Banken- und Versicherungsaktien: Mehr Substanz als die Bewertungen zeigen

Banken, Versicherer und Zahlungsdienstleister haben sich seit der Finanzkrise grundlegend verändert. Viele Anleger unterschätzen, wie sehr sich die Rahmenbedingungen für den Sektor verbessert haben. DNB Asset Management | 30.06.2026 09:46 Uhr
Kjell Morten, Portfoliomanager bei DNB Asset Management / © e-fundresearch.com / DNB Asset Management
Kjell Morten, Portfoliomanager bei DNB Asset Management / © e-fundresearch.com / DNB Asset Management

Finanzwerte werden von vielen Anlegern noch immer durch die Brille der globalen Finanzkrise betrachtet. Banken gelten als zyklisch, regulierungsanfällig und riskant; Versicherer als schwerfällig; Zahlungsdienstleister werden oft eher dem Technologiesektor zugerechnet. Diese Sicht greift zunehmend zu kurz. Der Finanzsektor von heute ist nicht mehr der Finanzsektor von 2008. Der Sektor ist deutlich widerstandsfähiger geworden. Banken und Versicherer haben seit der Finanzkrise Kapital aufgebaut, ihre Liquidität verbessert, das Risikomanagement gestärkt und ihre Geschäftsmodelle unter strengeren aufsichtsrechtlichen Vorgaben angepasst. Banken verfügen heute über Kapital von höherer Qualität, unterliegen Stresstests, Liquiditätsquoten, Verschuldungsgrenzen und einer stärker vorausschauenden Risikovorsorge. Versicherer arbeiten unter risikosensitiveren Solvabilitätsregeln, mit stärkerer Unternehmensführung, größerer Transparenz und strengerer Aufsicht. Damit tritt der Sektor mit einer deutlich größeren Fähigkeit, Schocks abzufedern, in den aktuellen Konjunkturzyklus ein als vor 2008. Banken und Versicherer sind weniger verschuldet, liquider, besser beaufsichtigt und transparenter. In einem Abschwung dürften sie daher eher als Stabilisatoren denn als Verstärker wirken. Robustheit sollte allerdings nicht mit Immunität verwechselt werden.

Genau hier liegt die Anlagechance. Trotz der starken Branchenentwicklung der vergangenen Jahre bleiben die Erwartungen vieler Anleger verhalten. Die Bewertungen sind weiterhin attraktiv, und solide Kapitalpositionen stützen hohe Kapitalrenditen. Aus unserer Sicht haben sich die Fundamentaldaten des Sektors nachhaltiger verbessert, als es die aktuellen Markterwartungen widerspiegeln. Anleger haben daher Spielraum, das langfristige Wertschöpfungspotenzial von Finanzwerten neu zu bewerten.

Europäische Banken werden weiter unterschätzt

Besonders deutlich zeigt sich das bei europäischen Banken. Ein gewisser Bewertungsabschlag gegenüber US-Instituten ist weiterhin gerechtfertigt. Europa wächst strukturell langsamer, die Banken- und Kapitalmärkte sind fragmentierter, politische und regulatorische Risiken sind höher, und die Kapitalmarktinfrastruktur ist weniger entwickelt. Doch das Ausmaß und die Dauerhaftigkeit dieses Abschlags erscheinen überzogen. Die Märkte unterschätzen, wie nachhaltig sich die Rentabilität vieler europäischer Banken verbessert hat, wie stark ihre Kapitalausstattung heute ist und mit welcher Disziplin überschüssiges Kapital inzwischen verwaltet und ausgeschüttet wird.

Die besten europäischen Institute sollten deshalb nicht länger als angeschlagene Altbanken betrachtet werden, sondern als ausgereifte, gut kapitalisierte Unternehmen, die Kapitalrenditen steigern und über die Zeit attraktiven Shareholder Value schaffen können. Das gilt umso mehr, als Europa vor enormen Investitionsaufgaben steht. Der Draghi-Bericht beziffert den zusätzlichen Investitionsbedarf auf rund 750 bis 800 Milliarden Euro pro Jahr, um Innovationslücken zu schließen, die Wettbewerbsfähigkeit im Energiebereich zu verbessern, die Industrie zu dekarbonisieren sowie Sicherheit und Widerstandsfähigkeit zu stärken. Ein fragmentiertes Finanzsystem wird Schwierigkeiten haben, Kapital in dieser Größenordnung zu mobilisieren. Europa braucht deshalb stärkere Banken, tiefere Kapitalmärkte und eine funktionierende Spar- und Investitionsunion.

Zahlungsdienstleister sind die Technologiegewinner des Sektors

Neben klassischen Banken bieten auch andere Segmente des Finanzsektors strukturelle Chancen. Zahlungsnetzwerke wie Visa und Mastercard sind längst nicht mehr nur klassische Finanzwerte. Sie entwickeln sich zunehmend zu technologiegestützten Infrastrukturunternehmen. Ihr Wert liegt nicht mehr allein in der Kartenakzeptanz, sondern in sicheren, tokenisierten, datenreichen und weltweit interoperablen Zahlungsfunktionen – für Karten, digitale Wallets, E-Commerce, B2B-Zahlungen, Stablecoins und neue digitale Geschäftsmodelle. Damit weisen diese Unternehmen technologieähnliche Merkmale auf: Netzwerkeffekte, hohe Skalierbarkeit, starke Datenvorteile und wiederkehrende Transaktionsaktivitäten. Gleichzeitig bleiben sie tief im regulierten Finanzsystem verankert und sind politischen sowie regulatorischen Risiken ausgesetzt. Gerade diese Mischung macht sie interessant: Sie verbinden strukturelles Wachstum mit einer zentralen Rolle in der globalen Finanzinfrastruktur.

KI kann Produktivität und Effizienz deutlich verbessern

Auch künstliche Intelligenz wird den Finanzsektor verändern. Kurzfristig dürften die größten Effekte bei Produktivität und operativer Effizienz liegen. Finanzunternehmen sind prozess- und datenintensiv und haben hohe Kostenbasen in Technologie, Compliance, Kundenservice, Kreditprüfung und Backoffice. KI kann Routineaufgaben automatisieren, die Dokumentenbearbeitung verbessern, Softwareentwicklung beschleunigen und Mitarbeiter produktiver machen. Besonders konkrete Anwendungsfälle zeichnen sich im Risikomanagement und in der Betrugsprävention ab. 

Davon können sowohl etablierte Institute als auch Fintechs profitieren. Große Anbieter verfügen über vertrauensvolle Kundenbeziehungen, umfangreiche Datensätze, Compliance-Kapazitäten und die Möglichkeit, Technologie- und Regulierungskosten auf eine breite Kundenbasis zu verteilen. Fintechs wiederum können neue Lösungen ohne Altlasten entwickeln und dort Marktanteile gewinnen, wo KI bessere Nutzererlebnisse oder effizientere Prozesse ermöglicht.

Entscheidend ist aber: In KI zu investieren ist nicht dasselbe wie einen KI-Vorteil zu haben. Gewinner werden jene Unternehmen sein, die Daten, Größe, Regulierungskompetenz und Umsetzungsdisziplin verbinden.

Die Risiken bleiben beherrschbar, aber real

Die Risiken bleiben dennoch real. Das wichtigste klassische Risiko ist die Kreditqualität. Ein schwächeres makroökonomisches Umfeld könnte in Teilen des Sektors zu höheren Kreditausfällen führen. Die Ausgangslage ist jedoch besser als in früheren Zyklen: Das Kreditwachstum war insgesamt disziplinierter, die Kapitalausstattung robuster, die Kreditvergabestandards haben sich verbessert, und die Rechnungslegung verlangt eine frühzeitigere Erfassung möglicher Verluste.

Das zweite große Risiko ist die operative Widerstandsfähigkeit, insbesondere Cybersicherheit. Finanzunternehmen sind immer stärker digitalisiert und vernetzt. Damit steigen auch die potenziellen Folgen von Cyberangriffen, Betrug und Betriebsstörungen. Für Anleger ist deshalb entscheidend, nicht nur auf Bewertung und Kapitalrenditen zu achten, sondern auch auf Bilanzstärke, Risikokultur, Technologieinvestitionen und die Qualität des Managements.

Anleger sollten das Wertschöpfungspotenzial neu bewerten

Für die kommenden zwölf Monate dürfte der Markt vor allem die Nachhaltigkeit der Wertschöpfung im Finanzsektor unterschätzen. Viele Finanzunternehmen sind besser kapitalisiert, disziplinierter und stärker auf Renditen ausgerichtet als in früheren Zyklen. Sie verfügen über die Bilanzstärke, um von der Sanierungsphase in eine Phase aktiver Wertschöpfung überzugehen – sei es durch organisches Wachstum, Dividenden, Aktienrückkäufe oder Akquisitionen.

Für Anleger sind deshalb jene Finanzunternehmen besonders attraktiv, die nachhaltige Wettbewerbsvorteile, disziplinierte Kapitalallokation und robuste langfristige Wertschöpfungsprofile verbinden. Dazu zählen gut kapitalisierte Banken, Versicherer mit Preissetzungsmacht, technologieähnliche Zahlungsdienstleister sowie Investmentbanken und Banken mit starken Investmentbanking-Sparten.

Der Finanzsektor ist heute besser kapitalisiert, widerstandsfähiger, technologisch anspruchsvoller und strategisch wichtiger für die Finanzierung von Wachstum und Transformation als vor der Finanzkrise. Genau deshalb sollten Anleger Finanzwerte nicht länger unterschätzen.

Von Kjell Morten, Portfoliomanager bei DNB Asset Management

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