Nachhaltigkeit: Worauf es im Rest des Jahres ankommt

Ophelie Mortier, Chief Sustainable Investment Officer von DPAM, wirft einen Blick aus der Nachhaltigkeitsperspektive auf den Rest des Jahres. DPAM | 05.06.2026 11:47 Uhr
Ophélie Mortier, Chief Sustainable Investment Officer von DPAM / © e-fundresearch.com / DPAM
Ophélie Mortier, Chief Sustainable Investment Officer von DPAM / © e-fundresearch.com / DPAM

Energiekrisen, wechselhafte Signale aus der Politik und neue Regeln – Quellen für kurzfristige Ungewissheit gibt es reichlich. Langfristige Trends sind daher relevanter denn je: Dekarbonisierung, Energiewende, Digitalisierung und Klimaanpassung.

Unternehmen investieren ebenfalls langfristig. Sie wollen Energie und Ressourcen effizienter nutzen, Belegschaften angesichts der demografischen Veralterung bei der Stange halten und sicherstellen, dass sie inmitten der brisanten weltpolitischen Lage angemessen agieren.

Kurs halten in turbulenten Zeiten

Die jüngsten Entwicklungen zeigen, wie notwendig Dekarbonisierung, Energiewende und Kreislaufwirtschaft sind. Die Versuchung, Portfolios als Reaktion auf kurzfristige Ereignisse radikal umzuschichten, ist groß. Entscheidend aber ist, fokussiert zu bleiben und den Kurs zu halten.

Besonders herausfordernd sind die wechselnden politischen Signale und regulatorischen Bedingungen. Abrupte Veränderungen wie die Entscheidung der US-Regierung, Subventionen für die E-Fahrzeugindustrie zu streichen, können zu erheblichen Verlusten führen. Auch die mit der Übergangsfinanzierung verbundenen Risiken sind groß: Sowohl ein zu spätes als auch ein zu frühes Handeln kann problematisch sein.

Herausfordernd sind auch die ESG-Strategien selbst. Strategien, die den Ausschlusskriterien der Paris-Aligned Benchmark unterliegen, haben gelitten, weil sie Sektoren wie Energie und Verteidigung ausschließen. ESG ist jedoch nicht mit einem pauschalen Ausschluss dieser Sektoren gleichzusetzen. Der Energiesektor umfasst schließlich auch erneuerbare Energien, Speicherung, Batterien und Elektrifizierung.

Dekarbonisierung in der Stromerzeugung

Angesichts des „Accelerate EU“-Plans der Europäischen Kommission als Reaktion auf den Irankrieg bleiben die Signale für Batterien, Stromnetze und ausgewählte Segmente der industriellen Dekarbonisierung positiv. Der Plan trägt zur Dekarbonisierung der Stromerzeugung bei.

Auch weltweit geht die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen zurück, obwohl die Stromnachfrage wächst. Damit steigt das Übergangsrisiko für reine Kohleanlagen und im Laufe der Zeit auch für Gasanlagen.

Unternehmen mit starken Projektpipelines in den Bereichen Solar, Wind und Speicherung sowie solche, die langfristige Stromabnahmeverträge mit Technologieunternehmen abschließen können, sind im Vorteil. Netz- und Infrastrukturanbieter, die in Übertragungs-, Verteilungs- und Smart-Grid-Technologien investieren, sind ebenfalls gut positioniert, zumal der Ausbau von Solar- und Speicheranlagen in China und den USA rasch voranschreitet.

Im Zusammenhang mit diesen beiden Ländern stellen sich jedoch auch Fragen zu den sozialen (S) und governancebezogenen (G) Dimensionen von ESG. Erschwinglichkeit, Energiesicherheit, Genehmigungsverfahren und Marktgestaltung werden hier immer relevanter.

ESG im Wandel unter KI-Einfluss

Die ESG-Umsetzung entwickelt sich weiter. Kritik kam auf, weil die Sektoren Verteidigung und Energie im vergangenen Jahr am besten abschnitten. ESG bedeutet jedoch nicht, alle Energie- oder Verteidigungsunternehmen auszuschließen. Stattdessen geht es darum, Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Resilienz in Anlagestrategien und Risikomanagement zu integrieren.

KI und Digitalisierung verändern zudem die ESG-Risiken und -Chancen. Themenfonds für KI und Big Data haben hohe Mittelzuflüsse verzeichnet. KI-Lösungen verbessern die betriebliche Effizienz in Bereichen wie Smart-Grid-Management, Präzisionslandwirtschaft und Logistik sowie die Diagnostik und den Zugang zu Dienstleistungen im Gesundheitswesen („S“-Säule von ESG).

Der Ausbau der KI-Infrastruktur, insbesondere großer Rechenzentren, treibt jedoch den Energie- und Wasserverbrauch in die Höhe. Zudem sind KI-Modelle an der Verbreitung von Falschinformationen und dem Verlust von Arbeitsplätzen beteiligt, was die Notwendigkeit eines verantwortungsvollen Wandels in der Arbeitswelt unterstreicht.

Klimawandel: Anpassung an Auswirkungen

Die Anpassung an den Klimawandel wird als Anlagethema wichtiger, da sich Klimarisiken zunehmend auswirken. Die weltweiten Schäden werden auf rund 200 Mrd. US-Dollar pro Jahr geschätzt. Neue Wachstumschancen ergeben sich aus der Anpassung und Resilienz:

  • Wasser: Die Wasserknappheit verschärft sich. Unternehmen, die Technologien für Wasserrecycling, -aufbereitung und -verteilung anbieten, sind sowohl für die Klimaanpassung als auch für die Deckung des wachsenden Bedarfs in Sektoren wie Rechenzentren und Industrie entscheidend.
  • Infrastruktur: Die Notwendigkeit, die Infrastruktur vor extremen Wetterereignissen zu schützen, treibt die Nachfrage nach widerstandsfähigen Baumaterialien, Dämmstoffen und robuster Technik. Unternehmen, die Dämm- und Abdichtungsprodukte anbieten, sowie solche, die an Hochwasserschutz und widerstandsfähigen Verkehrsnetzen beteiligt sind (z. B. Anbieter von Engineering-Software), spielen eine Schlüsselrolle.
  • Katastrophen und Notfälle: Unternehmen, die Notfallreparaturen durchführen und Lieferketten widerstandsfähiger machen, gewinnen an Bedeutung. Der Umgang mit klimabedingten Störungen hat für viele Organisationen hohe Priorität.

Von Ophélie Mortier, Chief Sustainable Investment Officer von DPAM

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