Euro-Konjunktur: Knappheit erhöht Reformdruck

Die Stimmung der Unternehmen im Euroraum hat sich im April spürbar eingetrübt. Der Einkaufsmanagerindex (PMI) für die Gesamtwirtschaft fiel deutlich unter die Schwelle von 50 Punkten und signalisiert damit eine rückläufige wirtschaftliche Dynamik in den kommenden Monaten. Der kräftige Anstieg der Energiepreise hat die Erwartungen vor allem im Dienstleistungssektor erheblich belastet. Die Daten zeigen die zunehmende Bedeutung von Knappheiten für den Wirtschaftsprozess und untermauern den Reformdruck in Deutschland und Europa, erklärt Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz. Eyb & Wallwitz | 23.04.2026 12:56 Uhr
Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz / © e-fundresearch.com / Eyb & Wallwitz
Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz / © e-fundresearch.com / Eyb & Wallwitz

Der Einkaufsmanagerindex für die Gesamtwirtschaft im Euroraum ist im April um 2,1 auf 48,6 Punkte gesunken und deutet damit auf eine Schrumpfung der wirtschaftlichen Aktivität hin. Dabei hat sich die Stimmung im Dienstleistungssektor stark eingetrübt (-2,8 auf 47,4 Punkte). Überraschend ist dagegen der Index für die Industrie leicht gestiegen (+0,6 auf 52,2 Punkte). Hier dürften allerdings Vorratskäufe und Lagerinvestitionen in Reaktion auf die geopolitischen Risiken das Ergebnis nach oben verzerren. Ausschlaggebend für den Rücksetzer in der Gesamtwirtschaft ist vor allem der starke Anstieg der Energiepreise infolge der geopolitischen Eskalation im Nahen Osten, der den Preis- und Kostendruck in beiden Sektoren stark erhöht hat. Unter den großen Volkswirtschaften hat sich die Stimmung in Deutschland besonders deutlich verschlechtert, aber auch in Frankreich zeigen die Indikatoren nach unten. Die konjunkturelle Schwäche gewinnt damit an Breite und Tiefe.

Aussichten für Anleger

Insgesamt zeichnen die Einkaufsmanagerindizes für April das Bild einer europäischen und vor allem deutschen Wirtschaft, die empfindlich auf externe Schocks reagiert. Die starken Energiepreisanstiege infolge des Kriegs gegen den Iran wirken wie Bremsklötze für die Konsumnachfrage der Haushalte und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Gleichzeitig lasten die anhaltend hohe geopolitische und handelspolitische Unsicherheit sowie strukturelle Defizite – insbesondere in Deutschland – auf den Geschäftsaussichten. Dabei rückt ein zentrales ökonomisches Prinzip zunehmend wieder in den Vordergrund: die Knappheit. Energie ist nicht mehr selbstverständlich günstig verfügbar, qualifizierte Arbeitskräfte bleiben rar, und auch Kapital droht unter restriktiveren Finanzierungsbedingungen knapper zu werden. All das gilt für Europa und für Deutschland derzeit in besonderem Maße. Gleichzeitig liegt darin auch eine Chance für neue Impulse. Denn erst die Knappheit zwingt zur Auswahl, zur Innovation und zur Neuordnung bestehender Strukturen. Vor diesem Hintergrund ist die Zeit für entschlossene Reformschritte gekommen. Das gilt umso mehr, als dass sich das Fenster hierfür bereits beginnt zu schließen. Denn mit dem Herannahen wichtiger Wahlen in Frankreich, Italien und Spanien 2027 wird der politische Handlungsspielraum im weiteren Jahresverlauf enger.

Von Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz

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