Frank Fischer: Preissetzungsmacht hebelt Energiepreise und Inflation aus

Der Iran-Konflikt treibt Öl- und Gaspreise nach oben und erhöht den Inflationsdruck in den USA und Europa. Frank Fischer, CIO von Shareholder Value Management, erklärt, welche Folgen der Energieschock für Fed, EZB und Aktienmärkte hat und warum er weiter auf europäische Qualitätsaktien setzt. Shareholder Value Management AG | 14.09.2026 08:12 Uhr
Frank Fischer, Vorstandsvorsitzender und CIO bei Shareholder Value Management AG / © e-fundresearch.com / Shareholder Value Management AG
Frank Fischer, Vorstandsvorsitzender und CIO bei Shareholder Value Management AG / © e-fundresearch.com / Shareholder Value Management AG

Die neue Gewalt im Iran-Konflikt und ein Ölpreis von über 100 US-Dollar lassen die Kurse an den Börsen dies und jenseits des Atlantiks nachgeben. Doch ist alles nur halb so schlimm?

Studie zeigt: Schließung der Straße von Hormus trifft vor allem die Golfregion

Zumindest für die Unternehmen scheint der Öl-Schock verkraftbar. Selbst eine dauerhafte Schließung der Schiffspassage durch das Rote Meer oder der Straße von Hormus dürfte die Weltwirtschaft nur begrenzt belasten – zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Banque de France, die die Folgen gestörter Schifffahrtsrouten modelliert. Die Autoren zeigen, dass komplette Schließungen an maritimen Nadelöhren ohne praktikable Ausweichrouten – wie der Straße von Hormus – deutlich größere wirtschaftliche Schäden für die Golfregion verursachen als an Routen mit Alternativen wie dem Suezkanal. Im Fall einer dauerhaften kompletten Schließung der Straße von Hormus würde das reale Einkommen in Katar um 3,9 Prozent und in Kuwait um 2,7 Prozent sinken. Die Analyse berücksichtigt jedoch ausschließlich den Seeverkehr. Können Öl- und Gasexporte über Pipelines, Züge oder Lastwagen umgeleitet werden, dürften die tatsächlichen wirtschaftlichen Kosten für die Golfregion geringer ausfallen als von der Studie geschätzt.

USA: Warten auf die nächste Fed-Sitzung

Für die USA gilt dagegen: Der hohe Ölpreis belastet die US-Wirtschaft spürbar. Teures Benzin, sowie Diesel, Transport und Produktion treiben die Inflation. Verbraucher haben weniger Kaufkraft, Unternehmen höhere Kosten. Gleichzeitig profitieren US-Ölproduzenten von den hohen Preisen. Entscheidend ist, wie lange das Preisniveau anhält: Ein längerfristiger Schock könnte Wachstum bremsen und die Zinsen länger hochhalten. Mal schauen, wie die US-Notenbank in dieser Woche darauf reagiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Fed die Zinsen in dieser Woche anhebt, liegt bei über 60 Prozent.

Gaspreise seit Juni fast verdoppelt

Und wie steht es um den hohen Gaspreis? Die europäischen Gaspreise sind seit Ende Juni um mehr als 90 Prozent gestiegen. Treiber des Anstiegs sind vor allem der anhaltende Konflikt im Persischen Golf, die zunehmende Konkurrenz um Flüssiggaslieferungen und die niedrigen Füllstände europäischer Gasspeicher. Für den breiten europäischen Aktienmarkt erscheinen die Auswirkungen jedoch überschaubar: Energiekosten entsprechen bei STOXX-600-Unternehmen im Durchschnitt nur rund einem Prozent der Umsätze. Energieunternehmen und Teile des Versorgersektors profitieren sogar von höheren Gaspreisen. Gegen ein breites Gewinnrisiko spricht zudem, dass Analysten im vergangenen Monat ihre Gewinnerwartungen für neun der elf STOXX-600-Sektoren angehoben haben. Ob steigende Gaspreise den positiven Gewinntrend bremsen können, wird sich allerdings erst mit den Unternehmensberichten zum dritten Quartal Ende Oktober genauer beurteilen lassen.

Inflationsbekämpfung hat für EZB höchste Priorität

Nichtsdestotrotz: Die hohen Energiepreise treiben die Inflation in Euroland. Zuletzt lag die Rate bei 3,3 Prozent. Entsprechend hat die Europäische Zentralbank die Zinsen um 25 Basispunkte auf 2,5 Prozent erhöht. Für die Märkte kam der Schritt nicht überraschend. Investoren hatten die Erhöhung vollständig eingepreist. Die Bekämpfung der Inflation hat für die EZB nun mal oberste Priorität. Denn zugleich hob sie ihre Inflationsprognosen für 2027 und 2028 leicht an und erwartet für 2026 und 2027 ein höheres Wirtschaftswachstum als noch im Juni. Da die Inflation laut den Währungshütern voraussichtlich länger deutlich über dem Zielwert von zwei Prozent bleiben wird, rechnen die Terminmärkte bis Juni 2027 mit drei weiteren Zinsschritten um jeweils 0,25 Prozentpunkte.

Qualitätsaktien mit Preissetzungsmacht im Fokus

So kam die Zinserhöhung für uns auch wenig überraschend. Wir haben unsere Mandate wie den Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen und den Frankfurter UCITS-ETF – Modern Value entsprechend darauf ausgerichtet. So bleiben wir im Verhältnis zu US-Aktien in Europa übergewichtet, und zwar in Unternehmen, die einen Burggraben um ihr Geschäftsmodell aufgebaut haben und damit über Preissetzungsmacht verfügen. So können Inflation und Energieschocks besser aufgefangen werden. Etwa bei Finanzwerten wie der Allianz, der Münchner Rück oder der Deutschen Börse. Im Fokus stehen dabei Qualitätsaktien. Bei denen stehen solide Gewinne, verlässliche freie Cashflows, eine starke Bilanz, die oben genannten Wettbewerbsvorteile sowie eine Bewertung unterhalb des langfristig gerechtfertigten Unternehmenswerts im Vordergrund. Aktien, die dem momentanen Marktumfeld trotzen können.

Häufige Fragen zur aktuellen Börsenrally

Warum hält die Börsenrally trotz geopolitischer Risiken weiter an?

Ein wesentlicher Grund ist die starke Gewinnentwicklung der Unternehmen. Die Gewinne der im S&P 500 vertretenen US-Konzerne stiegen im zweiten Quartal laut Factset um 47 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Damit verzeichneten die Unternehmensgewinne bereits das siebte Quartal in Folge ein zweistelliges Wachstum.

Welche Rolle spielen Inflation und Zinspolitik für die US-Aktienmärkte?

Die zuletzt moderatere Entwicklung der US-Inflation hat für Erleichterung an den Märkten gesorgt. Besonders die Kerninflation fiel mit einem Anstieg von 2,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr vergleichsweise niedrig aus. Dadurch wird eine kurzfristige Zinserhöhung der US-Notenbank Fed weniger wahrscheinlich, was den Gegenwind für Aktien begrenzt.

Warum sind europäische Aktien derzeit für Anleger interessant?

Europäische Unternehmen haben in der Berichtssaison positiv überrascht und sind gleichzeitig deutlich günstiger bewertet als US-Aktien. Laut JP Morgan Asset Management beträgt der Bewertungsabschlag gegenüber dem US-Markt rund 35 Prozent. Auch innerhalb vieler einzelner Branchen werden europäische Unternehmen mit erheblichen Abschlägen gehandelt.

Bedeutet der Fokus auf Europa, dass US-Aktien nicht mehr attraktiv sind?

Nein. Trotz der attraktiven Bewertungen in Europa bleiben ausgewählte US-Unternehmen interessant. Entscheidend ist eine ausgewogene Mischung aus qualitativ hochwertigen Unternehmen aus verschiedenen Regionen. Neben europäischen Titeln können deshalb auch US-Unternehmen wie Microsoft, Adobe oder Alphabet weiterhin Bestandteil eines breit aufgestellten Portfolios sein.

Von Frank Fischer, Vorstandsvorsitzender und CIO bei Shareholder Value Management AG

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