Frank Fischer: An der Börse sind die Bullen wieder auf dem Vormarsch

Die Börse ist in den Zukunftsmodus zurückgekehrt. Das bedeutet nicht, dass die Krisen, die derzeit die Welt beherrschen, von einem auf den anderen Tag vergessen sind. Aber die Zukunft hat bereits begonnen. Shareholder Value Management AG | 21.11.2022 15:00 Uhr
Frank Fischer, CEO & CIO der Shareholder Value Management AG / © e-fundresearch / Shareholder Value Management AG
Frank Fischer, CEO & CIO der Shareholder Value Management AG / © e-fundresearch / Shareholder Value Management AG

Die Zeit der Zahlen, Fakten, Daten ist zurück – JP Morgan bullish

 Klar, wir befinden uns weiterhin in der Energiekrise, der Krieg in der Ukraine geht auch weiter, die Inflation galoppiert weiter und die Zinsen steigen weiter. Wahrscheinlich steht auch eine Rezession bereits direkt vor der Tür. Doch, so wie es derzeit aussieht, ist die Börse mal wieder ihrer Zeit voraus und schaut in die Zukunft. Und die sieht gar nicht mal so schlecht aus. Davon gehen auch die Analysten der US-Bank JP Morgan aus: Sie erwarten für den MSCI World auf Sicht von zehn bis 15 Jahren einen durchschnittlichen jährlichen Ertrag von 6,3 Prozent (Zur Quelle). Das ist deutlich mehr als die 3,6 Prozent, die vor einem Jahr erwartet wurden. Die Börsenwelt scheint wieder in Ordnung zu kommen.

Rezession ja - aber keine tiefgreifende

Schauen wir zunächst auf die Konjunktur. Die Analysten und Ökonomen sind sich weitgehend einig, dass wir bereits eine Rezession haben oder diese direkt bevorsteht. Technisch gesehen haben bereits einige Volkswirtschaften eine negative Wirtschaftsleistung. Und die Börse? Die „freut“ sich über eine Rezession, weil die Notenbanken dann wahrscheinlich weniger restriktiv vorgehen und die Zinsen nicht wie befürchtet weiterhin schnell in die Höhe treiben. Aber: Wir sind der Meinung, dass sich Anleger auf einen zweiten Anlauf der Kurse nach unten vorbereiten müssen. Denn die Notenbanken werden die Börsen nicht retten. Es gibt keine V-förmige Entwicklung, sondern wir werden uns an der Bodenbildung abarbeiten. Deshalb werden wir bei allen Werten in unseren Mandaten wie dem Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen die vorhergesagten Gewinne kritisch unter die Lupe nehmen und schauen, ob uns die Manager reinen Wein eingeschenkt haben. Es gab schon ein paar Gewinnrevisionen. Da wird noch mehr passieren. Zahlen und Fakten werden also in den Vordergrund rücken.

Unternehmen mit hohem Total Shareholder Return im Fokus

 Darüber hinaus kommt es auf die Auswahl der Titel an. Wir meiden derzeit zyklische Investments. VW ist nicht teuer, keine Frage. Aber wie nachhaltig ist das Geschäftsmodell? Das ist unserer Meinung nach noch nicht klar. Eines ist jedoch bei unserer Allokation sicher: Wir steigen schrittweise bei nicht-zyklischen Qualitätsaktien ein. Nicht auf einen Schlag, aber doch in mehreren Chargen. Mittlerweile bekommt man wieder Aktien von Unternehmen, die einen Total Shareholder Return von über 15 Prozent versprechen, also einen Gesamtertrag aus Cashflows, Dividenden und Aktienrückkäufen. Beispiele dafür sind etwa Autodesk, Adobe (Zum Blogbeitrag: Adobe: Kreatives Wachstum in der Cloud), Oracle, SAP (Zum Blogbeitrag: SAP: Auch Deutschland kann Cloud-Aktien), Anheuser-Busch InBev (Zum Blogbeitrag: AB InBev: Dieser globale Bierchampion bietet gute Perspektiven) oder auch Visa.

Big-Tech Werte lohnen wieder einen genaueren Blick

Auch die Big-Tech Werte aus den USA lohnen wieder einen genaueren Blick. Zusammengenommen haben Apple, Alphabet, Amazon.com (Zum Blogbeitrag: AWS: Der versteckte Gewinntreiber bei Amazon) und Microsoft (Zum Blogbeitrag: Microsoft: Mehr als Windows und Office) – die vier größten Titel des S&P 500 – nur in zehn der vergangenen vierzig Quartale den Gesamtindex underperformt – das laufende Quartal könnte das elfte werden. Die zuletzt ungewohnt schwache Entwicklung der Big Tech-Aktien ist einerseits auf das neue Zinsumfeld zurückzuführen, andererseits beträgt das Umsatzwachstum der Unternehmen im laufenden Jahr bisher gerade mal 8 Prozent. Die Umsätze des Gesamtindex sind derweil um 13 Prozent gewachsen. In den vergangenen zehn Jahren hatte das Plus von Apple & Co. im Schnitt noch bei 18 Prozent gelegen und damit deutlich über dem Indexniveau von fünf Prozent. Doch diese Underperformance wird wohl nicht von Dauer sein. Die meisten Analysten erwarten für 2023 und 2024 mit 8 bzw. 11 Prozent wieder höhere Umsatzzuwächse bei diesen Konzernen. Das Plus auf Indexniveau wird bei gerade mal 3 bzw. 5 Prozent erwartet.  

Ähnlich sieht es beim Gewinn aus – wenn auch nicht so stark: Hier bringen es Apple, Microsoft und Alphabet 2023 auf Basis der aktuellen Schätzungen im Schnitt auf ein Gewinnwachstum von 6 Prozent und beim Index liegt der Vergleichswert nur bei 4,9 Prozent.  

Das ist zwar keine so große Outperformance wie in der Vergangenheit, aber die niedrigen KGVs der Tech-Riesen lohnen einen genaueren Blick. So haben wir in die Kursschwäche der vergangenen Wochen hinein Meta Platforms (Zum Blogbeitrag: Facebook: Die globale Werbemaschine) und Alphabet (Zum Blogbeitrag: Alphabet: Viel mehr als nur die Google-Suche) weiter aufgestockt. Möglicherweise werden weitere folgen. 

Das heißt: Unternehmensbewertungen und eine genaue Analyse der Zahlen rücken immer weiter in den Vordergrund. Das gilt nicht nur für US-amerikanische Aktien. Auch in Europa und speziell in Deutschland gibt es wieder günstige Aktien. Wenn diese unseren Ansprüchen an Qualitätsaktien genügen, haben wir keine Sorge um den „Nachschub“ für unsere Portfolios. Die Börsenwelt kommt also langsam wieder in Ordnung - trotz aller Krise.

Frank Fischer, CEO & CIO der Shareholder Value Management AG

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