Disruptive Giganten: Wo Anleger jetzt Chancen finden

Die nächste Welle des Wandels ist in vollem Gange. Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und geopolitische Veränderungen definieren sowohl Märkte als auch Geschäftsmodelle neu. Aber worauf sollten Anleger jetzt achten? Um die Gewinner von morgen zu identifizieren, müssen thematisch orientierte Anleger verstehen, wie sich disruptive Veränderungen entfalten, erklärt Lei Qiu, Head—Thematic Equities bei AllianceBernstein. Wie ein aktiver, thematischer Investmentansatz dabei helfen kann, die Marktführer von morgen bereits heute zu identifizieren, erklärt die Expertin in ihrem Marktkommentar. AllianceBernstein | 15.07.2026 07:46 Uhr
Lei Qiu, Head—Thematic Equities bei AllianceBernstein / © e-fundresearch.com / AllianceBernstein
Lei Qiu, Head—Thematic Equities bei AllianceBernstein / © e-fundresearch.com / AllianceBernstein

Neue Technologien und geopolitische Spannungen haben sich zu mächtigen und disruptiven Kräften entwickelt. Geschäftsmodelle, globale Lieferketten und die Wirtschaft werden durch sie neu definiert. Diese tiefgreifenden Veränderungen stellen die Wettbewerbsdynamik branchenübergreifend auf den Kopf und lenken Kapitalflüsse in Höhe von Billionen Dollar um. Dadurch werden die Quellen langfristiger Aktienrenditen neugestaltet.

Unternehmen zu kaufen, die vom neuesten Trend profitieren ist einfach. In den Wandel zu investieren ist dagegen nicht so leicht. Um die Gewinner von morgen zu identifizieren, müssen thematisch orientierte Anleger verstehen, wie sich disruptive Veränderungen entfalten. Und darüber hinaus einen disziplinierten Aktienauswahlprozess anwenden, der auf Fundamentalanalysen und einem umsichtigen Risikomanagement basiert.

Die neue disruptive Generation

Inmitten dieses Wandels entsteht eine neue Generation disruptiver Unternehmen. Diese Unternehmen reichen von wachstumsstarken Newcomern, die durch Innovation etablierte Marktstrukturen herausfordern, bis hin zu profitablen Marktführern, die von expandierenden Endmärkten profitieren. Zwar werden viele dieser Unternehmen mit der KI-Revolution in Verbindung gebracht, doch Umbrüche sind in jedem Sektor und jeder Branche zu finden.

Disruptive Innovationen stehen in einer vollständig digitalisierten Welt direkt vor der Tür, und das Tempo ihrer Einführung beschleunigt sich (Grafik 1). In den meisten Fällen verläuft Innovation aber nicht linear und sowohl das Ausmaß als auch die Dauer des exponentiellen Wachstums werden in Konsensschätzungen häufig unterschätzt. Diese Kluft zwischen Erwartungen und Realität stellt für aktive Anleger eine wichtige Quelle für Chancen auf Mehrrendite dar. Primär, weil Kursbewegungen in der Regel auf positive Gewinnüberraschungen und Aufwärtskorrekturen folgen.

Grafik 1: Im digitalen Zeitalter steht die disruptive Innovation vor der Tür

Quelle: AllianceBernstein

Die Dynamik von Innovation

Investitionen in solche Innovationen erfordern eine gründliche Fundamentalanalyse und ein umsichtiges Risikomanagement – vielleicht sogar noch mehr als in anderen Marktbereichen. Entscheidend ist, zukünftige Marktführer genau dann zu identifizieren, wenn sie den Wendepunkt der „Innovations-S-Kurve“ erreichen. An diesem Punkt durchläuft ein Unternehmen eine Phase schneller Marktakzeptanz, die die Erwartungen durchweg übertrifft (Grafik 2). Letztendlich kann aber nicht jedes schnell wachsende Unternehmen eine dauerhafte, langfristige Rentabilität sichern.

Grafik 2: Der Schlüssel zur Disruption: Schnelle Einführung und Wachstum

Quelle: AllianceBernstein

Viele Schlagzeilen konzentrieren sich gerade auf disruptive Entwicklungen und das Ausmaß des KI-Ausbaus. Das veranlasst Markteilnehmer dazu, die Langlebigkeit des KI-Booms infrage zu stellen. Angesichts der sich wandelnden Stimmung hinsichtlich der Investitionsausgaben und der kurzfristigen Gewinnerwartungen lautet die entscheidende Frage für Anleger: Welche Unternehmen können die Einführung von KI im Laufe der Zeit in nachhaltige Umsätze, Margen und Gewinne umwandeln? Der Prozess der Entdeckung neuer KI-Anwendungsmöglichkeiten hat gerade erst begonnen. Die bisherigen Nutzungszahlen großer Sprachmodelle deuten darauf hin, dass KI zu den am schnellsten verbreiteten Technologien überhaupt zählt – mit bereits spürbaren Auswirkungen auf etablierte Geschäftsmodelle.

Disruptoren gehen über die Technologie hinaus

Disruption ist jedoch mehr als nur eine technologische Entwicklung. In dem aktuellen Umfeld, in dem sowohl in neuen als auch in etablierten Branchen neue Marktführer entstehen, sind Strategien mit mehreren Schwerpunkten besonders relevant.

Ein typisches Beispiel: Im digitalen Zeitalter spielen physische Vermögenswerte nach wie vor eine wichtige Rolle. Tatsächlich befinden wir uns derzeit in einer derart kapitalintensiven Phase des Konjunkturzyklus, dass die Möglichkeiten der physischen Welt die Entwicklung der digitalen Welt einschränken. Die kritische Infrastruktur, die die Stromversorgung, die Automatisierung und globale Handelsnetzwerke unterstützt, wurde zu wenig ausgebaut. Es ist absehbar, dass sich das Chancenpotenzial über die Informationstechnologie hinaus auf die Bereiche Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, industrielle und medizinische Innovationen sowie die Energiewende erstreckt und damit weitere Quellen für Renditepotenzial bietet (Grafik 3).

Grafik 3: Zwei Hauptkräfte sorgen für einen langfristigen Trend zugunsten disruptiver Innovatoren

Quelle: AllianceBernstein

Wie können Aktienanleger die Vorteile des thematischen Investierens für sich nutzen?

Anleger, die das Potenzial disruptiver Entwicklungen durch thematisches Investieren nutzen möchten, sollten eine dreigleisige Strategie verfolgen.

1. Thematisches Investieren mit Fokus auf nachhaltiges Gewinnwachstum
Ein themenübergreifender Ansatz kann dabei helfen, ein breiteres Spektrum an Renditeströmen zu erschließen und das Konzentrationsrisiko gleichzeitig zu verringern. Disruptive Innovationen beschränken sich längst nicht mehr auf Hyperscaler und Chiphersteller. Sie entstehen in nahezu allen Sektoren – und eröffnen Anlegern ein deutlich breiteres Chancenspektrum.

2. Aktives Management in Betracht ziehen
Ein aktives, thematisches Management kann überzeugende Themen ausfindig machen, etablierte Marktführer mit aufstrebenden Innovatoren ausgleichen und sowohl das Bewertungs- als auch das Konzentrationsrisiko steuern. Das Ziel ist es nicht, Veränderungen hinterherzujagen, sondern Disruption in eine durchdachtere und widerstandsfähigere Aktienallokation umzuwandeln. Das kann durch das Beobachten von Gewinnrevisionen erreicht werden, da sich unter den besten Anlagen in der Regel Aktien mit unterschätztem Wachstumspotenzial befinden. Anleger müssen zudem Geschäftsmodelle genau unter die Lupe nehmen, um festzustellen, ob eine gefragte Aktie nur ein vorübergehender Trend ist oder Teil eines größeren strukturellen Wandels. Zentrale Faktoren sind dabei ein langfristiger Wettbewerbsvorteil, eine nachhaltige Preissetzungsmacht und eine Gewinnbasis.

3. Die Abhängigkeit von traditionellen defensiven Werten reduzieren
Selbst Geschäftsmodelle, die lange Zeit als defensiv galten, können von einer schnellen und tiefgreifenden Veränderung betroffen sein. Dies spricht dafür, „sichere“ Marktbereiche aus einer zukunftsorientierten Perspektive neu zu bewerten, statt sich auf historische Einstufungen zu verlassen.

Warum Benchmarks zukünftige Marktführer möglicherweise übersehen

Anleger, die darauf hoffen, disruptive Unternehmen zu identifizieren, bevor sie durchstarten, können von passiven Strategien, die sich streng an Referenzindizes orientieren, enttäuscht werden.

In Zeiten des Umbruchs verpassen diese Strategien häufig zukünftige Innovatoren. Das liegt daran, dass viele dieser Indizes rückblickend ausgerichtet sind, da sie auf der Grundlage historischer Daten zusammengestellt werden. In der Regel erhalten Unternehmen, deren Wert bereits gestiegen ist, eine höhere Gewichtung im Index, während Unternehmen mit unterdurchschnittlicher Wertentwicklung eine geringere Gewichtung erhalten. Deshalb kann eine solche Strategie zukünftige Umbrüche zum Zeitpunkt des Wendepunkts nicht berücksichtigen. Ein aktiver, thematischer Ansatz ist besser geeignet, um die innovativsten Unternehmen zu identifizieren – lange bevor sie sich in passiven Benchmarks widerspiegeln.

In einem von Disruption geprägten Markt reicht der Blick auf die Gewinner von gestern nicht aus. Die nächsten Marktführer können aus vielen Bereichen hervorgehen – oft dort, wo Benchmarks sie noch nicht vollständig abbilden. Wer sie identifizieren will, braucht einen fundamentalen, researchbasierten Ansatz. Für Anleger kann Thematic Investing deshalb ein wirkungsvolles Instrument sein, um strukturellen Wandel in langfristiges Wachstum zu übersetzen.

Von Lei Qiu, Chief Investment Officer —Thematic Innovation Equities bei AllianceBernstein

Über die Autorin: Lei Qiu ist verantwortlich für das Portfolio International Technology und seit 2016 Portfoliomanagerin bei AB. Zuvor war Lei Qiu Senior Research Analystin mit Schwerpunkt auf den Sektoren Technologie, Medien und Telekommunikation.

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