KI: Ein Sektor geprägt von regionalen Unterschieden

Künstliche Intelligenz bleibt eine zentrale Stütze der Aktienmärkte. François Rimeu, Senior Strategist bei Crédit Mutuel Asset Management, analysiert die Dynamik im KI-Ökosystem, makroökonomische Divergenzen zwischen den USA und Europa sowie die Folgen angespannter Öl- und Energiemärkte. La Française Systematic Asset Management | 05.06.2026 12:50 Uhr
François Rimeu, Senior Strategist, Crédit Mutuel Asset Management / © Crédit Mutuel Asset Management
François Rimeu, Senior Strategist, Crédit Mutuel Asset Management / © Crédit Mutuel Asset Management

Das KI-Ökosystem: Zuverlässige Stütze für Aktienmärkte?

Die Lage in der Straße von Hormus ist weiterhin angespannt, der Schiffsverkehr ist fast zum Erliegen gekommen, und dennoch bleiben die Aktienmärkte stabil. Der Grund dafür ist einfach und lässt sich in zwei Buchstaben zusammenfassen: KI.

Die Berichtssaison hat die sehr starke Dynamik des Sektors und vor allem die außergewöhnliche Profitabilität der Halbleiter- und RAM-Hersteller bestätigt. Dies ist ein globales Thema, der verdeutlicht, dass es derzeit wichtiger ist, in die vielversprechendsten Sektoren zu investieren, als sich auf die geografische Streuung zu konzentrieren. Zur Verdeutlichung: Es war besser, in Südkorea oder den USA zu investieren als in Europa, vor allem aber in Unternehmen wie TSMC oder ASML statt in den Gesundheits- oder Konsumgütersektor.

Die Frage ist nun, ob sich dieser Trend fortsetzen wird oder ob er allmählich zu weit geht. Bislang spiegelt der Kursanstieg dieser Unternehmen verbesserte Gewinnerwartungen wider, wobei sich die Bewertungen nicht grundlegend von denen unterscheiden, die vor zwei oder drei Jahren zu beobachten waren. Es ist zudem anzumerken, dass dies auf die meisten Aktienmärkte zutrifft: Die in diesem Jahr verzeichneten Kursgewinne sind eher auf Gewinnwachstum als auf eine Multiple-Expansion zurückzuführen.

Langfristig stellen sich jedoch mehrere Fragen, insbesondere die der Zirkularität, d. h. der Tatsache, dass die Ausgaben der einen die Einnahmen der anderen sind. Dabei handelt es sich in erster Linie um amerikanische Hyperscaler, die im Wesentlichen in ihrem eigenen Ökosystem agieren. Ob die Erträge aus diesen (noch ungewissen) Investitionen auf Dauer nachhaltig bleiben, ist fraglich. Zum Abschluss des KI-Themas sei schließlich noch der bevorstehende Börsengang von SpaceX erwähnt, dessen Unternehmenswert 2 Billionen US-Dollar erreichen könnte – das entspricht 6 % des US-BIP und würde das Unternehmen zu einem der zehn größten weltweit machen. Und das, obwohl es noch nicht profitabel ist. Die Summen, um die es hier geht, sind so hoch, dass mittlerweile alles, was mit KI zu tun hat, zu einer makroökonomischen Frage geworden ist.

Makroökonomische Divergenz zwischen den USA und Europa

Auf makroökonomischer Ebene fällt heute vor allem die unterschiedliche Entwicklung der Konjunktur in der Eurozone und den USA ins Auge, was sich in der Kluft zwischen den amerikanischen und europäischen Konjunkturüberraschungsindizes widerspiegelt. Die Gründe dafür sind recht einfach: Die USA profitieren in vollem Umfang vom Thema künstliche Intelligenz, das in Europa praktisch keine Rolle spielt, und sind zudem weitaus weniger von den steigenden Energiepreisen betroffen.

Da beide Regionen mit einer ähnlichen kurzfristigen Inflationsdynamik konfrontiert sind, stellen sich Fragen hinsichtlich der geldpolitischen Erwartungen. Über einen Zeithorizont von zwölf Monaten werden in der Eurozone zwei bis drei Zinssenkungen erwartet, verglichen mit nur einer in den USA. Die Ausgangsniveaus unterscheiden sich deutlich, doch das Risiko, dass sich steigende Energiepreise auf die Gesamtwirtschaft auswirken, scheint in Europa deutlich größer zu sein als in den USA. Die fiskalpolitischen Reaktionen der Regierungen, die bislang verhalten ausfielen, bleiben eine der Schlüsselvariablen für die Zinsdynamik in den kommenden Monaten.

Ein abschließendes Wort zur Lage im Nahen Osten und zum undurchsichtigen Ölmarkt. Es ist schwer einzuschätzen, ob das derzeitige Gleichgewicht, das auf einem Nachfrageeinbruch aus dem Nahen Osten und Asien in Kombination mit dem Abbau bestehender Lagerbestände beruht, auf Dauer Bestand haben wird, um die Versorgungslücke auszugleichen. Könnte es sein, dass wir uns in drei Monaten in einer Situation wiederfinden, in der die Meerenge noch immer gesperrt ist und der Ölpreis bei rund 90 US-Dollar liegt? Das scheint durchaus möglich.

In diesem von großer Unsicherheit geprägten Umfeld bleiben wir bei unseren Aktienallokationen nahe an den Benchmark-Gewichtungen. Wir halten weiterhin an unserer Übergewichtung bei Investment-Grade-Anleihen aus dem Euroraum fest und sehen Gold und Rohstoffe langfristig weiterhin positiv.

Juni Ausblick

Die Dynamik ist konstruktiv, und schon eine leichte Entspannung in der Straße von Hormus würde ausreichen, um die Indizes nach oben zu treiben, insbesondere in Europa. Der Juni wird vom Börsengang von SpaceX und der ersten Pressekonferenz von Kevin Warsh geprägt sein, die beide für eine gewisse Volatilität sorgen könnten.

Von François Rimeu, Senior Strategist, Crédit Mutuel Asset Management

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