Historisch betrachtet haben Märkte auf geopolitische Konflikte meist in relativ vorhersehbarer Weise reagiert. In der ersten Phase dominieren in der Regel Risikoaversion, erhöhte Volatilität und steigende Energiepreise. Bleiben Konflikte jedoch geografisch begrenzt und zeitlich überschaubar, fällt die gesamtwirtschaftliche Belastung häufig moderat aus. Die Aktienmärkte stabilisieren sich in solchen Fällen vergleichsweise rasch und orientieren sich wieder an den makroökonomischen Trends und Gewinnerwartungen, die bereits vor Ausbruch des Konflikts bestimmend waren.
Bislang folgt die Marktreaktion auf den Konflikt mit dem Iran weitgehend diesem historischen Muster. Anleger haben zunächst defensivere Positionierungen eingenommen, während die Energiepreise aufgrund von Befürchtungen über mögliche Angebotsstörungen und eine breitere Instabilität in der Region gestiegen sind. Eine anhaltende Phase von Panik oder ungeordneten Marktverwerfungen ist bislang jedoch ausgeblieben.
Die kommenden Wochen dürften daher eine entscheidende Rolle spielen. Die Finanzmärkte scheinen derzeit von einer gewissen Deeskalation auszugehen – eine Erwartung, die sich bereits in den Terminmärkten für Energie widerspiegelt. Sollten sich die Energiemärkte weiter stabilisieren, dürfte der Fokus der Anleger wieder stärker auf Wachstumsperspektiven, Gewinndynamik und dem anhaltenden Investitionszyklus rund um künstliche Intelligenz zurückkehren.
Das grössere Risiko würde entstehen, wenn sich der Konflikt hinzieht oder weiter eskaliert. Ein anhaltender Energieschock hätte weitreichendere Folgen für Inflation und Konsum. Steigende Energiepreise würden die Kaufkraft schmälern und könnten den Druck auf die Zentralbanken erhöhen, die ohnehin vor der schwierigen Aufgabe stehen, Wachstum zu stützen und gleichzeitig die Inflation einzudämmen. In einem solchen Szenario dürfte die Marktvolatilität länger erhöht bleiben und risikoreiche Anlageklassen könnten unter stärkeren Belastungen stehen.
Trotz dieses unsicheren geopolitischen Umfelds hat das Ausmass und die Robustheit der Investitionen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz bislang die Erwartungen übertroffen. Die Investitionsausgaben in Rechenzentren, Halbleiter, digitale Infrastruktur und Energieversorgungskapazitäten wachsen weiterhin dynamisch und unterstützen sowohl das Wirtschaftswachstum als auch die Unternehmensgewinne – trotz geopolitischer Unsicherheiten.
In vielerlei Hinsicht überwiegt die Dynamik rund um künstliche Intelligenz derzeit die negativen Effekte des Iran-Konflikts. Anleger betrachten KI längst nicht mehr nur als Technologiethema, sondern als umfassenden Transformationsfaktor, der Produktivität, Profitabilität und die Führungsrollen an den Märkten in den kommenden Jahren grundlegend neu gestalten kann.
Zwei eng miteinander verknüpfte Fragen stehen derzeit im Zentrum der Aufmerksamkeit von Investoren.
Die erste betrifft die Belastbarkeit des aktuellen Investitionszyklus. Die Ausgaben für KI-Infrastruktur sind weiterhin aussergewöhnlich hoch, doch zunehmend diskutieren die Märkte, wie lange diese Beschleunigungsphase anhalten kann. Investoren beginnen zu hinterfragen, ob sich die erwarteten Renditen tatsächlich im Verhältnis zu den derzeit enormen Investitionen rechtfertigen lassen. Trotz anhaltendem Optimismus entwickeln sich die Märkte weg von der anfänglichen Euphorie hin zu einer kritischeren Bewertung der Nachhaltigkeit dieses Trends.
Die zweite Frage richtet sich auf die breiteren wirtschaftlichen Auswirkungen der KI-Nutzung. Investoren versuchen nun einzuschätzen, wie sich künstliche Intelligenz auf Margen, Produktivität und die Wettbewerbsfähigkeit in verschiedenen Branchen auswirken wird. Einige Unternehmen könnten von erheblichen Effizienzgewinnen und steigender Profitabilität profitieren, während andere mit Disruptionen oder wachsendem Wettbewerbsdruck konfrontiert sein könnten.
Die Auswirkungen reichen dabei weit über die Technologieunternehmen selbst hinaus. Ganze Geschäftsmodelle könnten neu entstehen, während andere nach und nach an Bedeutung verlieren. Auch die Arbeitsmärkte dürften sich spürbar verändern, da Automatisierung Beschäftigungsstrukturen und Lohndynamiken in vielen Branchen beeinflusst. In welchem Ausmass künstliche Intelligenz die wirtschaftliche Aktivität insgesamt prägt, wird letztlich darüber entscheiden, wo sich in den kommenden Jahren neue Marktführer herausbilden.
Grundsätzlich hat KI das Potenzial, das Produktivitätswachstum in der globalen Wirtschaft nachhaltig zu stärken. Dennoch ist unklar, wer am Ende den wirtschaftlichen Nutzen dieser Produktivitätsgewinne abschöpfen wird. Ein mögliches Szenario ist, dass Wettbewerbskräfte über die Zeit hinweg Überrenditen abschmelzen lassen, sobald KI-Technologien breiter verfügbar und zunehmend standardisiert werden. Ebenso denkbar ist jedoch, dass völlig neue Formen wirtschaftlicher Aktivität entstehen und dadurch zusätzliche Wachstumschancen in unterschiedlichen Sektoren geschaffen werden.
Gleichzeitig diskutieren die Märkte, ob die Unternehmen, die KI-Modelle und Infrastruktur entwickeln, langfristig weiterhin aussergewöhnlich hohe Gewinne erzielen können – oder ob sinkende Markteintrittsbarrieren den Wettbewerb intensivieren und die Preissetzungsmacht nachhaltig begrenzen. Die Antworten auf diese Fragen werden nicht nur für die Gesamtentwicklung der Aktienmärkte entscheidend sein, sondern auch bestimmen, welche Sektoren und Anlagestile in den kommenden Jahren die Führung übernehmen.
Neben geopolitischen Unsicherheiten rücken auch die Bewertungen zunehmend in den Fokus der Investoren. Was zunächst auf eine vergleichsweise kleine Gruppe führender Technologieunternehmen beschränkt schien, hat sich inzwischen deutlich auf die globalen Aktienmärkte ausgeweitet. Viele Sektoren und Regionen werden derzeit auf historisch erhöhten Bewertungsniveaus gehandelt.
Kurzfristig erweisen sich Bewertungen allerdings häufig als wenig verlässlicher Timing-Indikator. Die Marktentwicklung wird stärker von Gewinnerwartungen und Veränderungen in der Risikobereitschaft der Anleger geprägt als von Bewertungskennzahlen allein.
Solange die Gewinnentwicklung robust bleibt und Investoren zukünftiges Wachstum hoch gewichten, können erhöhte Bewertungen über längere Zeit bestehen.
Mittel- bis langfristig geht ein höheres Bewertungsniveau jedoch in der Regel mit geringeren zukünftigen Renditeerwartungen einher. Dies unterstreicht die Bedeutung von Diversifikation sowie die gezielte Nutzung relativer Bewertungsunterschiede zwischen Regionen und Anlagestilen.
Europäische Aktien werden weiterhin zu niedrigeren Bewertungen gehandelt als der US-Markt, während auch Schwellenländeraktien im Vergleich günstiger erscheinen. Allerdings weist jede Region eine unterschiedliche Sektor- und Unternehmensstruktur auf – insbesondere mit Blick auf Firmen, die derzeit als Profiteure der KI-Entwicklung gelten oder potenziell zurückbleiben könnten. Small Caps erscheinen zwar absolut betrachtet nicht besonders günstig, wirken nach mehreren Jahren der Underperformance im relativen Vergleich zu Large Caps jedoch zunehmend attraktiv.
Die Kombination aus erhöhten Bewertungen und Unsicherheit hinsichtlich der langfristigen Auswirkungen von KI unterstreicht, wie wichtig es ist, eine übermässige Konzentration in Portfolios zu vermeiden. Investoren dürften zunehmend gefordert sein, die Partizipation an KI-getriebenen Wachstumschancen mit einer breiten Diversifikation über Sektoren, Regionen und Marktkapitalisierungen in Einklang zu bringen.
Insgesamt dürften die Dynamik rund um KI sowie ein robustes Wirtschaftswachstum die Aktienmärkte kurzfristig weiterhin stützen. Gleichzeitig werden geopolitische Spannungen und erhöhte Bewertungen jedoch zunehmend schwerer zu ignorieren. Der Konflikt mit dem Iran verdeutlicht, dass externe Schocks die Anlegerstimmung rasch verändern können – insbesondere in einem Umfeld, in dem die Märkte bereits von hohen Wachstumserwartungen geprägt sind.
Von Didier Van De Veire, CIO Fundamental Equities bei DPAM
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