Nachhaltigkeit bei US-Small- und Mid-Caps: Chancen im politischen Gegenwind

Lina Arrifi, Expertin für verantwortungsbewusstes Investieren, und Michel Bourgon, Fondsmanager bei DPAM, analysieren Chancen bei US-Small- und Mid-Caps trotz ESG-Gegenwind, KI-Boom und steigendem Strombedarf. DPAM | 28.05.2026 10:15 Uhr
Lina Arrifi und Michel Bourgon, DPAM / © e-fundresearch.com / DPAM
Lina Arrifi und Michel Bourgon, DPAM / © e-fundresearch.com / DPAM

Die politisierte Debatte um ESG-Investments in den USA ist viel mehr als ein Rückschlag für das Thema. Einige Bundesstaaten stellen die ESG-Integration bei öffentlichen Pensionsfonds in Frage, andere unterstützen Klima-Investitionen, saubere Energien und nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungspflichten. Wie Anleger Chancen nutzen können, die sich daraus ergeben, untersuchen Lina Arrifi (Expertin für verantwortungsbewusstes Investieren) und Michel Bourgon (Fondsmanager) von DPAM:

Geopolitische Spannungen, Bedenken hinsichtlich der Energiesicherheit und Störungen in der Lieferkette rücken Nachhaltigkeitsaspekte in den Fokus. Die jüngsten Krisen haben die Anfälligkeit globaler Energiesysteme deutlich gemacht und die Bemühungen beschleunigt, Energiequellen zu diversifizieren, die Infrastruktur widerstandsfähiger zu machen und die Abhängigkeit von importierten Brennstoffen zu verringern.

Für Unternehmen sind die Risiken im Zusammenhang mit Menschenrechten, Embargos, kritischen Rohstoffen, konzentrierten Lieferketten sowie zuverlässigen Ressourcen gestiegen.

KI, digitale Infrastruktur und steigender Strombedarf

Diese Entwicklung wird im Wettlauf um Tech/KI-Führungspositionen durch die enormen Investitionssummen amerikanischer Technologie-Unternehmen noch deutlicher. Die rasante Ausbreitung der KI wird den Strombedarf bis 2030 wahrscheinlich verdoppeln. Um diesen zu decken, sind nicht nur zusätzliche Erzeugungskapazitäten erforderlich, sondern auch erhebliche Investitionen in die Netzinfrastruktur, Speicherkapazitäten, Effizienzsteigerungen und die Systemresilienz. In den USA machen erneuerbare Energien den größten Teil der neu hinzukommenden Erzeugungskapazitäten aus. Fossile Brennstoffe spielen dabei weiterhin ihre Rolle.

Der Ausbau der digitalen Infrastruktur ist untrennbar mit Investitionen in Energiesysteme verbunden. Andere Ressourcen, insbesondere Wasser, sind ebenfalls von entscheidender Bedeutung. ESG-Kriterien sind dabei nicht nebensächlich, sondern fest verankert.

US-Small- und Mid-Caps als Wegbereiter für die Infrastruktur

US-Small- und Mid-Cap-Unternehmen sind wichtige Wegbereiter für den Wandel der Energie- und digitalen Infrastruktur. Sie sind mit Industrie- und Ingenieursdienstleistungen, elektrischen Systemen, Wärmemanagement und Netzinfrastruktur direkt an der Erweiterung von Rechenzentren, der Modernisierung der Industrie und der Aufrüstung von Übertragungs- und Verteilungsnetzen beteiligt.

Sie profitieren von steigenden Investitionsausgaben. Sie erzielen häufig messbare ESG-Effizienzsteigerungen, sei es bei Gebäuden, Wärmemanagementsystemen oder industriellen Prozessen. Diese Rolle schafft die Verbindung zwischen Nachhaltigkeitsaspekten und finanziellen Ergebnissen.

Derzeit dürften Chancen eher bei Unternehmen liegen, die die Elektrifizierung, den Ausbau der digitalen Infrastruktur, Effizienzsteigerungen und die Modernisierung des Stromnetzes ermöglichen, als bei den Eigentümern der Erzeugungsanlagen selbst. Kleinere und mittelständische Unternehmen können von einer größeren operativen Flexibilität profitieren – sie passen sich schneller an neue Technologien, Kundennachfrage und regulatorische Änderungen an.

Um die besten Chancen zu identifizieren, muss man mehr analysieren als die aktuellen Produkte und Dienstleistungen. An die Stelle von Nachhaltigkeitsbehauptungen treten konkrete Ergebnisse und finanzielle Wesentlichkeit. Auch zukunftsorientierte Rahmenwerke spielen eine Schlüsselrolle. Die Ausrichtung auf Netto-Null-Ziele oder die Validierung durch Initiativen wie die Science Based Targets Initiative bieten Einblicke in die Glaubwürdigkeit der Unternehmen.

Fazit: Analyse wird wichtiger

Eines wird in der ESG-Debatte oft übersehen: Viele Nachhaltigkeitstrends werden heute eher von wirtschaftlicher Notwendigkeit als von der Politik getrieben. Der Aufstieg der KI, der steigende Strombedarf, Bedenken hinsichtlich der Energiesicherheit und eine alternde Infrastruktur schaffen langfristige Investitionsbedürfnisse. Der Schwerpunkt der Energiewende liegt inzwischen auf Resilienz, Erschwinglichkeit, Zuverlässigkeit und Effizienz. Die Wertschöpfung erstreckt sich immer mehr über die Stromerzeugung hinaus.

US-Small- und Mid-Cap-Unternehmen sind gut positioniert, um von diesen Trends zu profitieren, da sie von den inländischen Investitionszyklen und spezialisierten industriellen Aktivitäten profitieren. Marktschwankungen und politische Unsicherheit fordern dabei eine disziplinierte Analyse und strengere Offenlegungspraktiken, wobei der Schwerpunkt auf messbaren finanziellen Ergebnissen liegt. Eine transparente klimabezogene Berichterstattung ist ebenfalls unerlässlich.

von Lina Arrifi und Michel Bourgon, DPAM

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