Europäische Aktien: Positionierung für ein sich wandelndes Investitionsumfeld

Europäische Aktien stehen trotz geopolitischer Risiken und makroökonomischer Unsicherheit vor selektiven Chancen. Robert Schramm-Fuchs, Portfoliomanager bei Janus Henderson Investors, sieht strukturelle Treiber wie KI, Infrastruktur, Energie und Industriepolitik als mögliche Wachstumsmotoren. Janus Henderson Investors | 04.06.2026 08:14 Uhr
Robert Schramm-Fuchs, Portfoliomanager, Janus Henderson Investors / © e-fundresearch.com / Janus Henderson Investors
Robert Schramm-Fuchs, Portfoliomanager, Janus Henderson Investors / © e-fundresearch.com / Janus Henderson Investors

  • Veränderte Chancen eröffnen selektives Aufwärtspotenzial
  • Politisch gestützte Investitionen treiben selektive Chancen voran
  • KI und Infrastruktur unterstreichen Europas unterschätzte Stärken

Die europäischen Aktienmärkte bewegen sich in einem zunehmend unsicheren Umfeld. Unter der Oberfläche erkennen wir jedoch starke strukturelle Trends, die für Investoren, die hinter die Schlagzeilen blicken, neue Chancen schaffen.

Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Textes bleibt das Nachrichtengeschehen rund um den Nahostkonflikt hochvolatil, was eine genaue Einschätzung der Marktauswirkungen erschwert. Die letztliche Dauer des Konflikts wird darüber entscheiden, inwieweit sich die zu Jahresbeginn auf beiden Seiten des Atlantiks beobachteten, grundsätzlich positiven Wirtschaftssignale erneut durchsetzen können – oder ob stattdessen das Bild anhaltend hoher Ölpreise, einer Rückkehr der Inflation und von Lieferkettenunterbrechungen die Oberhand gewinnt.

Unterdessen bleiben die Zentralbanken in der gesamten Eurozone vorsichtig: Die Europäische Zentralbank (EZB) hält an ihrer restriktiven Geldpolitik fest, belässt die Zinsen unverändert und lässt die Tür für weitere Straffungsmaßnahmen offen.

Die konstruktivere Sichtweise

Auch wenn das kurzfristige makroökonomische Bild herausfordernd erscheinen mag, glauben wir, dass es eine positivere Entwicklung für europäische Aktien verdeckt. Wir erleben die bedeutendsten Reformpläne seit Jahren: mit Fokus auf Elektrifizierung und Modernisierung der Stromnetze, einer stärker koordinierten Industriepolitik sowie Bemühungen, das enorme, bislang ungenutzte Investitionspotenzial der europäischen Haushaltsersparnisse zu mobilisieren. Faktoren wie die Reform der Verbriefungsmärkte, eine strengere Importpolitik, Fortschritte beim Abbau von Compliance-Lasten sowie eine offenere Haltung gegenüber der Technologieentwicklung und bürokratisch belasteten Bereichen wie CO₂-Emissionen eröffnen neue Investitionsmöglichkeiten.

Auch wenn das kurzfristige „Makro"-Bild beunruhigend wirken mag, halten wir es für wichtig, über die mögliche konjunkturelle Schwäche hinwegzusehen und stattdessen den Fokus auf eine Reihe starker struktureller Treiber zu richten, die das Chancenspektrum für europäische Aktien neu gestalten:

1. Strategischer Wettbewerb um kritische Ressourcen: Von Seltenen Erden bis hin zu Energie – das weltweite Angebot ist nach Jahren der Unterinvestition knapp. Jüngste Ereignisse haben Investoren dazu veranlasst, den strategischen Wert von Energie neu zu durchdenken: nicht nur Öl und Gas, sondern auch die Herkunft und Versorgungssicherheit.

Unternehmen, die im Rohstoffsektor tätig sind oder die für die Gewinnung bzw. Verarbeitung dieser Rohstoffe benötigten Anlagen herstellen, stehen vor einem möglicherweise lang anhaltenden Aufschwung. Die Aussichten auf einen kräftigen „Aufhol“-Investitionszyklus haben Implikationen für die gesamte Lieferkette, mit erheblichem Potenzial für eine Rückkehr der Preissetzungsmacht dort, wo Kapazitäten knapp sind. Dies gilt sowohl für Energie- und Bergbauunternehmen als auch für vor- und nachgelagerte Bereiche, die von Investitionen profitieren dürften.

2. Bereiche mit wachsender staatlicher Unterstützung: Erneuerbare Energien haben klare Priorität, da der Euroraum seine Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen verringern will. Ein zweiter Energieschock innerhalb weniger Jahre hat eine politische Realität untermauert: Europa ist stark von importierten fossilen Brennstoffen abhängig, und Energiesicherheit ist nun eng mit wirtschaftlicher Sicherheit verknüpft. Das Ziel ist nicht nur Dekarbonisierung, sondern auch die Reduzierung der Abhängigkeit von Energieimporten und eine stabilere Kostenbasis für Haushalte und Industrie.

Die politische Unterstützung weitet sich auch auf ausgewählte Branchen aus, die als Bausteine der Wirtschaft gelten, wie Industriegüter (Stahl, Chemie etc.) und das verarbeitende Gewerbe. In einer Welt aggressiverer Handelspolitik und engerer Lieferketten wird die Idee, strategische Kapazitäten ins Ausland abwandern zu lassen, zunehmend in Frage gestellt. Konkret erwarten wir, dass Rüstungsaktien weiterhin vom erneuerten – und langfristigen – Fokus auf die Sicherheitsbedürfnisse der EU profitieren und die Abhängigkeit von externen Anbietern reduzieren.

Der Bankensektor profitierte zunächst von einer erneuten politischen Fokussierung nach dem Draghi-Bericht Ende 2024, der zahlreiche Initiativen der Europäischen Kommission zur Stärkung der Kapitalmärkte und der Finanzintegration anstieß. Der Schwung hat sich jedoch zuletzt abgeschwächt, da viele Vorschläge in die Komplexität des EU-Politikprozesses geraten sind, bei dem die Abstimmung zwischen Institutionen, Regulatoren und Stakeholdern langwierig sein kann. Wir sind dennoch weiterhin der Überzeugung, dass die grundsätzliche Richtung ermutigend bleibt.

Die Verteidigung bleibt angesichts der sich wandelnden Sicherheitsprioritäten der EU ein Bereich struktureller Unterstützung. Die zugesagten Ausgaben werden zwar voraussichtlich bereitgestellt, doch gibt es eine anhaltende Debatte über die Ausrichtung der Investitionen – insbesondere das Gleichgewicht zwischen konventionellen Systemen und neueren asymmetrischen Fähigkeiten wie Drohnen und Langstreckentechnologien.

3. Förderung von Innovationen: Europas strukturelle wirtschaftliche Herausforderung wurde oft als Innovationsmangel beschrieben. Investitionen in die Forschung waren träge, und zu viele Ausgaben flossen historisch in „Mitteltechnologie"-Industrien, die einst Wachstumsmotoren waren, heute aber eher Cash-Cow-Status haben.

Doch die Behauptung, „Europa fehle es an Innovation", ist auch eine Vereinfachung. Die Chance liegt zunehmend in Inseln globaler Führerschaft: Unternehmen, die die Technologien ermöglichen, welche moderne Volkswirtschaften antreiben. Dazu zählen fortgeschrittenes Computing, industrielle Automatisierung, Elektrifizierung sowie die Infrastruktur, die Strom und Daten effizient überträgt.

KI: Der unvermeidliche Faktor verändert die Aufmerksamkeit der Märkte

KI-Tools (Künstliche Intelligenz) reduzieren rasch den Bedarf an großen Vertriebs-, Allgemein- und Verwaltungsfunktionen und veranlassen Investoren, sich stärker schlanken Unternehmen zuzuwenden: Unternehmen, die mit weniger Hierarchieebenen und geringerem Overhead schneller Ergebnisse liefern können. Der sich seit der zweiten Jahreshälfte 2025 beschleunigende Leistungsabstand deutet darauf hin, dass die Märkte bereits neu bewerten, welche Unternehmen Premium-Bewertungen verdienen – und jene belohnen, die KI in Arbeitsabläufe, Produktivität und operativen Hebel einbetten.

Abbildung 1: Die Märkte belohnen Effizienz im KI-Zeitalter

Quelle: Societe Generale, Janus Henderson Investors, Stand 20. April 2026. Hinweis: SG&A = Vertriebs-, Allgemein- und Verwaltungskosten. Auf 100 normiert per 31. Dezember 2024. Das analysierte Aktienuniversum umfasst den S&P 500 Index. Frühere Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Erträge.

KI verändert nicht nur die Wahrnehmung von Unternehmen durch Investoren. Die Skalierungsanforderungen der KI erfordern enorme physische Infrastruktur, Materialien und Investitionen: in Rechenkapazitäten, Netzwerke, Stromerzeugung, Netzausbau sowie die spezialisierte Bau- und Ausrüstungsindustrie, die all das erst ermöglicht. Dies sind Bereiche, in denen Teile des europäischen Marktes eine bedeutende Präsenz haben.

Warum Europa weiterhin eine überzeugende Kombination bieten kann

Das Argument für europäische Aktien verbindet das Engagement in globalen strukturellen Kräften mit Faktoren einer binnenwirtschaftlichen Verbesserung, da Reform- und Investitionsmomentum anhalten. Global aufgestellte Unternehmen, die durch strukturelle Nachfrage Wachstum aufbauen können (selbst wenn das europäische Wachstum eher verhaltenbleibt), kombiniert mit dem Potenzial einer binnenwirtschaftlichen Erholung, werden durch inkrementellen Fortschritt in ihrer Wirkung verstärkt.

Abbildung 2: Europäische Aktien ≠ Europäisches BIP

Quelle (links): Bloomberg Konsensprognosen, Janus Henderson Investors Analyse, Stand 31. März 2026 (Europäische Aktien auf Mehrjahrzehnt-Bewertungstiefs). Es gibt keine Garantie, dass vergangene Trends anhalten oder Prognosen eintreten werden. Quelle (rechts): Bloomberg, Eurostat, Janus Henderson Investors Analyse, Stand 31. März 2026 (Europäische Aktienrenditen übertreffen Wirtschaftswachstum). Hinweis: MSCI Europe EUR Net Total Return Index und Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Europäischen Union, normiert auf 100 per 1. Januar 2010. Ab 2026 ist das BIP der Europäischen Union eine Schätzung auf Basis der EZB-Projektionen. Frühere Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Erträge.

All dies beseitigt die Risiken nicht. Energiegetriebene Inflation, länger anhaltend hohe Zinsen oder eine Eskalation geopolitischer Spannungen sind allesamt potenzielle Unsicherheitsquellen. Doch das Plädoyer für Europa dreht sich vielmehr darum, zu erkennen, wo struktureller Wandel stattfindet, wo Investitionszyklen Fahrt aufnehmen und wo die Politik beginnt, Innovation zu unterstützen. Die Chancen in Europa sind möglicherweise widerstandsfähiger und vielfältiger, als die Schlagzeilen vermuten lassen.

Von Robert Schramm-Fuchs, Portfoliomanager, Janus Henderson Investors

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