
Die öffentliche Wahrnehmung in Europa ist seit geraumer Zeit vom Krisenmodus geprägt. Kriege und geopolitische Spannungen, Migration, hohe Staatsdefizite, steigende Verschuldung, Waldbrände, Stellenabbau in der Autoindustrie und politische Verwerfungen in Deutschland dominieren die Schlagzeilen. Der europäische Aktienmarkt hat darauf bislang erstaunlich gelassen reagiert. Der MSCI Europe Index ist seit August 2021 von rund 150 auf über 220 Punkte gestiegen. Das entspricht einem Plus von knapp 50 Prozent.
Das wirkt nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Europas Unternehmen befinden sich in der Breite mitnichten im Krisenmodus. Für 2026 werden für Europa derzeit fast 20 Prozent Gewinnwachstum und überdurchschnittliche Gewinnmargen von über 10 Prozent erwartet.
Hinzu kommt ein robuster Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosigkeit in der Eurozone liegt aktuell nur noch bei rund 6,3 Prozent und damit in der Nähe historischer Tiefstände. Zugleich ist die Lage innerhalb Europas sehr unterschiedlich. Spanien kommt trotz eines deutlichen Rückgangs zwar noch immer auf etwa 10 Prozent Arbeitslosigkeit, hat sich damit aber massiv von den Krisenjahren entfernt. Deutschland liegt bei knapp 4 Prozent, Italien bei rund 5,5 Prozent, Frankreich bei gut 8 Prozent. Von einem flächendeckenden Einbruch kann also keine Rede sein.
Bemerkenswert ist, dass auch die Sektorstruktur dem europäischen Markt aktuell hilft. Die in Europa höher gewichteten Energietitel profitierten zuletzt vom höheren Ölpreis, der aktuell bei über 90 US-Dollar pro Barrel liegt. Für den Sektor wichtige Banken wiederum profitieren von einem Zinsumfeld, das das Zinsgeschäft stützt, von ordentlicher Aktivität und bislang moderaten Kreditausfällen. Der oft im Fokus stehende Autosektor ist dagegen für den breiten Index weniger entscheidend, als die mediale Präsenz nahelegt. Entlassungen und Strukturprobleme sind real, sie erklären aber nicht den Gesamtmarkt.
Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Börse ist weder ein exaktes Abbild der Konjunktur noch des Sentiments. Märkte bewerten Erwartungen, Gewinne und Sektortrends. Gerade in Europa hat sich zuletzt gezeigt, dass es sich auch in einem Umfeld schlechter Stimmung lohnen kann, investiert zu bleiben.
Das Research-Team der DJE Kapital AG
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