Raiffeisen KAG CIO Kunrath: Zwischen KI-Euphorie und Krisenmodus

Deglobalisierung, KI-Boom und geopolitische Risiken prägen das aktuelle Kapitalmarktumfeld. Karin Kunrath, Chief Investment Officer von Raiffeisen Capital Management, analysiert, welche Trends Aktien, Anleihen, Emerging Markets und Rohstoffe derzeit bewegen. Raiffeisen Capital Management | 11.06.2026 12:38 Uhr
Karin Kunrath, Chief Investment Officer von Raiffeisen Capital Management / © e-fundresearch.com / Raiffeisen Capital Management
Karin Kunrath, Chief Investment Officer von Raiffeisen Capital Management / © e-fundresearch.com / Raiffeisen Capital Management

Wir erleben weiterhin unruhige Zeiten. Doch war das Umfeld je auch nur annähernd perfekt? Diverse Krisen, wie wir sie zuletzt gehäuft vorfinden, hat es in der einen oder anderen Form immer schon gegeben, aber die heutige Informationsflut sorgt dafür, dass wir permanent insbesondere mit negativen Schlagzeilen konfrontiert werden. Was sich in Hinblick auf den Kapitalmarkt in den letzten Jahren tatsächlich nachhaltig verändert hat, ist die Trendumkehr zur Deglobalisierung (nach Jahrzehnten der Globalisierung) und die neue Dynamik in der militärischen Aufrüstung. Bei aller Ernüchterung in Anbetracht manch unerfreulicher Entwicklung hilft eine Vogel-Strauß-Politik nicht weiter. Unternehmen haben im hochkompetitiven Wettbewerb auch unter schwierigen Rahmenbedingungen – wie wir sie aktuell zweifelsfrei vorfinden – tagtäglich Entscheidungen zu treffen, um das Beste aus dem jeweiligen Umfeld herauszuholen. Nur so kann das Geschäftsmodell gestärkt und der Marktanteil in der jeweiligen Branche ausgebaut oder zumindest der Status quo erfolgreich verteidigt werden. Am Kapitalmarkt lassen sich anhand relativer (Kurs-)Entwicklungen wesentliche Branchentrends und Veränderungen oftmals frühzeitig erkennen, zumal diese sukzessive eingepreist und damit gewissermaßen schon vorweggenommen werden. Ein Beispiel ist der Softwarebereich als Subsektor innerhalb der boomenden IT-Branche, wo sich bereits ab Herbst letzten Jahres eine Kursschwäche in Relation zum Technologieindex bzw. zum Gesamtmarkt abgezeichnet hat. Zum diskutierten Marktthema wurden die disruptiven KI-Effekte auf die etablierten Anbieter von Softwarelösungen als fundamentaler Background der Neubewertung dieser Aktien jedoch erst Monate später, nachdem erste, kostengünstige Alternativen von aufstrebenden KI-Agenten konkret absehbar waren. Auch der aktuelle Hype um die Halbleiterhersteller als Hauptprofiteure der massiven KI-Infrastrukturinvestitionen der sogenannten „Hyperscaler“ wird früher oder später einem neuen Marktthema weichen und über die relativen Kursentwicklungen seinen Niederschlag finden.

Die Kluft zwischen dem KI-Boom und den wirtschaftlichen Auswirkungen des Konflikts am Persischen Golf ist zuletzt weiter aufgegangen, doch bislang haben die Rekordgewinne im Technologiesektor die Belastungen in anderen Teilen der Wirtschaft abgefedert. Auf Basis unserer fundamentalen Marktindikatoren bleibt die Positionierung mit einer leichten Aktienübergewichtung unverändert.

Staatsanleihen: Französische und deutsche Papiere im Fokus

Wir bleiben für französische und deutsche Staatsanleihen weiterhin positiv gestimmt, während wir uns in erster Linie bei US-Staatsanleihen zurückhalten. Auch australische Staatsanleihen bleiben für uns weiterhin von Interesse. US-Staatsanleihen sind für uns ausschließlich im Tausch gegen risikoreichere Anleihe-Assets (US High-Yield-Anleihen und Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen) interessant.

Unternehmensanleihen: Gepreisten Risiken dürften ihr Tief gefunden haben

Spreads von US-High-Yield-Anleihen sind in diesem Jahr bereits rund 100 Basispunkte ausgelaufen, um später wieder einzulaufen, ohne dass sich deren Fundamentaldaten wesentlich verändert haben. Wir sehen somit eine Anleiheklasse, die stark durch Sentiment und Newsflow getrieben ist. High-Yield-Unternehmensanleihen preisen keinerlei nennenswerte Ausfalls-, Bonitäts- oder Liquiditätsrisiken. Während Aktienkurse im Zuge ihres Gewinnwachstums weiter steigen können, dürften die gepreisten Risiken von Unternehmensanleihen ihr Tief gefunden haben.

Emerging-Markets-Anleihen: Risikoprämien nahe historischer Tiefstände

Schwellenländer-Hartwährungsanleihen präsentieren sich nach einer kurzen Schwächephase Anfang des Jahres weiterhin stark, wobei deren Risikoprämien nahe ihrer historischen Tiefstände handeln. Ähnlich wie an den Aktienmärkten behaupten sich Emerging-Markets-Anleihen gegenüber Anleihen entwickelter Märkte außerordentlich gut. Wir denken dennoch, dass Schwellenländer-Anleihen überkauft sind, und sind bei dieser Anleiheklasse derzeit zurückhaltend.

Entwickelte Aktienmärkte: Stimmung bislang optimistisch

Trotz der anhaltend schwierigen Nachrichtenlage zum Iran-Krieg präsentierten sich die internationalen Aktienmärkte in den letzten Wochen sehr freundlich. Der Blick auf das erwartete Gewinnwachstum liefert wohl die wichtigste Erklärung für die festen Aktienmärkte. Die Notenbanken werden in diesem Umfeld Zinssenkungen nach hinten schieben bzw. potenziell sogar mit Zinsanhebungen reagieren. Kurzfristig scheint die Stimmung etwas optimistisch zu sein, angesichts der Unterstützung von der Gewinnseite bleiben wir bei Aktien vorsichtig optimistisch.

Emerging-Markets-Aktien: Bewertungen im Vergleich attraktiv

Auch die Aktienmärkte der Schwellenländer konnten den Werteinbruch im Zuge des Irankriegs inzwischen wieder wettmachen. Ebenso setzt sich die erfreuliche relative Performance gegenüber entwickelten Aktienmärkten fort. Hier zeigt sich, dass der asiatische Raum auch ein AI-Powerhouse der Welt ist. Die Bewertungen von Emerging Markets – sowohl im Aggregat als auch einzeln betrachtet – sind attraktiver als in zahlreichen anderen Regionen und weisen auf stärkeres (Gewinn-)Wachstum hin.

Rohstoffmärkte: Konsolidierung der Preise bei Edelmetallen

Die internationalen Rohstoffmärkte präsentierten sich zuletzt uneinheitlich. Auf einen starken Jahresbeginn bei Edelmetallen folgte in den letzten Monaten eine Konsolidierung der Preise. Die Risikoprämie bei Energierohstoffen wurde zuletzt teilweise ausgepreist. Im Gegenzug ließ der Optimismus für das globale Wachstum Industriemetalle stärker steigen.

Von Karin Kunrath, Chief Investment Officer von Raiffeisen Capital Management

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