Bei Speicherchips war die Börsenlogik lange relativ einfach: Steigen Preise und Gewinne stark, ist Vorsicht angesagt. Hohe Margen führen zu höheren Investitionen, neue Kapazitäten kommen auf den Markt und irgendwann kippt der Zyklus. Was zunächst nach hervorragenden Geschäftszahlen aussieht, kann deshalb bereits das Ende des Aufschwungs ankündigen. Genau diese Skepsis prägt derzeit auch den Blick auf den KI-getriebenen Speicherboom. Trotz außergewöhnlich hoher Nachfrage unterstellt der Markt, dass sich die Geschichte wiederholt. Der entscheidende Punkt für Anleger ist jedoch: Was, wenn sich nicht nur die Nachfrage, sondern auch die Struktur des Speichermarktes verändert hat?
Künstliche Intelligenz macht Speicher zunehmend zu einem Engpass. Leistungsfähigere Prozessoren allein reichen nicht aus, wenn Daten nicht schnell genug bereitgestellt werden können. Mit größeren Modellen, längeren Kontextfenstern und mehr Inferenz steigt deshalb der Bedarf an schnellem Speicher. High Bandwidth Memory, kurz HBM, ist dadurch zu einem zentralen Bestandteil der KI-Infrastruktur geworden. Für Anleger ist daran weniger die technische Spezifikation entscheidend als die wirtschaftliche Konsequenz: Speicher ist nicht mehr nur ein relativ austauschbares Bauteil. Fehlt HBM, kann auch teure Rechenkapazität nicht effizient genutzt werden. Das verschiebt die Verhandlungsmacht zugunsten der Speicherhersteller.
Wie groß die wirtschaftliche Dimension werden könnte, zeigt eine Branchenübersicht: Für High Bandwidth Memory wird der Markt für 2026 bis 2028 auf 50 bis 100 Mrd. Dollar geschätzt. Innerhalb des Sektors ist die Ausgangslage jedoch sehr unterschiedlich. SK Hynix wird als HBM-Marktführer mit einem geschätzten Anteil von 50 bis 70 Prozent in HBM4-Prognosen eingeordnet und weist demnach unter den drei großen Speicherherstellern die stärkste KI-Exponierung und die höchste Marge auf. Micron verzeichnet laut Übersicht das stärkste relative HBM-Wachstum, während Samsung als größter Speicherproduzent zwar breiter diversifiziert ist, bei HBM4 aber noch aufholt.
Von Spotpreisen zu langfristiger Visibilität
Micron hat 16 sogenannte Strategic Customer Agreements abgeschlossen. Viele davon laufen bis 2030 und enthalten verbindliche Take-or-pay-Abnahmeverpflichtungen; langfristig sollen sie rund die Hälfte des Umsatzes abdecken. Zusätzlich hat das Unternehmen seine gesamte Produktion für 2026 verkauft und berichtet, derzeit nur rund 50 Prozent der tatsächlichen Nachfrage bedienen zu können. Für Anleger ist das ein ungewöhnliches Bild: Die Knappheit ist extrem, gleichzeitig wird ein wachsender Teil der künftigen Nachfrage schon heute vertraglich abgesichert.
Damit verändert sich ein zentrales Merkmal des traditionellen Speichergeschäfts. Historisch mussten Hersteller Kapazitäten aufbauen, ohne genau zu wissen, wie hoch die Nachfrage einige Jahre später sein würde. Das machte die Branche anfällig für Überinvestitionen und anschließende Preisstürze.
Längere Verträge schaffen dagegen mehr Planungssicherheit. Sandisk meldete auf seinem Investorentag acht Kunden mit neuen mehrjährigen Vereinbarungen. Diese sollen rund die Hälfte der Bit-Kapazität im Geschäftsjahr 2027 und etwa zwei Drittel im Geschäftsjahr 2028 abdecken. Für eine Branche, deren Gewinne traditionell extrem stark schwanken, wäre eine solche Nachfragevisibilität fundamental relevant.
Das klassische Warnsignal bleibt
Die Gegenthese ist allerdings nicht weniger wichtig. Die Hersteller investieren massiv. Micron will die Investitionsausgaben auf mehr als 25 Mrd. Dollar erhöhen, Samsung plant laut Newsletter 73 Mrd. Dollar. In früheren Zyklen wären solche Zahlen ein ziemlich zuverlässiges Warnsignal gewesen: Hohe Preise erzeugen hohe Investitionen, hohe Investitionen erzeugen Überkapazität und Überkapazität drückt die Preise. Gleichzeitig warnt der SK-Group-Vorsitzende laut Newsletter vor einer Wafer-Knappheit von mehr als 20 Prozent bis 2030. Genau dieser Gegensatz zwischen aggressivem Kapazitätsausbau und anhaltender Knappheit macht den aktuellen Zyklus so schwer einzuordnen.
Genau darin liegt das Spannungsfeld für Anleger.
Die pessimistische Sicht lautet: Der Markt befindet sich bereits nahe am Peak, und steigende Kapazitäten werden spätestens 2027 oder 2028 den nächsten Abschwung auslösen. Die optimistischere These lautet dagegen: KI schafft eine strukturell neue Nachfragebasis, während mehrjährige Verträge verhindern könnten, dass Kapazitäten ähnlich unkoordiniert aufgebaut werden wie in früheren Zyklen. Wir stellen deshalb der klassischen Boom-Bust-Kurve eine technologische S-Kurve gegenüber. Eine solche Entwicklung wäre für Bewertungen entscheidend: Nicht weil Zyklik verschwindet, sondern weil die Nachfrage nach jedem Abschwung auf einem strukturell höheren Niveau liegen könnte.
Die eigentliche Wette ist: Wie lange trägt der KI-Boom?
Auch technologisch spricht einiges dafür, dass sich der Speicherbedarf weiter verbreitert. HBM4 soll die verfügbare Bandbreite nochmals deutlich erhöhen. Gleichzeitig sollen Technologien wie High Bandwidth Flash, CXL sowie In- und Near-Memory Computing unterschiedliche Engpässe bei Kapazität, Geschwindigkeit und Energieverbrauch adressieren. Ein konkretes Unternehmensbeispiel liefert Sandisk mit High Bandwidth Flash, kurz HBF. Das Unternehmen gibt an, dass HBF HBM-ähnliche Bandbreite mit etwa acht- bis sechzehnmal höherer Kapazität bei vergleichbaren Kosten bieten könnte. Das japanische Unternehmen Mizuho sieht eine mögliche 16-Stack-Lösung sogar mit HBM-ähnlicher Bandbreite zu ungefähr einem Zehntel der Kosten; erste Umsatzbeiträge werden dort ab 2028 in Aussicht gestellt. Für Anleger wäre das relevant, weil NAND damit einen größeren Anteil der AI-Speicherwertschöpfung übernehmen könnte, ohne HBM vollständig zu ersetzen.
Hinzu kommt ein Effekt, der für die längerfristige Nachfrage entscheidend sein könnte. Wird KI effizienter und günstiger, muss der Speicherverbrauch deshalb nicht sinken. Nach dem Jevons-Paradox können niedrigere Kosten vielmehr neue Anwendungen und zusätzlichen Verbrauch auslösen. Mehr Anfragen, längere Kontexte, mehr KI-Agenten sowie Anwendungen auf Smartphones und Robotern könnten den Gesamtbedarf stärker erhöhen, als Effizienzgewinne ihn reduzieren. Für Investoren ist der Speicherboom damit keine einfache Wette auf weiter steigende Chippreise. Entscheidend ist, ob sich die strukturelle Nachfrage schneller entwickelt als die neue Produktionskapazität.
Wer die KI-Speicherthese spielen will, muss dabei nicht zwingend auf einen einzelnen Speicherhersteller setzen. Ein Beispiel ist Lam Research als Ausrüster aller drei großen Speicherproduzenten. Das Unternehmen könnte damit unabhängig davon profitieren, wer im HBM-Wettlauf Marktanteile gewinnt, und wäre zugleich weniger zyklisch aufgestellt als eine reine Speicheraktie. Das erweitert die Investmentstory von der Wette auf einzelne Chipproduzenten hin zu den Ausrüstern des Kapazitätsausbaus. Bleibt KI-Infrastruktur knapp und können die Hersteller größere Teile ihrer Produktion über Jahre vertraglich absichern, könnte sich das Gewinnprofil der Branche stabilisieren. Kommt die neue Kapazität dagegen schneller als erwartet, droht das bekannte Muster aus Überangebot und fallenden Preisen. Der zentrale Bewertungsstreit lautet deshalb nicht mehr nur: Wann erreicht der Speicherzyklus seinen Höhepunkt? Sondern: Ist Speicher überhaupt noch derselbe Zykliker wie vor dem KI-Boom?
Von Audun Wickstrand-Iversen, Portfoliomanager, der Disruptive Opportunities Strategie bei DNB Asset Management
Weitere beliebte Meldungen: