Jüngste Kommentare von EZB-Mitgliedern deuten darauf hin, dass eine Mehrheit präventive Leitzinserhöhungen befürwortet, solange keine Lösung für die Wiederöffnung der Straße von Hormus in Sicht ist. Andere wiesen wiederum darauf hin, dass es bislang keine Zweitrundeneffekte gebe und die Konjunktur in der Eurozone nach wie vor schwach sei. Daher gehen wir davon aus, dass die EZB eher eine Anpassung der Geldpolitik vornehmen wird als einen Zinserhöhungszyklus einzuleiten. Wir rechnen in diesem Jahr mit zwei Zinserhöhungen sowie einer -senkung.
Der aktuelle Energieschock ist aus meiner Sicht nicht mit dem aus dem Jahr 2022 vergleichbar: Die Eurozone ist weniger abhängig von Öl – insbesondere aus dem Mittleren Osten – und es gibt weder Gasengpässe noch explodierende Lebensmittelpreise oder steigende Strompreise. Außerdem bestehen anders als nach Ausbruch des Ukrainekriegs keine Unterbrechungen der Lieferketten. Darüber hinaus erhöhen die Regierungen in der Eurozone ihre öffentlichen Ausgaben nicht, sondern senken vielmehr die Energiesteuern, um den Preisanstieg einzudämmen. Als weiterer Unterschied war die Wirtschaftstätigkeit bereits vor dem Iran-Konflikt schwach – im Gegensatz zu 2022, als sie sich mit dem Ende der Pandemie stark erholt hatte.
Wir erwarten vor diesem Hintergrund, dass die Gesamtinflationsrate in der Eurozone im Jahresvergleich unter 4 Prozent bleibt und die Kerninflationsrate nur leicht auf rund 2,5 Prozent steigt.
Renditen könnten sinken
Die Anleiherenditen sind bereits stark gestiegen und preisen fast drei Zinserhöhungen der EZB ein, ohne die Konjunkturabschwächung zu berücksichtigen. Damit haben sie fast ihr Höchstniveau von 2022 erreicht. Das belastet das Wirtschaftswachstum bereits deutlich. In diesem Marktumfeld müsste die EZB ihre Konjunktur- und Inflationsanalyse erläutern, die zu einer präventiven Geldpolitik geführt hat, um den Markt auf ihren datenabhängigen Ansatz einzustimmen. Dies würde trotz einer ersten Zinserhöhung für einen Rückgang der Anleiherenditen sprechen.
Das Abwärtsrisiko für das Wachstum dürfte die wichtigste Auswirkung des Iran-Konflikts sein – wobei der Anstieg der Energiepreise auf Öl begrenzt bleibt: Es drohen eine Eintrübung des Verbraucher- und Unternehmensvertrauens, eine Verzögerung der Erholung beim Konsum sowie verstärkter Stellenabbau. Der Konjunkturoptimismus zu Jahresbeginn stützte sich auf eine Erholung der Konsumausgaben, begünstigt durch eine überdurchschnittlich hohe Sparquote. Hinzu kommt, dass die KI-Entwicklung in der Eurozone im Vergleich zu den USA nur einen verschwindend geringen Beitrag zur Wirtschaftsleistung leistet. Wir sehen die faire Bewertung 10-jähriger Bundesanleihen fundamental daher weiterhin bei rund 2,5 Prozent. Technisch gesehen steht der Anleihenmarkt nach wie vor unter dem Druck eines hohen globalen Angebots – getrieben durch die USA, Japan, Großbritannien sowie den enormen Finanzierungsbedarf im Bereich KI. Da der verbleibende staatliche Finanzierungsbedarf in der Eurozone für das zweite Halbjahr unseres Erachtens gering ausfallen dürfte, halten wir 5- und 10-jährige Bundesanleihen bei Renditen von rund 2,75 Prozent beziehungsweise 3,0 Prozent für attraktiv.
Von Patrick Barbe, Head of European Investment Grade Fixed Income bei Neuberger
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