Die EZB‑Sitzung am Donnerstag fällt in ein Umfeld, in dem der Markt bereits weitgehend auf eine Anhebung um 25 Basispunkte eingestellt ist. Getrieben wird diese Erwartung durch eine zuletzt wieder beschleunigte Inflation, rund 3% im Jahresvergleich, sowie einen schwächeren Euro und eine spürbar hawkishere Rhetorik.
In unseren Augen erscheint ein solcher Schritt grundsätzlich plausibel, zumal die EZB ihren Ton zuletzt klar in Richtung Anpassungsbereitschaft verschoben hat. Gleichzeitig zeigen die realwirtschaftlichen Indikatoren ein zunehmend differenziertes Bild. Insbesondere die jüngsten PMI‑Daten deuten auf eine spürbare Nachfrageschwäche hin, vor allem im Dienstleistungssektor. Auffällig ist dabei die Divergenz zwischen deutlich steigenden Inputkosten und nur moderat anziehenden Outputpreisen, was auf eine begrenzte Preissetzungsmacht hindeutet. In unseren Augen spricht dies dafür, dass potenzielle Zweitrundeneffekte bislang nur eingeschränkt greifen und die Transmission höherer Kosten in die Breite der Wirtschaft noch nicht gesichert ist. Vor diesem Hintergrund bleibt die Entscheidung für uns weniger eindeutig, als es die Marktpreise nahelegen. Ein Zinsschritt erscheint in diesem Umfeld weiterhin plausibel, zugleich ist ein Zuwarten bis zur Juli-Sitzung unserer Meinung nach nicht unplausibel, um zusätzliche Klarheit über die Nachhaltigkeit der Energiepreisdynamik und die geopolitischen Implikationen zu gewinnen.
Für den Euroraum ergibt sich damit ein recht enger Entscheidungskorridor. Die unmittelbare Maßnahme bleibt offen, entscheidend dürfte vielmehr sein, wie die EZB den weiteren Pfad einordnet. In unseren Augen dürfte der Signalwert der Kommunikation den einzelnen Zinsschritt überlagern, zumal ein möglicher Schritt eher als „Insurance Hike“ verstanden werden dürfte denn als Beginn eines neuen Straffungszyklus. Langfristig bleiben jedoch die ökonomischen Realitäten entscheidend, in denen geldpolitische Anpassungen nur begrenzt auf angebotsseitige Schocks wirken. Vor diesem Hintergrund spricht vieles dafür, dass die EZB weiterhin auf Flexibilität und eine klar datenabhängige Ausrichtung setzen wird.
Von Konrad Kleinfeld, Leiter Fixed Income Distribution EMEA für SPDR ETFs bei dem Vermögensverwalter State Street Investment Management
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