Europas Wachstumsstrategie hart getroffen von der Energiekrise

Europa steckt wegen seiner Energieabhängigkeit in einer neuen Wachstumsfalle: Höhere, volatile Preise treffen ausgerechnet Verteidigung, Infrastruktur und Reindustrialisierung. Katharine Neiss (PGIM) warnt vor fiskalischem Druck. PGIM | 02.04.2026 10:55 Uhr
Katharine Neiss, Chief European Economist bei PGIM Fixed Income / © e-fundresearch.com / PGIM Investments
Katharine Neiss, Chief European Economist bei PGIM Fixed Income / © e-fundresearch.com / PGIM Investments

Europa zählt aufgrund seiner Energieabhängigkeit zu den Regionen, die am stärksten von der anhaltenden Energiekrise betroffen sind. Diese Anfälligkeit trifft Europas Wachstumsstrategie zu einem ungünstigen Zeitpunkt.

Der erwartete Wachstumsimpuls für die kommenden Jahre sollte von Verteidigungsausgaben, öffentlicher Infrastruktur und einer teilweisen Reindustrialisierung kommen. Diese Sektoren gehören zu den energieintensivsten Bereichen der Wirtschaft. Höhere und volatilere Energiepreise treffen daher genau die Bereiche, auf die sich die politischen Entscheidungsträger verlassen hatten, um Impulse zu setzen.

Im Gegensatz zur Zeit nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine dürfte der aktuelle Schock also in der Realwirtschaft spürbar sein, während die Inflation im Vergleich dazu relativ gedämpft bleibt und möglicherweise zwar noch Werte im mittleren einstelligen Bereich erreicht, aber weit hinter dem starken Anstieg nach 2022 zurückbleibt.

Höhere Energiepreise wirken wie ein klassischer Angebotsschock, der die Kosten für Haushalte und Produzenten erhöht und letztlich die Konjunktur belastet. Wachstumsbedenken dürften daher die nächste Phase der Marktpreisbildung dominieren, insbesondere wenn die angespannten finanziellen Rahmenbedingungen anhalten.

Die Entscheidungsträger der EZB haben das BIP-Wachstum für 2026 um rund 0,3 Prozentpunkte nach unten korrigiert, da höhere Energiekosten und Unsicherheit den Konsum und die Investitionen belasten. Italien zeigt diese Dynamik am deutlichsten. Die sich vor dem Konflikt abzeichnende Entwicklung hin zu größerer politischer Stabilität und solideren Haushaltsergebnissen steht nun unter Druck. Italiens hohe Abhängigkeit von LNG-Importen in Verbindung mit seiner energieintensiven, stark auf das verarbeitende Gewerbe ausgerichteten Wirtschaft bedeutet, dass anhaltende Energieversorgungsstörungen grundlegendere Fragen zum Wachstumsmodell des Landes aufwerfen.

Über Italien hinaus könne die geopolitische Dimension nicht ignoriert werden. Russland geht wirtschaftlich gestärkt aus diesem Konflikt hervor und profitiert von erhöhten Energieeinnahmen. Europas Entscheidung, russische LNG-Importe bis 2027 auslaufen zu lassen, stößt auf die Aussicht, dass Russland die Lieferungen einfach früher einstellen und anderswo zu höheren Preisen verkaufen könnte.

Dies erhöht auch die Dringlichkeit von Verteidigungsausgaben. Verpflichtungen wurden eingegangen, aber nur eine Handvoll Länder hat die Kosten dafür vollständig beziffert. Höhere Verteidigungsausgaben in Verbindung mit Energiehilfen für Haushalte und Unternehmen bergen das Risiko, die Staatshaushalte an ihre Grenzen zu bringen. Ohne eine gemeinsame fiskalische Reaktion werden diese Belastungen schwer in Einklang zu bringen sein.

Von Katharine Neiss, Chief European Economist bei PGIM Fixed Income

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