Zentrale Erkenntnisse:
- Die Zinsmärkte sind gefangen zwischen den inflationstreibenden Aspekten höherer Ölpreise und KI-bedingten CapEx-Ausgaben einerseits und den Entlastungsaussichten eines potenziellen US-Iran-Abkommens andererseits.
- Die Spreads von Unternehmensanleihen sind eng, doch die fundamentalen und technischen Gründe dafür bleiben intakt: Die Gewinne sind robust und die Anlegernachfrage ist weiterhin stark, wobei das Angebot gut aufgenommen wird.
- Verbriefte Vermögenswerte können zusätzliche und differenzierte Ertragsquellen bieten und Anlegern dabei helfen, den Ertrag pro Risikoeinheit potenziell zu maximieren.
Zu Beginn des Jahres 2026 stand ein Krieg zwischen Israel bzw. den USA und dem Iran nur bei wenigen auf dem Radar. Unsere Empfehlung, in unserem jährlichen Ausblick auf Widerstandsfähigkeit zu setzen, erwies sich daher als vorausschauend. In der ersten Jahreshälfte 2026 sahen sich die Anleihenmärkte vor allem mit einer Verschiebung der Zinserwartungen konfrontiert. Die Märkte befürchteten, dass höhere Energiepreise, verursacht durch gestörte Öl- und Gasflüsse aus dem Nahen Osten, die allgemeine Inflation anheizen könnten.
Zinsen dominieren die Kreditmärkte
Die Weltwirtschaft trotzte den Untergangsszenarien, doch geopolitische Spannungen schlugen sich in einer erhöhten Zinsvolatilität nieder. Die Renditen von Staatsanleihen stiegen, da die Aussicht auf Zinssenkungen weitgehend einer Pause und in einigen Fällen sogar Zinserhöhungen wich. Somit erfolgte eine Neubewertung der Geldpolitik. Auch neue fiskalische Sorgen trieben die Renditen nach oben. In den meisten Industrieländern übertrafen die Renditen länger laufender Anleihen die Höchststände der vergangenen Jahre.
Da der Ausblick für die Zinspolitik der US-Notenbank weiterhin unklar ist und andernorts eher restriktive Tendenzen überwiegen, bleiben wir beim Durationsrisiko vorsichtig. Die Inflationssorgen haben zugenommen – nicht nur aufgrund der Folgen des Konflikts im Nahen Osten, sondern auch, weil sich die Volkswirtschaften widerstandsfähiger gezeigt haben als erwartet. Gleichzeitig wirkt sich die mit künstlicher Intelligenz (KI) verbundene Investitionstätigkeit zunächst inflationär aus, beispielsweise durch höhere Kosten für Chips und Speicher, bevor die erwarteten Produktivitätsgewinne zum Tragen kommen.
Gleichwohl könnten der Renditeanstieg und die Zinsvolatilität einige taktische Chancen eröffnen. Wenn die Zweitrundeneffekte auf die Inflation infolge der Angebotsstörungen im Nahen Osten begrenzt bleiben und der Krieg endet, könnten die Renditen sinken. Dies hängt jedoch maßgeblich davon ab, wie lange der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus beeinträchtigt bleibt. Ein derart uneindeutiger Zinsausblick könnte die variabel verzinsliche Struktur vieler verbriefter Anlagen begünstigen.
Der Anstieg der Renditen von Staatsanleihen zog auch die Renditen von Unternehmensanleihen nach oben und belastete somit die Gesamterträge. Die Weltwirtschaft erwies sich jedoch als bemerkenswert widerstandsfähig. Der Konsum hielt sich robust – häufig entgegen pessimistischen Umfrageergebnissen – und die Arbeitsmärkte gerieten nicht ins Wanken.
Kreditspreads (die zusätzliche Rendite, die eine Unternehmensanleihe gegenüber einer Staatsanleihe ähnlicher Laufzeit bietet und die allgemein als Barometer für die Gesundheit von Unternehmen gilt) haben eine vollständige Rundreise vollzogen. Sie weiteten sich zu Beginn des Konflikts aus, haben sich seither jedoch wieder in die Nähe ihres Ausgangsniveaus zu Jahresbeginn bewegt, das nahe ihren engsten Ständen der vergangenen 20 Jahre lag. Eine Ausnahme bilden Schuldtitel geringster Qualität mit CCC-Rating, deren Spreads derzeit auf Durchschnittsniveau liegen. Dies deutet darauf hin, dass der Markt zwischen Schuldnern höherer und geringerer Qualität differenziert.

Auch wenn die Spreads im Vergleich zu den letzten 20 Jahren niedrig erscheinen, bleiben die Gesamtrenditen attraktiv, da die Renditen von Staatsanleihen derzeit sehr hoch sind. Dadurch entsteht trotz der engen Spreads eine Nachfrage vonseiten einkommensorientierter Anleger. Letztlich folgen Spreads dem Konjunkturzyklus und bislang gibt es in diesem Jahr nur wenige Anzeichen für eine deutliche Verlangsamung des Wirtschaftswachstums. Es ist jedoch möglich, dass die verzögerten Auswirkungen des Nahostkonflikts in den kommenden Monaten spürbar werden. Anleger sollten daher wachsam bleiben. Wir sind jedoch der Ansicht, dass übermäßige Vorsicht mit Opportunitätskosten verbunden sein kann.
Starke Gewinne haben die Stimmung gestützt. Im 1. Quartal 2026 verzeichnete der S&P 500® Index ein Gewinnwachstum von 28,6 % gegenüber dem Vorjahr – der schnellste Anstieg seit dem 4. Quartal 2021 (ein Wert, der durch den Erholungseffekt nach COVID positiv verzerrt war).1 Es lässt sich argumentieren, dass der Markt selbstgefällig sein könnte, doch der Trend der vergangenen Jahre hin zu engeren Spreads hat seinen Ursprung in soliden Fundamentaldaten. Die Unternehmensverschuldung ist in letzter Zeit zurückgegangen, und dies ist nicht nur ein US-Phänomen.

Berücksichtigt man zudem die robusten Bilanzen der privaten Haushalte, die niedrige Arbeitslosigkeit in vielen Ländern, die bis zum jüngsten Anstieg der Energiepreise steigenden Reallöhne sowie die Steuersenkungen in den USA, lässt sich die Enge der Spreads leichter rechtfertigen.
Angebot schafft seine eigene Nachfrage
Angesichts des hohen Anleiheangebots von Hyperscalern, die in KI investieren, mag die Vorstellung einer rückläufigen Unternehmensverschuldung zunächst widersprüchlich erscheinen. Allein in diesem Jahr werden Investitionsausgaben der Hyperscaler in Höhe von rund 800 Mrd. US-Dollar erwartet. 2 Die Märkte müssen 2026 möglicherweise rund 240 Mrd. US-Dollar an KI-bezogenen Anleiheemissionen aufnehmen. 3 Zwar stammt der überwiegende Teil dieser Emissionen von einigen der hochwertigsten Schuldnern, von denen viele kaum oder gar keine Nettoverschuldung aufweisen. Das schiere Volumen der Neuemissionen könnte jedoch die Aufnahmebereitschaft der Anleger testen und die Unternehmensspreads unter Druck setzen. Chancen aus dem KI-Ausbau entstehen auch in verbrieften Sektoren, insbesondere bei infrastrukturbesicherten Asset-Backed Securities (ABS).
Für andere Schuldner könnte es zu einem Verdrängungseffekt kommen, der in der zweiten Jahreshälfte 2026 zu einer moderaten Ausweitung der Spreads führen könnte. Dem steht jedoch gegenüber, dass aufgenommenes und ausgegebenes Kapital andernorts in der Wirtschaft Umsätze generiert. Ein zentrales Marktrisiko bestünde darin, dass die Hyperscaler ihre Ausgabenpläne zurückfahren, da dies die positive Marktstimmung durchbrechen und Risikoanlagen belasten könnte.
Wir befinden uns derzeit in einer unklaren Phase für KI. Obwohl niemand die vollständigen Kosten und Vorteile mit Sicherheit kennt, handelt es sich bereits um eine transformative Technologie, die einen wirtschaftlichen Impuls liefert. Die Sorge, dass KI bestehende Geschäftsmodelle verdrängen könnte, hat Softwareunternehmen unter Druck gesetzt. Dies hat wiederum in Teilen des Private-Credit-Marktes zu Herausforderungen geführt, die eher im Zusammenhang mit negativen Schlagzeilen über Rücknahmebeschränkungen als mit systemischen Problemen stehen. Am anderen Ende des Spektrums stehen sogenannte HALO-Unternehmen (heavy assets, low obsolescence), zu denen beispielsweise Energienetze, Rohstoffe und Industrieunternehmen gehören. Sie gelten als weitgehend immun gegenüber Verdrängung.
Vielfalt der Renditequellen
Uns ist bewusst, dass die anhaltende Stärke der Aktienmärkte zu Überschwang geführt hat. Die Wahrscheinlichkeit einer Korrektur könnte zunehmen. Die verzögerten Auswirkungen einer Schließung der Straße von Hormus könnten sich – sofern die Situation nicht bald geklärt wird – in Form von schwächerem Wachstum oder höherer Inflation niederschlagen. Zudem könnte die Fed eine Wende hin zu Zinserhöhungen signalisieren. Auch der umfangreiche Kalender für Börsengänge, der oft ein Vorbote eines Markthochs ist, könnte für Probleme sorgen.
Es kann daher sinnvoll sein, zu prüfen, welche Bereiche der Anleihenmärkte weniger stark mit Aktien korrelieren. Schließlich werden festverzinsliche Anlageklassen neben ihrer Ertragskomponente häufig auch als Diversifikator für das Portfolio genutzt. Hochzinsanleihen, die sensitiv gegenüber Unternehmensbedingungen sind, weisen die engste Korrelation mit Aktien auf. Staatsanleihen haben typischerweise eine negative Korrelation, da sie sich häufig besser entwickeln, wenn sich das makroökonomische Umfeld abschwächt.
Verbriefte Anlagen wie Asset-Backed Securities (ABS) und Commercial Mortgage-Backed Securities (CMBS) weisen eine niedrige bis negative Korrelation zu Aktien auf. Das liegt unter anderem daran, dass sie tendenziell auf spezifische oder differenzierte Zyklen – etwa Wohnungsangebot, Reisen, Einzelhandelskonsum oder Mietmärkte – reagieren und verbriefte Indizes häufig eine höhere Kreditqualität als Unternehmensanleihen aufweisen.

Angesichts des unsicheren Marktausblicks ist die breite Palette von Subanlageklassen im Bereich der festverzinslichen Wertpapiere ein nützliches Instrumentarium für die Portfoliokonstruktion. Abbildung 4 zeigt die Volatilität verschiedener Anlageklassen anhand zweier Faktoren: Zinsrisiko, d. h. Bewegungen im Zusammenhang mit Änderungen der Zinssätze, und Spreadrisiko, d. h. Bewegungen im Zusammenhang mit Änderungen des Vertrauens, dass ein Schuldner seine Verbindlichkeiten zurückzahlen kann. Anleger, die ihre Sensitivität gegenüber Zinsänderungen begrenzen möchten, könnten stärker in variabel verzinsliche Kredite oder Collateralised Loan Obligations (CLOs) investieren.
Am anderen Ende des Spektrums dürften Investment-Grade-Unternehmensanleihen am stärksten positiv auf eine Zinssenkung reagieren. Anleger, die sich Sorgen über die Wachstumsaussichten machen, können das Spread- bzw. Kreditrisiko durch eine Allokation in US-Staatsanleihen oder Agency MBS begrenzen. Umgekehrt dürften Hochzinsanleihen und Schwellenländeranleihen in einem Umfeld widerstandsfähigen Wirtschaftswachstums mehr Potenzial bieten.
Die Kombination von Anlageklassen oder der Einsatz von Absicherungsstrategien kann Anlegern dabei helfen, ein gewünschtes Risikoprofil und Ergebnis zu erreichen. Zuvor haben wir darauf hingewiesen, dass die Spreads von Unternehmensanleihen nahe ihren engsten Ständen lagen. Dies gilt jedoch nicht für verbriefte Anlagen: Dort befinden sich die Spreads – und damit auch die Renditen – weiterhin auf relativ attraktiven Niveaus. Anleger können somit ihre Erträge pro Risikoeinheit maximieren. Die Kreisgrößen in Abbildung 4 stellen die Höhe der durchschnittlichen Renditen zum 31. Mai 2026 dar. So beträgt die Rendite von US-Staatsanleihen 4,3 %, die von US-Krediten hingegen 8,6 %.

Seit einiger Zeit empfehlen wir Anlegern, über die engen Grenzen traditioneller Anleihenmärkte hinauszublicken und die Chancen sowie das Diversifikationspotenzial der gesamten Anlageklasse zu nutzen.
Die erste Jahreshälfte 2026 hielt für Anleger einige Überraschungen bereit. Betrachtet man die Dinge jedoch im richtigen Licht, kann man nachvollziehen, warum sich die Märkte auf eine bestimmte Weise verhalten haben. So kann man objektiv danach streben, Chancen zu nutzen und Risiken in Portfolios zu mindern.
Von Alex Veroude, Head of Fixed Income bei Janus Henderson Investors
Weitere beliebte Meldungen:
1Quelle: Factset, Gewinnwachstum des S&P 500 im 1. Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahr. Zum 29. Mai 2026 hatten 97 % von 500 Unternehmen bis zu diesem Datum ihre Ergebnisse für das 1. Quartal 2026 vorgelegt.
2Quelle: Schätzungen von Morgan Stanley, 12. Mai 2026. Es gibt keine Garantie dafür, dass sich vergangene Trends fortsetzen oder Prognosen eintreffen.
3Quelle: Barclays-Schätzungen, 21. Mai 2026. Es gibt keine Garantie dafür, dass sich vergangene Trends fortsetzen oder Prognosen eintreffen.
WICHTIGE INFORMATIONEN
Eine Diversifizierung garantiert weder das Erzielen von Gewinnen noch eliminiert es das Risiko von Anlageverlusten.
Anleihen unterliegen Zins-, Inflations-, Kredit- und Ausfallrisiken. Der Anleihenmarkt ist volatil. Wenn die Zinsen steigen, fallen die Anleihekurse in der Regel und umgekehrt. Die Rückzahlung des Anlagebetrags ist nicht garantiert, und die Kurse können fallen, wenn ein Emittent seinen Zahlungsverpflichtungen nicht fristgerecht nachkommt oder sich seine Bonität verschlechtert.
High Yield-Anleihen sind mit einem höheren Ausfallrisiko und einer höheren Preisvolatilität verbunden und können plötzliche und starke Kursschwankungen verzeichnen.
Verbriefte Produkte wie hypotheken- und forderungsbesicherte Wertpapiere reagieren empfindlicher auf Zinsänderungen, unterliegen dem Verlängerungs- und Vorauszahlungsrisiko und einem höheren Kredit-, Bewertungs- und Liquiditätsrisiko als andere Anleihen.
Die Renditen können schwanken und sind nicht garantiert.
Die vorstehenden Einschätzungen sind die des Autors zum Zeitpunkt der Veröffentlichung und können von den Ansichten anderer Personen/Teams bei Janus Henderson Investors abweichen. Die Bezugnahme auf einzelne Wertpapiere stellt keine Empfehlung zum Kauf, Verkauf oder Halten eines Wertpapiers, einer Anlagestrategie oder eines Marktsektors dar und sollten nicht als gewinnbringend angesehen werden. Janus Henderson Investors, die mit ihr verbundenen Berater oder ihre Mitarbeiter haben möglicherweise eine Position in den genannten Wertpapieren.
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