Der globale Aktienmarkt zeigte im April deutliche Stärke. Der MSCI World legte auf US-Dollar-Basis um 9,6 Prozent zu, der stärkste Monatsanstieg seit November 2020. Auch breite Leitindizes wie der S&P 500 und die Nasdaq notieren wieder auf oder nahe ihren Allzeithochs. Getrieben wurde die Rally vor allem von technologie- und KI-nahen Unternehmen: Ihre Quartalszahlen fielen stark aus, zugleich lagen die angekündigten Investitionsausgaben über den Erwartungen. Hinzu kamen weiterhin robuste Makrodaten. Trotz geopolitischer Unsicherheit und des damit verbundenen Energiepreisschocks zeigten sich die globalen Aktienmärkte damit bemerkenswert widerstandsfähig.
Der Gesundheitssektor nahm an dieser Rally im April kaum teil. Der MSCI World Health Care gab auf US-Dollar-Basis um 0,2 Prozent nach und blieb damit 9,8 Prozentpunkte hinter dem Gesamtmarkt zurück – der schwächste relative Monat des Sektors seit 17 Jahren. Diese ungewöhnlich starke Underperformance ist jedoch weniger Ausdruck fundamentaler Schwäche als vielmehr das Ergebnis einer kurzfristigen Marktrotation: Anleger bevorzugten zyklischere und stärker KI-exponierte Marktsegmente. Der Gesundheitssektor diente in diesem Umfeld offenbar als Finanzierungsquelle.
Aus dieser Diskrepanz zwischen schwacher Kursentwicklung und stabilen Fundamentaldaten ergibt sich unserer Ansicht nach ein konstruktiver Blick auf den Sektor. Viele Unternehmen wachsen weitgehend wie erwartet, die Ergebnisse sehen solide aus, und auch politische sowie regulatorische Risiken scheinen nachzulassen. Einen erkennbaren fundamentalen Grund, warum der Sektor derart deutlich hinter dem Gesamtmarkt zurückbleiben sollte, sehen wir aktuell nicht.
Besonders stark entwickelten sich im April die US-Krankenversicherer. Titel wie Centene, UnitedHealth und Humana legten deutlich zu, unterstützt durch starke Quartalszahlen und eine deutlich nach oben revidierte vorläufige Anpassung der Medicare-Erstattungssätze. Auch einzelne innovative Gesundheitsunternehmen setzten positive Akzente: Glaukos überzeugte mit einem starken Quartalsbericht, Axsome Therapeutics profitierte von der US-Zulassung eines Medikaments gegen Alzheimer-bedingte Agitation, und Novo Nordisk legte ohne spezifische Unternehmensnachrichten zu; vermutlich stützte das anhaltend starke US-Umsatzwachstum der oralen Wegovy-Version die Aktie.
Für weite Teile des Gesundheitssektors dürfte Künstliche Intelligenz langfristig eher unterstützend wirken als belasten. Während die Aufmerksamkeit der Investoren derzeit vor allem auf Hyperscaler und Halbleiterwerte gerichtet ist, entstehen im Gesundheitssektor zahlreiche konkrete Anwendungsfelder: Pharmaunternehmen investieren in KI und Supercomputing, um die Wirkstoffentwicklung zu beschleunigen und Entwicklungskosten zu senken. Medizintechnikunternehmen integrieren KI in Softwarelösungen, während Gesundheitsdienstleister Kosten senken können.
Gleichzeitig ist KI nicht für alle Teilbereiche des Sektors ausschließlich positiv zu werten. Ein mögliches Disruptionsrisiko besteht bei CROs, also Auftragsforschungsunternehmen, die Pharmaunternehmen bei klinischen Studien und Analysen unterstützen. Hier diskutiert der Markt, ob KI künftig Teile ausgelagerter Forschungs- und Analyseaufgaben übernehmen könnte. Zugleich könnten CROs KI auch nutzen, um ihr eigenes Angebot zu verbessern und klinische Studien effizienter zu unterstützen. Für den übrigen Gesundheitssektor überwiegen aus unserer Sicht derzeit die langfristigen Chancen aus dem Einsatz von KI.
Hinzu kommt ein weiterer unterstützender Faktor: M&A. Viele große Pharmakonzerne stehen in den kommenden Jahren vor bedeutenden Patentabläufen und müssen ihre Produktpipelines auffüllen. Gleichzeitig verfügen sie über starke Bilanzen, hohe Cash-Bestände und geringe Verschuldung. Damit sind die Voraussetzungen für eine Belebung der M&A-Aktivität im Biotech-Segment günstig.
Auch aus Bewertungssicht ist der Gesundheitssektor differenziert zu betrachten. Europäische Pharmawerte werden gegenüber US-Titeln häufig mit einem Abschlag gehandelt. Dieser reflektiert reale strukturelle Faktoren wie Preisdruck, langsameren Marktzugang und fragmentierte Märkte, kann aber bei global aufgestellten Unternehmen mit starker Pipeline und hoher US-Exponierung auch Chancen eröffnen. Entscheidend bleibt, ob der Markt strukturelles Wachstum unterschätzt oder ob der Abschlag durch Patentabläufe und schwächere Forschungsproduktivität gerechtfertigt ist.
Natürlich bleibt der Sektor nicht frei von Risiken. In der Medizintechnik können höhere Ölpreise und steigende Logistikkosten einzelne Unternehmen belasten, insbesondere bei Produkten mit Kunststoffanteilen. Außerhalb der Medizintechnik ist dieser Effekt deutlich geringer: Bei Pharmaunternehmen spielen Rohstoffkosten nur eine untergeordnete Rolle, für Biotech-Unternehmen noch weniger, und Gesundheitsdienstleister sind davon kaum betroffen. Auch vereinzelte Rückrufe, wie zuletzt bei Insulet, können kurzfristig für Kursdruck sorgen. Im konkreten Fall betraf der Rückruf nach Angaben rund 1,5 Prozent des globalen Produktionsvolumens; langfristige negative Auswirkungen auf das Unternehmen werden derzeit nicht erwartet.
Das Gesamtbild bleibt damit konstruktiv: Der Gesundheitssektor ist fundamental intakt, defensiv geprägt und innovationsstark. Kurzfristige Kursbewegungen bleiben schwer vorhersehbar; der positive Blick richtet sich vor allem auf die langfristigen strukturellen Treiber. Während Anleger zuletzt vor allem der Tech- und KI-Euphorie folgten, könnte der Gesundheitssektor wieder stärker in den Blick rücken. Für Anleger, die auf Qualität, strukturelles Wachstum, M&A-Potenzial und langfristige KI-Anwendungsfelder achten, bleibt der Sektor damit einen genaueren Blick wert.
Von Rune Sand-Holm, Portfoliomanager Healthcare Fonds bei DNB Asset Management
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