Anleger werden immer skeptischer, wenn es um die hohen Milliarden-Investitionen der großen Tech-Akteure geht. Deshalb hat ein Umdenken stattgefunden: Lieber Value-Qualität als zu hohes Growth-Risiko. Doch jetzt wird es seltsam.
Amazon, Apple und Microsoft führen Value-Index an
Growth und Value verschmelzen. Denn: Schaut man sich die Top 10 im Russell 1000 Growth und im Russell 1000 Value an, findet man dieselben Titel. So sind Amazon, Apple und Microsoft, ein Titel aus den Portfolios unserer Mandate wie dem Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen und des Frankfurter UCITS-ETF – Modern Value, die TOP 3 gewichteten Aktien im Value-Index. Und alle drei sind auch in den Top 10 des Growth-Index. Wie kann das sein?
Microsoft, die perfekte Value-Aktie
Nehmen wir unseren Portfolio-Wert Microsoft. Was macht den Tech-Riesen zu einem Star des Value-Segments? Nun, Microsoft wird von vielen modernen Investoren als Value-Wert eingestuft, weil das Unternehmen trotz starker Wachstumsimpulse fundamentale Eigenschaften einer klassischen Substanzaktie besitzt: krisensichere Ertragsströme, eine äußerst hohe Profitabilität sowie eine dominante Marktposition. Obwohl Microsoft historisch und indexbasiert oft als Wachstumsaktie gilt, verschwimmt die Grenze durch das Konzept des „Growth at a Reasonable Price“ (GARP) zunehmend. Zusätzlich führten jüngste Kurskorrekturen ausgelöst durch Sorgen über die massiven Investitionen in KI-Infrastruktur dazu, dass die Bewertungsmultiplikatoren im Branchenvergleich auf ein Niveau gesunken sind, das Value-Investoren gezielt als Einstiegschance nutzen.
Dazu kommt, was für uns als Value-Investoren wichtig ist: dass das Unternehmen einen tiefen, schützenden Burggraben besitzt. Und den hat Microsoft. Etwa durch hohe Wechselkosten: Betriebssysteme wie Windows und Bürosoftware wie Office 365 sind so tief im globalen Enterprise-Sektor verankert, dass ein Wechsel zu Konkurrenten immense Kosten und Risiken birgt. Hinzu kommen Netzwerkeffekte und Kundendaten. Mit über 400 Millionen zahlenden Nutzern und extrem vielen Unternehmensdaten verfügt Microsoft über eine Datenbasis, die Wettbewerber kaum einholen können. Nimmt man noch die wiederkehrenden Umsätze durch das Geschäft mit Cloud-Abonnements (Azure) und Software-as-a-Service (SaaS), dann generiert Microsoft kontinuierliche und hohe, prognostizierbare Einnahmen. Azure übertrifft allein in diesem Jahr die Marke von 100 Milliarden Dollar Umsatz. Und last but not least: Trotz des aktuellen KI-Wettrüstens und gestiegener Investitionsausgaben weist das Unternehmen fundamentale Kennzahlen auf, die weit über dem Marktdurchschnitt liegen: So liegt die Gross Margin stabil bei über 65 Prozent und die Net Profit Margin bei beeindruckenden 40 Prozent. Kurzum: Microsoft ist eine perfekte Value-Aktie, auch weil kontinuierlich Dividenden ausgeschüttet werden und durch Aktienrückkaufprogramme Kapital an die Anleger zurückzugeben wird. Das trifft in ähnlicher Form auch auf unseren anderen Portfoliowert Alphabet zu.
Klassische Value-Titel schwächeln
Das hat aber auch noch andere Folgen: Denn klassische Substanzwerte wie Coca-Cola oder Comcast prägen den Russell 1000 Value Index laut MarketWatch kaum noch. Es sind ausgerechnet Technologiewerte, die den Value-Index treiben. Und behält man diese Zusammensetzung bei, könnte die Value-Rally noch eine ganze Weile andauern.
Denn das Marktumfeld verschiebt sich zunehmend zugunsten von Unternehmen mit soliden Cashflows, moderaten Bewertungen und laufenden Erträgen. Während viele reine Wachstumsaktien stark von hohen Gewinnerwartungen und der Bereitschaft der Anleger abhängen, für zukünftige Gewinne hohe Preise zu zahlen, sind Value-Unternehmen stärker über ihre aktuellen Gewinne, Dividenden und freien Cashflow bewertet. Gerade bei weiterhin hohen Zinsen ist das ein Vorteil: Höhere Diskontsätze belasten langfristig erwartete Gewinne stärker und machen heute erzielte Erträge attraktiver.
MSCI World Value: KGV von rund 15
Hinzu kommt, dass die Bewertung vieler Value-Aktien trotz der bereits guten Entwicklung weiterhin attraktiv ist. Der MSCI World Value weist aktuell ein erwartetes KGV von rund 15 auf. Ein weiterer Faktor ist die hohe Konzentration der großen Aktienindizes auf wenige Mega-Cap-Technologiewerte. Sollte die Begeisterung für KI-Aktien nachlassen oder die hohen Gewinnerwartungen nicht erfüllt werden, könnte Kapital in bislang weniger beachtete, günstiger bewertete Unternehmen umgeschichtet werden. Denn nicht jeder Tech-Wert wird so gute Zahlen vorlegen, wie NVIDIA gerade gezeigt hat.
Fazit: Value bedeutet nicht automatisch „alte Wirtschaft“ – entscheidend ist, dass der Markt den tatsächlichen Wert eines Unternehmens unterschätzt. Allerdings bleiben Value-Aktien kein Selbstläufer: Entscheidend ist, echte Qualitätsunternehmen von sogenannten Value Traps zu unterscheiden. Genau darauf liegt auch unser Fokus.
Häufige Fragen zu Microsoft und Value-Aktien
Ist Microsoft eine Value-Aktie?
Microsoft kann heute auch als Value-Aktie gelten. Dafür sprechen hohe und wiederkehrende Cashflows, starke Margen, eine dominante Marktposition und ein breiter wirtschaftlicher Burggraben. Gleichzeitig wächst das Unternehmen weiter, sodass Microsoft Eigenschaften von Value- und Growth-Aktien miteinander verbindet.
Warum können Aktien gleichzeitig Growth und Value sein?
Growth und Value schließen sich nicht gegenseitig aus. Ein Unternehmen kann stark wachsen und zugleich profitabel, cashflowstark und vernünftig bewertet sein. Deshalb können große Technologiekonzerne wie Microsoft je nach Indexmethodik sowohl in Growth- als auch in Value-Indizes vertreten sein.
Woran erkennt man eine gute Value-Aktie?
Eine gute Value-Aktie ist nicht einfach nur günstig. Entscheidend sind solide Gewinne, verlässliche freie Cashflows, eine starke Bilanz, Wettbewerbsvorteile und eine Bewertung unterhalb des langfristig gerechtfertigten Unternehmenswerts. Diese Qualitätsmerkmale helfen dabei, echte Value-Chancen von Value Traps zu unterscheiden.
Von Frank Fischer, Vorstandsvorsitzender und CIO bei Shareholder Value Management AG
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