Die Bohnen sind nachzufüllen, damit ich mir einen frischen Espresso zubereiten kann. Ohne Bohnen wird es definitiv nichts.

Der norwegische Staatsfonds ist mittlerweile ebenfalls in der Erntephase angekommen. Norwegen hat 1996 begonnen, Öleinnahmen anzulegen, statt sie auszugeben. Ende Juni lagen dort rund 2 Billionen Euro, umgerechnet etwa 356.000 Euro je Einwohner. Das Bemerkenswerte daran: Nur rund ein Viertel dieses Vermögens stammt aus Öl und Gas. Zwei Drittel hat der Kapitalmarkt erwirtschaftet, bei einer Aktienquote von 72 % und einer Durchschnittsrendite von 6,86 % pro Jahr seit 1998.

Geerntet wird längst. Heuer entnimmt Norwegen rund 51 Milliarden Euro aus dem Fonds und finanziert damit mehr als jede vierte Krone im Staatshaushalt. Der Bestand wächst trotzdem weiter, weil pro Jahr in der Regel höchstens 3 % des Vermögens entnommen werden dürfen. Die Strategie ist klar: Es wird weniger geerntet, als Jahr für Jahr nachwächst. Damit ist sichergestellt, dass auch die nächsten Generationen von Norwegerinnen und Norwegern ernten können. Klar ist aber, dass es auf dem Weg einmal eine Missernte geben kann. 2008 erlebten wir die Lehman-Pleite und eine Finanzkrise. Der norwegische Staatsfonds verlor in diesem stürmischen Umfeld fast ein Viertel seines Werts. Wer erntet, kennt auch Missernten.

Bundeskanzler Christian Stocker verfolgt gegenwärtig einen ähnlichen Ansatz. Er will die Rahmenbedingungen schaffen, dass die Ernte in Österreich gut ausfällt. Der Kapitalmarkt und die Börse sind damit in der Innenpolitik angekommen. Für Aufsehen gesorgt haben gleich zwei Vorschläge, ein Staatsfonds und das Zukunftsdepot. Dass wir aber auch hier Bohnen nachfüllen müssen, ist klar.

Beim Zukunftsdepot geht es um die Aussaat. Für jedes Kind unter 18 Jahren soll ein eigenes Depot eröffnet werden können, bis zu 5.000 Euro jährlich, bis zum 18. Geburtstag ohne Kapitalertragsteuer. Das Kanzleramt rechnet vor, was daraus werden kann: Bei 150 Euro im Monat stünden mit 18 rund 63.000 Euro auf dem Depot, eingezahlt wurden davon 32.400 Euro. Wenn das durchgezogen wird, wird sich der eine oder andere Neugeborene in den 2040ern vermutlich sehr freuen. Für das Nachfüllen der Bohnen ist hier aber nicht der Staat, sondern Eltern, Großeltern oder vielleicht die Patentante zuständig.

Was tut sich sonst noch in der Welt der Börsen? Im September stehen die nächsten Notenbanksitzungen an. Den Beginn macht nächste Woche die EZB. Der Markt preist eine Zinsanhebung um 25 Basispunkte auf 2,50 % mit einer Wahrscheinlichkeit von 96 % ein. Damit will Präsidentin Christine Lagarde die Inflation wieder einbremsen und auf das EZB-Ziel zurückführen.

Ein paar Tage später tagt die amerikanische Notenbank. Fed-Chef Kevin Warsh hat vergangenen Freitag in Jackson Hole die Erwartungen umgedreht. Vor seiner Rede war eine Zinssenkung mit 65 % Wahrscheinlichkeit eingepreist, danach eine Erhöhung mit rund 60 %. Auch hier ist das bestimmende Thema die Inflation. Das wird dem lieben Donald vermutlich überhaupt nicht gefallen.

Spannend wird es, wenn man auf die Ursachen schaut. Die europäische Inflation geht vor allem auf äußere Faktoren zurück, auf die Energiepreise, das Extremwetter und staatliche Preiseingriffe. Sie ist Ausdruck der Anfälligkeit der europäischen Wirtschaft. In den USA dagegen wächst der Arbeitsmarkt weiter stark, die Unternehmen schreiben Rekordgewinne und investieren hunderte Milliarden in Künstliche Intelligenz. Die amerikanische Inflation ist damit eher ein Produkt der eigenen Stärke und der Wachstumsdynamik.

Diese Woche hat auch für Tim Cook die Erntephase begonnen. Der Apple-Chef hat das Zepter an seinen Nachfolger John Ternus übergeben und wechselt an die Spitze des Verwaltungsrats. Cook trat vor 15 Jahren die Nachfolge von Steve Jobs an, der nur sechs Wochen danach starb. Das war mit Sicherheit kein leichtes Erbe. Steve Jobs war für mich und für viele andere vermutlich die Ikone schlechthin. Cook hat seine Sache trotzdem richtig gut gemacht und den angebissenen Apfel auf ein neues Niveau gehoben. 2011 betrug der Börsenwert Apples 350 Milliarden Dollar, heute sind es rund 4,6 Billionen. Der Umsatz hat sich nahezu vervierfacht. Und von jedem Dollar Umsatz bleibt bei Apple bis heute rund ein Drittel als operativer Gewinn übrig.

John Ternus ist ebenfalls ein Apple-Urgestein und seit 2001 im Unternehmen. Er ist Ingenieur und war zuletzt für die Hardware verantwortlich. Ich bin schon sehr gespannt, welche Ernte der liebe John in ein paar Jahren einfahren wird. Irgendwie muss ich in diesem Zusammenhang immer an die Worte meiner Oma denken: Bewerte den Tag nicht daran, welche Ernte du eingefahren hast, sondern daran, was du gesät hast.

Dr. Josef Obergantschnig, Gründer, Obergantschnig Management GmbH & e-fundresearch.com Gastkolumnist

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Josef Obergantschnig ist Unternehmer und Gründer von „Börse kannst auch du“. Über zehn Jahre war er Chief Investment Officer mit Investmentverantwortung im Milliardenbereich und entwickelte Strategien für Banken, Versicherungen und Pensionskassen; außerdem Chief Impact Officer bei NIXDORF Kapital (Deutschland). Obergantschnig lehrt seit mehr als 15 Jahren an Universitäten und Fachhochschulen und hat als Buch- und Studienautor über 500 Fachartikel, Kolumnen und Videos veröffentlicht.

Sein neuer Doppelband „Börse kannst auch du“ macht Finanzbildung verständlich und sofort umsetzbar. Sein Antrieb: Finanzbildung in die Breite – für Freiheit und Selbstbestimmung. Im „Logbuch eines Börsianers“ berichtet er wöchentlich und zieht Bilanz.

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